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08.04.2016

»Die Philharmonie ist mein Wohnzimmer!«

»Die Philharmonie ist mein Wohnzimmer!«

Im orangen Gasteig-Winkel: Stephan Haack, stellvertretender Solocellist und Orchestervorstand der Münchner Philharmoniker

Stephan Haack kommt seit 28 Jahren fast jeden Tag in den Gasteig. Der stellvertretende Solocellist der Münchner Philharmoniker und ehrenamtliche Orchestervorstand unterrichtet außerdem Cello an der Hochschule für Musik und Theater München – praktischerweise ebenfalls im Gasteig. So trifft man Haack mal auf der Bühne der Philharmonie, mal in Unterrichtsräumen der Musikhochschule oder auch auf der Suche nach Noten in der Musikbibliothek. Als Stammgast im Restaurant »gast« bedient sich Haack gerne aus allen Töpfen des Gasteig. An seinen ersten Tag hier kann er sich noch ganz genau erinnern.

Stephan Haack: Im Juni 1987 hatte ich mein Probespiel für die Stelle bei den Münchner Philharmonikern. Am Abend vorher kam ich aus Hannover, die Philharmonie hatte ich noch nie gesehen. Etwa 20 Leute wurden zum Probespiel eingeladen, wir konnten uns in den Stimmzimmern einspielen, dann wurde ich aufgerufen. Ich kam also durch die Schleuse vom Backstage-Bereich in die große Philharmonie und dachte erstmal: »Ach, du lieber Himmel!« Die Größe des Saals hat mich umgehauen. Und dann saß auch noch Maestro Sergiu Celibidache mit dem ganzen Orchester im Saal. Aber es lief toll, ich war erfolgreich und bin seitdem stellv. Solocellist der Münchner Philharmoniker. Heute ist die Philharmonie sowas wie mein Wohnzimmer. Ich komme ursprünglich aus Detmold, also aus dem schönen Lipperland. Im Gasteig habe ich meine musikalische und berufliche Heimat gefunden, in der ich in den letzten 28 Jahren wunderbare Konzerte mit den größten Künstlern unserer Zeit erleben durfte.

Können Sie uns von einem besonders bewegenden Moment erzählen?
Gerade hatten wir im Gasteig wieder eine schöne Konzertphase mit unserem Ehrendirigenten Zubin Mehta und dem Mozart-Requiem. Mehta ist einfach ein Schatz, ein ganz wunderbarer Mensch. Er ist oft eingesprungen, als Celibidache in den 90er-Jahren krank war. Einmal haben wir die vierte Bruckner-Symphonie im Wiener Musikverein gespielt; ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Mehta brach den großen Applaus nach dem Konzert ab und sagte: »Wir denken jetzt an den Meister, der in München im Krankenhaus liegt. Nicht ich habe heute Abend dirigiert, sondern eine überirdische Macht hat meine Hände geführt, und das wunderbare Orchester hat es so gespielt.« Alle – Publikum wie Orchester – haben geweint, das werde ich nie vergessen!

Bild zeigt Mannschaftsfoto FC Münchner Philharmoniker

Verbringen Sie mit den Münchner Philharmonikern auch Zeit außerhalb der »Arbeit«?
Wir sind ja 120 Kolleginnen und Kollegen, da entstehen mit der Zeit natürlich enge Verbindungen und Freundschaften, in meinem Fall bis zum Trauzeugen oder Patenonkel. Unheimlich wichtig für das Klima im Orchester sind Tourneen, weil man unterwegs automatisch näher zusammenrückt, gemeinsam zum Essen geht und etwas unternimmt. Mit meinem Freund, unserem Orchesterarzt, der auf allen Tourneen dabei ist, spiele ich dann auf Reisen auch gerne Tennis. Ich bin sowieso absoluter Sportfan, nach Konzerten schauen wir gemeinsam Champions League und früher haben wir sogar regelmäßig als »FC Münchner Philharmoniker« freitags auf dem Gelände des FC Bayern trainiert. Auch hatten wir viele Spiele gegen andere Orchester wie z. B. die Berliner Philharmoniker oder den »FC Gasteig« anlässlich einer Benefizveranstaltung für krebskranke Kinder im Stadion an der Grünwalder Straße. Als Jugendlicher stand ich vor der Wahl: Entweder werde ich Fußballer oder Cellist. Als Fußballer bist Du mit 30 Jahren fertig, als Musiker geht’s dann erst richtig los. Also habe ich den Weg eingeschlagen, den schon mein Vater ging und wurde Cellist in der 5. Generation väterlicherseits. Mein über 300 Jahre altes Cello habe ich glücklicherweise von ihm geerbt.

Bild zeigt Cellokasten

Wie streng müssen Sie als Orchestervorstand mit Ihrer Mannschaft sein?
Es ist einfach eine total spannende und interessante Aufgabe, als Vorstand an der künstlerischen Arbeit im eigenen Orchester mitarbeiten zu können! So stehen wir drei Vorstände immer im engen Kontakt mit dem Chefdirigenten, allen Gastdirigenten und den Solisten. Auch mit dem Intendanten die Programme zum Teil mitzugestalten und eigene Ideen einbringen zu dürfen, ist ein wunderbares Privileg! Und was das Strengsein anbelangt: Das Orchester hat irgendwann tatsächlich einen Strafenkatalog festgelegt, den wir relativ ernst nehmen. So muss man zum Beispiel fürs Zuspätkommen zur Probe 20 Euro zahlen. Das verdoppelt sich dann jeweils beim nächsten Zuspätkommen. Probe verpasst kostet 50 Euro. Zu spät zum Konzert dann 75 Euro und Konzert verpasst 150 Euro. Aber das kommt zum Glück so gut wie nie vor!

Auf welche Highlights dieser Saison freuen Sie sich besonders?
Jetzt im April folgen tolle Programme mit unserem Chef Gergiev, u. a. bei den »Proms« in London, und im Herbst wird es dann wieder das Festival MPHIL 360° – ein Musikfest für Alle – geben, das Gergiev im letzten Jahr mit Erfolg neu eingeführt hat. Das wird sicher wieder sowohl für das Publikum wie auch für unser Orchester eine spannende Geschichte. Gergievs Wunsch ist es, dass alle Münchner mal in einem Konzert bei uns waren. Das Festival soll dazu beitragen, dies zu ermöglichen. Und ganz wichtig: Die weltweiten Livestream-Übertragungen unserer Konzerte im Internet aus der Philharmonie sind mehr und mehr gefragt. Das ist ein neuer spannender Weg für uns, den wir natürlich im großen internationalen Wettbewerb der Top-Orchester mitgehen müssen. Dies haben wir auch unseren neuen Chefdirigenten Valery Gergiev zu verdanken! Mit ihm kam wieder ein frischer Wind ins Orchester, die Stimmung ist sehr gut und es macht sich einfach bezahlt, wenn einer wie er mit großem Interesse und neuen Ideen nach vorne blickt.

Was wünschen Sie dem Gasteig zum 30. Geburtstag?
Für mich ist der Gasteig mit all seinen Angeboten eine der besten und umfangreichsten kulturellen Einrichtungen, die es weltweit gibt. Ich hoffe aber sehr, dass die Entscheidungsträger bezüglich der bevorstehenden Generalsanierung diese einmalige Gelegenheit beim Schopfe packen, aus dem bestehenden Kulturzentrum etwas weiterzuführen, was dann viele kommende Generationen auf höchstem Niveau überleben wird. Dann ist der Gasteig international nicht mehr zu toppen! Und meinem Orchester, den Münchner Philharmonikern, wünsche ich dann eine top sanierte Philharmonie mit einer perfekten, allen internationalen Ansprüchen genügenden Akustik!

Bild zeigt Musikerspind

Wo vertreiben Sie sich die Zeit, wenn Sie mal nicht im Gasteig sind?
Ich mache viel Sport, auch im Fitnessstudio. Und ich unterrichte sehr gerne, daher auch meine beiden Lehrstellen an den Musikhochschulen in München und Detmold. Der Kontakt zu jungen Leuten hält mich jung und ist mein Lebenselixier. Zu viel mehr komme ich oft gar nicht. Aber wir haben ein wunderbares Gartengrundstück mit Häuschen im Englischen Garten. Dort wird gerne mit Freunden gegrillt und gefeiert. Auch James Levine war schon in unserem kleinen Paradies und hat dort zwischen den Konzerten relaxt. Viel gärtnern müssen wir dort nicht, es wachsen Rosen und Tulpen, ab und zu muss der Rasen gemäht werden, ansonsten ist chillen und genießen angesagt.



Interview: Maria Zimmerer
Fotos: Gasteig München GmbH / Andreas Merz

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