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07.12.2018

»Der ganze Tag ist wie ein Rausch«

»Der ganze Tag ist wie ein Rausch« Schwestern Grimm

Die drei Geschichtenerzählerinnen »Schwestern Grimm« treten am 17. Dezember wieder mit einem wunderbaren und wundersamen »Märchen Marathon« im Gasteig auf. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Gabi Altenbach, Cordula Gerndt und Katharina Ritter – die drei professionellen Geschichtenerzählerinnen treten seit zehn Jahren gemeinsam als »Schwestern Grimm« auf. Mit den Märchen ihrer berühmten Brüder im Geiste veranstalten sie regelrechte Märchen-Marathons. Angefangen hat alles 2008 mit dem Großprojekt »Ganz Grimm«, bei dem sie über drei Jahre lang alle 200 Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erzählten. Am 17. Dezember sind sie mit dem »Märchen Marathon« wieder in der Black Box im Gasteig und erzählen passend zur Vorweihnachtszeit einen ganzen Tag lang wunderbare und wundersame Märchen. Im Interview sprechen sie über ihre Herangehensweise, die Black Box und das Erzählen selbst.

Liebe Schwestern Grimm, was macht es mit einem, seit so vielen Jahren Märchen zu erzählen?
Cordula Gerndt: Das Geschichtenerzählen hat auf jeden Fall ganz starke Auswirkungen auf mein Leben. Nicht im engen Sinne, aber bei allen Fragen und Irrwegen in meinem Leben, weiß ich zumindest eines sicher: dass ich in diesem Leben mit Geschichten unterwegs sein will. Und vielleicht hilft diese intensive Beschäftigung mit Geschichten auch dabei, den roten Faden im eigenen Leben oft besser zu erkennen.
Katharina Ritter: Wir erzählen auch nicht nur Märchen, sondern ganz moderne Geschichten und andere Stoffe, Mythen und Sagen … wir haben ganz einfach den irrsten Beruf der Welt, natürlich macht das was mit dem eigenen Leben!
 

Sie hauchen den Geschichten auch jede Menge Leben ein durch Ihre Mimik, Gestik und den Tonfall …
Gabi Altenbach: Ja, das Gestische kommt auf jeden Fall dazu. Wir erzählen sehr expressiv, und das kann man dann noch verstärken, wenn zum Beispiel sehr kleine Kinder im Publikum sind. Man erzählt viel mit dem Körper und das ergänzt die Stimme.  
Katharina Ritter: Ein ganz wichtiger Punkt ist außerdem: Geschichten erzählt man nie alleine, das ist immer eine gemeinsame Sache. Das Publikum hört auch nicht einfach nur zu, sondern kreiert beim Zuhören seine Bilder im Kopf. Da entsteht eine gemeinsame, magische Sache! Das Spannende ist beim »Märchen Marathon« hier im Gasteig auch, dass wir ein Publikum bedienen »von … bis …«, Kinder und Jugendliche genauso wie Erwachsene.
Cordula Gerndt: Durch das freie Erzählen, dadurch, dass wir die Märchen in unserem Ton und nicht unbedingt wortgetreu erzählen, kann man auch noch ganz anders auf das Publikum reagieren und die Sprache auch spontan noch verständlicher machen. Zum Beispiel wenn die Deutschkenntnisse im Publikum nicht so gut sind und man in den Gesichtern sieht, dass vielleicht nicht mehr alle »dabei« sind.
Gabi Altenbach: Es ist immer interaktiv, und es entsteht immer eine Kommunikation.
Katharina Ritter: Die Märchen funktionieren auch so. Wenn man diesen Grimm-Stoff einmal anschaut, merkt man, dass da nicht unterschieden wird zwischen kindgerecht oder nicht. Das funktioniert, so sind die Geschichten über die Jahrhunderte gewachsen.

Die Geschichten waren ja anfangs auch für Erwachsene gedacht und wurden erst mit der Zeit für Kinder verändert und gekürzt, richtig?
Cordula Gerndt: Ja, ursprünglich war das Stoff für Erwachsene. Beim Erzählen kann man aber wiederum auch Stellen ausschmücken, auf die die Kinder total abfahren. Da schlafen bei Dornröschen dann schon mal alle ein, also noch zehn Tiere mehr als bei den Erwachsenen. Die Kinder finden es witziger, wenn eben auch die Spinne an der Wand schläft. Und es ist schön, wenn mehrere Generationen zusammen im Publikum sind, da entsteht auch eine Interaktion zwischen den Generationen.
Gabi Altenbach: Und die psychologische Lebenswelt in den Märchen ist sowieso überzeitlich. Auf der entwicklungspsychologischen Ebene sind die Märchen immer aktuell und passend, auch für Kinder.

Für den Märchen Marathon im Gasteig haben Sie Schwerpunkte für die einzelnen Erzählblöcke gesetzt, wie zum Beispiel »Faul sein«, »Treu sein« oder »Vieles sein«. Sind diese Schlagworte auf die jeweiligen Zuhörergruppen ausgerichtet?
Katharina Ritter: Nein, wir haben dieses Jahr ganz klar gesagt, wir nehmen strikt die Reihenfolge der Sammlung Kinder- und Hausmärchen und erzählen die ersten knapp 50 Märchen. Da stellen wir immer wieder fest, dass für jeden etwas dabei ist und das super funktioniert. Wir tanzen da gemeinsam durch und schöpfen aus einem irrsinnigen Schatz.
Gabi Altenbach: Genau, wir wussten, wir fangen bei KHM (Kinder- und Hausmärchen) Nr. 1 an und schauen von da an, wie viele Märchen pro Erzählblock Platz haben. So hat sich die Struktur und die Anzahl der Märchen für den Tag ergeben. Erst dann haben wir in den jeweiligen Blöcken die Gemeinsamkeit zwischen den Märchen gesucht. So sind diese übergeordneten Titel entstanden.

Knapp 50 Märchen an einem Tag, da braucht es Kondition. Wie tanken Sie in den Pausen auf?
Gabi Altenbach: Ja, in den kurzen Pausen zwischen den Blöcken muss man schauen, die Energie hoch zu halten!
Katharina Ritter: Der ganze Tag ist eigentlich wie ein Rausch. Für alle! Und wir sind es gewöhnt, viele Geschichten über Stunden zu erzählen. Am nächsten Tag erst hat man das Gefühl, es ist eine Walze über einen gefahren. Denn wir sind durchgehend auf der Bühne und hören auch einander zu. Das ist auch etwas Unterschätztes: das Zuhören! Es ist ein aktiver Vorgang, da passiert wahnsinnig viel. Und wodurch es für uns auch spannend bleibt, wenn wir jetzt wieder streng nach der Reihenfolge gehen: Es kommen plötzlich wieder Märchen vor, die man seit dem ersten Marathon vor zehn Jahren nie wieder erzählt hat. Das sind dann auch nicht unbedingt unsere Lieblingsgeschichten, und man fragt sich bei dem ein oder anderen: Was mache ich jetzt mit dieser Geschichte, das ist ja grauenvoll! Aber beim Erzählen gewinnt man sie dann lieb.
Cordula Gerndt: Oder man schüttelt einfach mit dem Publikum gemeinsam den Kopf darüber.

Können Sie sich an ganz besondere Situationen beim Märchen Marathon im Gasteig erinnern?
Katharina Ritter: Es war generell einfach immer schön, wenn wir in der Black Box erzählen konnten, sie ist perfekt fürs Märchenerzählen. Sie ist ein toller Raum mit einer perfekten Größe für den Anlass. Sie bietet die Ruhe und wortwörtlich den Raum, den die Geschichten auch brauchen. Und es war immer alles super organisiert. Es ist für mich also das Gesamterlebnis.
Cordula Gerndt: Ja, die Black Box ist dieser geschlossene Raum, in den Du eintauchen und wieder raustauchen kannst, das ist ideal. Man braucht nicht viel zum Geschichtenerzählen, aber ganz sicher Ruhe und Wärme, beides erfüllt die Black Box.

Frau Ritter, um noch einmal auf die Schwerpunkte zu kommen. Jetzt in diesem Moment: »Fürchten lernen« oder »in Gefahr geraten«, was wäre ihn gerade lieber?
Katharina Ritter: In Gefahr geraten.

Frau Gerndt: »Treu sein«, »Faul sein« oder »Reich sein«?
Cordula Gerndt: Ehrlich gesagt … reich sein.

Frau Altenbach: »Fleißig sein«, »Unterwegs sein« oder »Vieles sein«?
Gabi Altenbach: Auf keinen Fall fleißig. Vielleicht Vieles sein … dann kann ich auch faul sein.

Vielen Dank für den Luxus, ein Interview mit drei Geschichten-Erzählerinnen führen zu dürfen! Zum Schluss: Was nimmt das Publikum am Ende des Märchen Marathons im Gasteig für sich mit?
Katharina Ritter: Es hat die Chance, so viele coole Geschichten zu hören, das ist doch unglaublich! Der Tag ist etwas ganz Besonderes – ein Festival, bei dem man durch einen einzigen Bilderrausch gehen kann.
Cordula Gerndt: Und bringt möglichst viele mit: Eltern, Kinder, Tanten, Onkel, Freunde … es ist eine Gelegenheit mal wieder mit verschiedenen Generationen zusammen zu sein. Auch die Eltern haben Spaß dran, sie werden sich nicht langweilen! Und sie bekommen etwas über ihre Kinder mit, die Kinder freuen sich wiederum, wenn sie alle dabei sind … Und es ist niedrigschwellig: Wenn es Spaß macht, bleibt man sitzen, wenn nicht, geht man nach einem Block eben wieder raus. Wann hat man das schon.
Katharina Ritter: Man kann sich überraschen lassen, sich baden in Geschichten. Der ganze Tag ist ein Gesamtkunstwerk.
Gabi Altenbach: Kommen und genießen!


Mehr Infos zum Märchen Marathon in der Black Box finden Sie hier.
Und hier geht es zur Homepage der »Schwestern Grimm«.
 



Interview/Text: Judith Ludwig
Fotos: Schwestern Grimm

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