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Igor Levit im Gespräch: „Ich bin immer im Moment.“

Während des Lockdowns 2020 streamte der 1987 in Russland geborene und in Berlin lebende Pianist Igor Levit 53 Konzerte aus seinem Wohnzimmer und bekam dafür weltweite Resonanz. Zum Zeitpunkt des Interviews ist der Pianist gerade in New York, abends spielt er in der Carnegie Hall, am nächsten Tag geht´s nach Washington.

Sie beschreiben sich auf ihrer Website als Citizen, European, Pianist. Was bedeutet Ihnen diese Reihenfolge?
Das sind Dinge, von denen ich immer überzeugt war. Für mich ist diese Reihenfolge eine Pyramide, die vom Boden bis zum Kopf reicht. Ich bin der Staatsbürger des Landes, in dem ich lebe, in diesem Fall Deutschland. Damit einher gehen bestimmte Pflichten, aber auch wahnsinnig große Privilegien und das verbindet mich mit sehr vielen anderen Menschen. Europa bin ich auf vielen Ebenen sehr verbunden, stehe ihm aber auch kritisch gegenüber. In den letzten Jahren hat sich mein Leben dahin entwickelt, dass ich Musiker und Pianist wurde. Das wollte ich immer sein, ich hatte aber auch die Möglichkeit dazu.

 

Warum haben Sie sich das Klavier ausgesucht?
Das war schon immer klar. Bei mir gab es zuhause immer Musik und das Klavier war einfach da, meine Mutter hat gespielt, meine  Schwester auch. Das Klavier ist für Kinder ein sensationell gutes Instrument, weil du von Beginn an sofort ein Erfolgserlebnis hast. Auch wenn du gar nichts kannst, du drückst eine Taste und es kommt ein Ton. Dieser psychologische Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Ich habe angefangen und bis heute nicht aufgehört.

Ich habe schon ein paar Mal in der Isarphilharmonie gespielt und mag den Saal sehr, er hat so etwas Einfaches, Schnörkelloses und Direktes. Ein sogenannter Interimssaal, der einfach so wahnsinnig gut ist, ist ein großes Geschenk. Ich mag auch die Farbe und das Licht, es ist ein gutes Gefühl, dort zu sein und zu spielen – in welcher Konstellation auch immer.

Igor Levit
Porträt Igor Levit
Copyright: Felix Broede/Sony Classical

Am Abend spielen Sie in der Carnegie Hall. Wie empfinden Sie den Moment vor dem Konzert?

Ich freue mich immer sehr darauf. Das englische Wort excited trifft es ganz gut: Ich bin nicht nervös im negativen Sinn, sondern freue mich darauf, aufzutreten. Ich habe keine Routinen oder Rituale vor dem Auftritt.

 

Und wie geht´s Ihnen nach einem Aufritt?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich nicht allein bin, ist es für mich nach Konzerten wunderschön, weil ich danach etwas teilen kann. Habe ich aber keine Vertrauten um mich, ist es häufig schwierig, weil dieser Austausch fehlt. Dann komme ich von einem intensiven Abend mit Musik und Publikum ins Hotelzimmer und stelle plötzlich alles in Frage. Das kann mitunter extrem schwer sein.

 

Das hört sich für mich an, als seien Sie immer sehr im Moment …  

Exakt. Ich bin immer im Moment. Der Moment ist das, was mir am wichtigsten ist. Ich hänge nicht an der Vergangenheit, an den Dingen, die nicht mehr sind. Das Leben, das jetzt stattfindet, ist für mich spannend und erfüllend genug.

 

Was hat das für Auswirkungen auf Ihre Musik?

Da fließt mein Leben mit ein, meine Mitmenschen, meine Gedanken. Aber es ist trotzdem hier und jetzt die Gegenwart, die passiert. Wenn wir Musiker*innen aufhören, Musik zu spielen, ist es still. Insofern ist das Jetzt das Essenziellste. Stille, wo gerade noch Musik war, muss man auch erstmal ertragen.

Wie war das während der Coronazeit, als alle Ihre Auftritte abgesagt wurden?

Das war ein Schock und ist es in seinen Konsequenzen immer noch. Wir sind noch nicht in der Situation, in der man über diese Zeit nicht mehr nachzudenken braucht – ganz im Gegenteil. Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich nicht weiter Musik machen kann, wenn ich das Gefühl verliere, dass ich das für Menschen mache. Ich habe spontan beschlossen, die Technologie zu nutzen, die ich habe, um in Verbindung zu bleiben. So kam es zu meinen Hauskonzerten. Der Schock wurde dadurch nicht gelindert, aber ich habe meinem Alltag einen Sinn gegeben. Das war der eine gute Moment am Tag.

 

Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe eine künstlerische Freiheit gelebt, die enorm war. Und bin eine sehr große Verbindung mit dem Publikum eingegangen, das ist geblieben. Diese Art der Freiheit, der inneren Souveränität,ist sehr wichtig für mich und die gebe ich auch nicht mehr her. Wenn ich ehrlich bin, empfinde ich diese Zeit als beides: Als Schock und Herausforderung, aber ganz persönlich für mich auch als ein großes Geschenk. Eine große Leere und eine wahnsinnige Entwicklung. Für die bin ich unendlich dankbar und ich versuche, diese Erfahrung für mich beizubehalten. Gerade bin ich – soweit man es in dieser Welt sein kann – ein ziemlich glücklicher Mensch.

 

Das ist schön. Weil eben nicht alles auf dieser Welt gut läuft, engagieren Sie sich gegen Nationalismus, Antisemitismus und Sexismus. Muss man als Künstler*in eine politische Haltung zeigen?

Das ist schwierig. Ich empfinde es als meine persönliche Verpflichtung, Unrecht, dem ich begegne, etwas entgegenzusetzen. Ich gehe davon aus und hoffe, dass das andere Menschen auch so sehen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sich Künstler*innen politisch äußern sollen. Künstler*innen müssen nicht mehr oder weniger als andere Menschen auch. Daraus eine moralische Verpflichtung zur öffentlichen Äußerung abzuleiten, finde ich absurd. Die Zeit der Leibeigenschaft ist vorbei! Menschen haben das souveräne Recht für sich zu entscheiden, wie sie mit ihrem Alltag umgehen.

Sie wollen Igor Levit spielen hören?

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