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01.03.2019

»Der Hörstatus ist egal, es sind alles Menschen, um die es hier geht.«

»Der Hörstatus ist egal, es sind alles Menschen, um die es hier geht.« Schauspieler Athina Lange und Eyk Kauly

Am 2. März wird im Carl-Orff-Saal gebärdet, improvisiert und durch das Bühnenbild gefetzt, bis keine Requisite mehr auf der anderen liegt. Das Deutsche Gehörlosentheater bringt mit dem Stück »Die Hauptsache« eine besondere Produktion auf die Bühne: Hörende und gehörlose Darsteller spielen gemeinsam – ohne Dolmetscher, Schattenschauspieler oder Übertitel. Wie funktioniert das?

Eine mysteriöse Wahrsagerin, erfolglose Schauspieler, ein selbstmörderischer Student und viele mehr: In dem Theaterstück »Die Hauptsache« von Jeffrey Döring, frei nach dem Original des russischen Dramatikers Nikolai Evreinov, kommen reichlich tragikomische Figuren zusammen. Herzen werden entflammt, Paare verlieren und finden sich wieder. Aber nicht nur die Figuren im Stück, auch die Schauspieler, die sie verkörpern, befinden sich dabei stets in einem amüsanten Sprach- und Verständnistaumel – sowohl auf, als auch hinter der Bühne. Sie agieren gemeinsam in Laut- und Gebärdensprache, missverstehen und verstehen sich, lachen und staunen zusammen. »Laut- und Gebärdensprache sollen gleichwertig auf der Bühne stehen und zeigen: Man braucht nicht immer einen Dolmetscher, um sich zu verstehen.« sagt Athina Lange. Für die gehörlose Schauspielerin und ihren Kollegen Eyk Kauly ist das Stück nicht die erste bilinguale Produktion. Dennoch: »Am Anfang waren wir natürlich alle unsicher. Wir waren noch zwei Gruppen, die Hörenden und die Gehörlosen«, erzählt Eyk. »Es hat am ersten Tag eine Weile gebraucht, bis wir den Mut hatten aufeinander zuzugehen. Es gab aber dann schnell ein, zwei Situationen, die das Eis gebrochen haben. Seitdem wachsen wir als Gruppe immer mehr zusammen.«

Schauspielerin Godje Hansen

Für die hörenden Schauspieler war die Zusammenarbeit mit Gehörlosen völlig neu. Sie kannten bei Start der Produktion keine einzige Gebärde, bekamen erst ab Probenbeginn Sprachunterricht in DGS, Deutscher Gebärdensprache. »Denn eine Grundlage musste natürlich da sein«, berichtet Athina. »Wir mussten herausfinden, wie wir untereinander kommunizieren und zusammenfinden können. Es ist immer für beide Seiten schwierig, nicht nur hier, sondern in der Gesellschaft generell. Da wir uns vor allem mit unseren Händen ausdrücken und unsere Sprache visuell ist, haben Hörende oft Hemmungen auf uns zuzukommen. Hier bei der Produktion hat die Annäherung allerdings nicht lange gedauert. Durch unsere Gemeinsamkeiten als Schauspieler und durch das Miteinanderspielen war es schnell sehr leicht. Missverständnisse gibt es natürlich bis heute noch, das ist normal. Dann lachen wir zusammen, und keiner ist beleidigt. Weil wir auch alle wollen, dass wir uns verstehen – egal wie und auf welche Art und Weise.« Das bestätigt auch die hörende Schauspielerin Godje Hansen: »Es passieren täglich so viele schöne Missverständnisse, während des Spiels und zwischenmenschlich! Oft stehen wir wie große Fragezeichen voreinander … und lachen extrem viel, jeden Tag. Die gehörlosen Kolleginnen und Kollegen sind so offen und geduldig. Das hat mir von Anfang an ganz viel Angst und Unsicherheit genommen.«

Regisseur Jeffrey Döring

Der verständnisvolle Umgang miteinander verwundert nicht, denn schon beim Casting wurde großer Wert auf das Zwischenmenschliche gelegt. Regisseur Jeffrey Döring, hörend, suchte nicht nur nach starken Spielerinnen und Spielern, sondern auch nach Menschen mit einem offenen Charakter, die sich auf eine andere Sprachgruppe einlassen können. »Wir haben sie ins kalte Wasser geschmissen. Jeweils ein gehörloser und ein hörender Darsteller mussten zusammen vorspielen. Wir wollten sehen, wie die Darsteller trotz Sprachbarriere mit dem jeweiligen Anspielpartner agieren. Das Missverstehen der beiden Sprachgruppen ist schließlich auch Dreh- und Angelpunkt des Stücks«, so der freischaffende Künstler aus Leipzig. Er hat auch das Textbuch Nikolai Evreinovs umgeschrieben, damit die Gehörlosen und die Hörenden jeweils in ihrer Sprache gemeinsam spielen können. »Das Schönste ist die Geduld, die alle füreinander haben. Es gibt sehr großes Verständnis für das gegenseitige Sich-Ausbremsen und Sich-Wiederholen-Müssen. Dafür bin ich extrem dankbar. Das macht den Arbeitsprozess unglaublich angenehm.«

Für einen angenehmen Arbeitsprozess sorgen auch die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die während der meisten Proben dabei sind. »Es ist herausfordernd, einen solchen Inszenierungsprozess zu dolmetschen«, sagt Daniela Unruh, die auch dieses Interview dolmetschte. »Jeffrey wollte von Anfang an bewusst nicht alles übersetzt haben. Wenn wir aber merken, dass Gesprochenes und Gebärdetes nicht mehr zusammenpassen oder Regieanweisungen falsch verstanden werden, dann setzen wir ein und helfen.« Und wenn der Regisseur während der Szenen unterbrechen muss und winkt, um das allen anzuzeigen, gibt es dann eben mal den ein oder anderen Darsteller, der es weder hört noch sieht und weiterspielt. »Während die anderen schon am Bühnenrand besprechen oder auf Anweisungen warten, läuft das Stück dann eben noch kurz im Hintergrund weiter«, erzählt Jeffrey amüsiert. »Das gehört dazu.« Aber was ist dann nun eigentlich die ›Hauptsache‹ beim gemeinsamen Spielen zwischen Gehörlosen und Hörenden? Eyk bringt es auf den Punkt: »Die Hauptsache ist, dass Hörende und Gehörlose als Menschen zusammenkommen. Der Hörstatus ist egal, es sind alles Menschen, um die es hier geht.«

Bei der Probe

Und so treffen diese Menschen bald auf die zusehenden und zuhörenden Menschen im Publikum. Während dieses in den Anfangsjahren des Deutschen Gehörlosentheaters fast ausschließlich aus Gehörlosen bestand, wird es dieses Mal gut gemischt sein. Schon in den letzten Jahren kam nach und nach hörendes Publikum dazu, denn seitdem gibt es beim Deutschen Gehörlosentheater auch Stücke mit Dolmetschern oder Übertiteln. Auch Hörende, die die Deutsche Gebärdensprache lernen, besuchen die Veranstaltungen seit einigen Jahren vermehrt. Und jetzt also die Premiere mit Hörenden auch auf der Bühne: »Das ist Kunst für alle!« sagt Athina. »Ich bin sehr dankbar, dass es diese Produktion und die Institution Deutsches Gehörlosentheater gibt. Sie bereitet uns im wahrsten Sinne des Wortes die Bühne, um uns zu zeigen. Wir sind noch nicht so präsent wie hörende Theater, aber es ist eine Veränderung spürbar.« Nach sechs Wochen und ca. 250 Probenstunden wird sich nun zeigen, wie das Experiment funktioniert. Eines ist auf jeden Fall sicher: »Es wird eine Überforderung geben!« so Jeffrey. »Das Publikum wird ab und an genauso überfordert sein, wie wir es beim Proben und Spielen waren. Es wird nicht alles verstehen, aber genau darum geht es ja. Es bildet unsere Wirklichkeit ab. Auf alle Fälle lohnt es sich zu kommen!«



Mehr Informationen zum Stück finden Sie hier.
Zur Homepage des Deutschen Gehörlosentheaters geht es hier.



Interviews/Text: Judith Ludwig (mithilfe der Dolmetscherin Daniela Unruh)
Fotos: Deutsches Gehörlosentheater

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