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19.05.2020

Unser Mann am Bau: Andreas Schmidt, Bauleiter des Gasteig Sendling

Unser Mann am Bau: Andreas Schmidt, Bauleiter des Gasteig Sendling Chefsache – Bauleiter Andreas Schmidt (l.) und Gasteig-Chef Max Wagner Robert Haas

Wer die Gasteig-Baustelle in Sendling betreten möchte, braucht sein Einverständnis: Andreas Schmidt leitet den Bau des Ausweichquartiers, in das der Gasteig während der Generalsanierung ab 2021 umziehen wird. Eine Wache im Pförtnerhäuschen an der Hans-Preißinger-Straße kontrolliert die Zufahrt zum Gelände und den Grund unseres Besuch: Ein Gespräch mit Bauleiter Andreas Schmidt, der uns in seinem 20 qm Container-Büro empfängt.

Vertrautes Team: Schmidt und Kollegin Abu Ria

Hier hängen Fotos und Einkaufszettel an den Wänden, verstaubte Baustellen-Stiefel stehen ordentlich auf einer Fußmatte neben der Tür. Andreas Schmidt, wie heimisch fühlen Sie sich mittlerweile auf der Gasteig-Baustelle?
Das Ausweichquartier ist für mich tatsächlich ein gutes Stück Heimat geworden, meine Kollegin Nadine vom Team Bauleitung CL MAP sehe ich weitaus öfter als meine Frau, hier auf der Baustelle bin ich auch sehr viel länger als daheim. Daher versuchen wir, uns den Container einigermaßen wohnlich zu machen, ihn ordentlich und ein stückweit gemütlich zu halten. Die schöne Grünpflanze hier hat uns übrigens der benachbarte Reifenhändler Senjak vertrauensvoll zur Pflege gegeben, weil er durch den Umbau keinen Platz mehr für sie hatte.

Klingt nach guter Nachbarschaft …
Ja, wir haben mittlerweile einen guten Stand und verstehen uns gut mit den Mietern hier im Areal. Wir versuchen uns gegenseitig zu helfen und kommunizieren miteinander. Egal, wo ich baue, ich habe immer eine Umgebung, die unter der Baustelle leidet. Als Bauleiter muss ich informieren, sämtliche Menschen einbeziehen und das Beste tun, damit die Leute gut mit der Baustelle leben können.

»Die Leute werden glücklich sein, den Gasteig zwischenzeitlich hier zu haben (...)«

Was antworten Sie unmittelbar Betroffenen: Warum lohnt es sich, Beeinträchtigungen der Gasteig-Baustelle in Sendling auszuhalten?
Wenn dieses Projekt erstmal fertig ist, schätze ich die Begeisterung groß ein. Die Leute werden glücklich sein, den Gasteig zwischenzeitlich hier zu haben, weil hier eine schöne Kulturstätte entsteht, die es zum Teil schon war, durch die Baumaßnahmen aber nochmal wahnsinnig aufgewertet wird. Ich glaube, es wird eine schöne Mischung mit allem, was es hier bereits gibt – mit dem Schreiner oder dem Reifenhändler hier im Quartier, mit den Tanzveranstaltungen des ansässigen Tanzstudios.

Sie haben in München schon an vielen Bauvorhaben mitgewirkt, darunter die Siemens Headquarters am Wittelsbacherplatz oder das Areal der Hofstatt München. Was macht das Projekt »Gasteig Sendling« einzigartig?
Ich würde sagen das Miteinander mit den vielen Leuten auf dieser Baustelle, den Anwohner(inne)n und Beschäftigten hier im Quartier und mit den Medien. Dann die einzigartige Umgebung, urban und gleichzeitig mit dieser Nähe zu den Isarauen. Besonders ist außerdem das Nebeneinander von alten Bauten wie der denkmalgeschützten Trafohalle und neuen Bauvorhaben.

Was reizt Sie an diesem Bauprojekt besonders?
Ich bin geborener Münchner und habe natürlich schon etliche Konzerte im Gasteig gehört, aber mir war vorher nicht bewusst, dass dahinter so ein großes kulturelles Unternehmen steckt. Ein bisschen Respekt hatte ich anfangs schon, weil der Gasteig Sendling ein sehr großes und kompliziertes Projekt ist. Aber hauptsächlich habe ich mich gefreut, denn so ein riesiges Kulturprojekt baut man nicht alle Tage. Besonders reizt es mich, Grenzen zu erkennen, was kommuniziere ich wie, nach außen und intern.

Kommen Sie manchmal auch ins Schwitzen?
Das gehört beim normalen Bauablauf jeden Tag dazu. Man braucht ein gutes Stück Erfahrung und Gewohnheit, um darauf zu vertrauen, dass man die Wogen glätten und Probleme lösen kann. Das ist unser Job. Es gibt den Spruch »Bauen ist das letzte Abenteuer der Zivilisation« und ich halte ihn für ein gutes Stück wahr. Ich kann keinen Tag komplett vorplanen, es passiert immer wieder Unvorhergesehenes.

Woraus besteht Ihre Nervennahrung?
Das sind lange Spaziergänge mit meinem Hund Sheila, einer Mischung aus Terrier, Husky und Pudel. Manchmal darf sie samstags mit auf die Baustelle, wenn ich nur kurz nach dem Rechten schaue.

»Bauen ist das letzte Abenteuer der Zivilisation!«

Beim täglichen Kontrollgang

Wie beginnt Ihr typischer Baustellen-Arbeitstag hier?
Ich versuche, der Erste zu sein und komme meist gleichzeitig mit der Wache kurz vor sechs Uhr morgens. Jeden Morgen schaue ich als allererstes, ob die Pumpen laufen. Unten im Keller der denkmalgeschützten Trafohalle sind wir auf Grundwasser gestoßen, das abgepumpt werden muss, bevor neu darauf gebaut wird. Die Halle soll ja das zentrale Forum für alle Gasteig-Gäste werden.

Haben Sie einen Lieblingsort auf der Gasteig-Baustelle?
Eindeutig ja, das ist ein unterirdischer Gang, der mir plantechnisch gar nicht geläufig war! Er führt vom Keller der Trafohalle unter der Brudermühlstraße hindurch und endet im Sicherheitsbereich des Stadtwerke-Kraftwerks. Ich habe diesen Tunnel irgendwann im Keller entdeckt, bin immer weitergelaufen und stand auf einmal vor Wachleuten des Kraftwerks. Die Halle war früher einmal eine Lagerhalle für Trafos, natürlich laufen etliche Rohre und Leitungen unter der Erde durch. Wir haben den Gang zwischenzeitlich abgesperrt um einen unbefugten Zutritt zum Kraftwerk ausschließen zu können. Das Gelände hier ist so spannend.

Sie haben eine Ausbildung zum Feinmechaniker und waren früher Radartechniker bei der Luftwaffe der Bundeswehr. Welche Fähigkeiten sind in Ihrem Beruf als Architekt und Bauleiter unabdingbar?
Mit 100-prozentiger Sicherheit strukturiertes Denken, ein gutes Stück an technischem Verständnis, fachliches Können und soziale Kompetenz, finde ich. Ordnung und Sauberkeit sind mir außerdem sehr wichtig.

Längst abgeschlossen: Bohrungen für die Philharmonie © Robert Haas

Zu den schönsten Baustellen-Momenten zählen Sie … ?
… wenn früh morgens gelbes Licht leuchtet und draußen betoniert wird: Der eindringliche Geruch von frischem Beton in Kombination mit diesem Licht sind für mich ein Traum. Der Geruch lässt sich nur schwer beschreiben, vielleicht ein bisschen Holz und nasser Stein, wie wenn man im Gebirge ist und es hat geregnet.

Aus aktuellem Anlass: Wie gehen Sie auf dem Bau mit der Corona-Krise um?
Privat wie auf der Baustelle versucht man, Normalität zu leben, wo leider keine zu finden ist – aber es muss ja weitergehen und wir versuchen, uns nicht verrückt machen zu lassen und Zuversicht zu verbreiten. Der Rohbau der Interimsphilharmonie läuft gerade mit enormem Tempo und lässt sich bislang auch nicht durch den Virus stoppen – wenn auch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Das freut uns natürlich, auch wenn es anstrengend ist. Home Office ist in unserem Job nicht möglich – wir werden unser Bestes geben!



Was von Juni 2019 bis Mai 2020 im Ausweichquartier des Gasteig passiert ist, zeigt dieses Zeitraffer-Video, laufend aktuelle Bilder von der Baustelle liefert unsere Live-Kamera.

Interview und Text: Maria Zimmerer
Fotos: Robert Haas (Titelfoto und Bohrung), Gasteig München GmbH / Maria Zimmerer

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