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05.11.2018

»70-mal mehr Bienen als Besucher«

»70-mal mehr Bienen als Besucher« Karsten Kammerlander mit seinem Lastenrad vor dem Gasteig Anneke de Kemp

Imker Karsten Kammerlander kümmert sich seit 2016 um die Bienen auf dem Gasteig-Dach. In diesem Jahr produziert er erstmals einen Frühlings- und einen Sommerhonig.

Wenn er um die Ecke gefahren kommt, weiß man sofort, dass er es ist. Karsten Kammerlander, Hobby-Imker des Gasteig, sitzt bequem auf seinem Lastenfahrrad. Vor dem Lenker ist eine große Holzkiste in gelber Bienenwabenoptik montiert, darauf prangt vorne ein gelb-schwarzes Warnschild mit dem Hinweis »Vorsicht Imker!«

Regelmäßig fährt der Hobby-Imker von seiner Wohnung in Haidhausen mit dem Rad zum Gasteig – manchmal mehrmals am Tag, um Material zu bringen oder um die Waben zu transportieren und anschließend in seiner Wohnung zu Honig zu machen. Begonnen hat er 2016 mit seinem Vorgänger Ralf Armbrecht, mit dem er ein Jahr lang zusammenarbeitete. »Ich habe ihn nicht rausgegrault«, sagt Kammerlander lachend und erleichtert zugleich. Armbrecht nahm seine zwei Bienenvölker mit und überließ Kammerlander das Dach des Gasteig zum Imkern. Heute sind es sieben Völker. Pro Volk sind es zu Höchstzeiten um die 60.000 Bienen. 60.000 mal sieben, das sind 420.000 Bienen, die ihr Zuhause auf dem Dach des Gasteig haben. Das sind 70-mal mehr, als Besucher täglich in den Gasteig kommen.

Über die Bienen weiß Kammerlander viel zu erzählen, denn wie er mit einer Portion Selbstironie sagt: »Imker reden gerne.« Vor allem über Erstaunliches: So haben Bienen schon zur Zeit der Dinosaurier gelebt und haben z. B. einen deutlich besseren Geruchssinn als Hunde. Und es gibt sogar »faule« Bienen, die weniger ausfliegen als ihre Artgenossen im gleichen Stock. Außerdem schlafen Bienen nicht nur, sie träumen auch. Im Schlaf bewegen sie ihre Zunge vor und zurück und durchleben noch einmal ihren Tag. Was die Gasteig-Bienen, die tagsüber zu den Blüten in den Isarauen unterwegs sind, träumen, weiß Kammerlander aber nicht.

Aber er hat eine neue Errungenschaft, auf die er besonders stolz ist: Zum ersten Mal gibt es einen Frühlings- und einen Sommerhonig. Bevor die Linde in diesem Jahr zu blühen begann, nahm Kammerlander die Waben aus den Bienenstöcken. Diese schleuderte er und gewann daraus den Frühlingshonig, der milder und ein bisschen dunkler ist als der Sommerhonig. Die ausgeschleuderten Waben setzte er wieder in den Stock. Die Bienen flogen aus und sammelten weiter. Kammerlander entnahm erneut die Waben und schleuderte daraus den Sommerhonig. Den darin enthaltenen Geschmack der Linde empfinden manche Menschen als etwas bitter. Doch es sei genetisch bedingt, ob man diesen Unterschied schmecke oder nicht, gibt der Hobby-Imker zu bedenken. Er selbst kann ihn nicht feststellen. 2017 noch hatte Kammerlander einen ganzjährigen Honig produziert, der beide Geschmacksrichtungen enthielt. Nun kann zwischen den beiden Varianten des »Gasteig Kultur Honigs« gewählt werden, den es ab dieser Woche im »le copain« zu kaufen gibt.

Schnell wird klar: Karsten Kammerlander spricht lieber über sein Hobby als über sich selbst. Dabei ist der 47-Jährige neben dem Imkern noch Pflegeassistent in der intensiven Behindertenbetreuung und arbeitet dort im Schichtdienst. Auch einen Schrebergarten hat er gemeinsam mit seiner Frau. Das Imkern will er aber beim Wiedereinzug auf keinen Fall aufgeben: »Wenn der Gasteig 2021 während der Sanierungsarbeiten nach Sendling zieht, ist der Anfahrtsweg zu weit für mich, ich habe nämlich kein Auto. Aber ich würde sehr gerne wieder dabei sein, wenn der Gasteig wieder in Haidhausen ist. Ich kenne hier ja inzwischen fast alle, die Pförtner, das Dach des Gasteig, die Bienen.«

Text: Anneke de Kemp
Fotos: Anneke de Kemp / Andreas Merz

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