Was sich zwischen weit verstreut liegenden Dörfern aus Lehmhütten rasch herumgesprochen hat: Der unübersehbare Lkw hat einiges im Gepäck – extra ausgebildete Musiklehrer*innen, Instrumente zum Ausleihen, Unterrichtsmaterialien zum E-Learning sowie WLAN und Computer. Der Truck ist zugleich professionelles Aufnahmestudio, ausklappbare Konzertbühne, Kino und Musikschule.
Die Idee zum mobilen Musiklabor entstand 2019 während einer klassischen Konzertreise des Münchner Vereins Music Connects durch Flüchtlingssiedlungen in Uganda. Nach Auftritten seien sie insbesondere mit Jugendlichen aus BidiBidi ins Gespräch gekommen, erzählen Annette Davidson, Elisabeth Baumgartner und Tina Vogl von Music Connects. Mit welcher Hingabe die Geflüchteten musizieren und, wie wichtig das gemeinsame Musikmachen gerade für die Vertriebenen ist, habe sie sehr bewegt und zu weiteren Taten inspiriert.
Wenn man in einem riesigen Gebiet wie der Flüchtlingssiedlung BidiBidi möglichst viele Menschen erreichen möchte, macht eine einzelne Musikschule am festen Standort kaum Sinn. Eine mobile Lösung musste her. Durch das Engagement und Know-how vieler Unterstützer*innen wurde ein gebrauchter Lkw zum mobilen Musiktruck umgebaut, der vor etwa einem Jahr seine Afrika-Reise mit einem Kulturprogramm vor dem Münchner Gasteig begann. Kolleg*innen aus dem Gasteig-Team begleiteten ihn dabei. Der ganze Gasteig möchte das Projekt als langfristiger Partner unterstützen. Seitdem hat das Lab Uganda täglich hunderte Fahrtkilometer zurückgelegt und dabei weit mehr als nur seine Räder bewegt, was die ehrenamtlich Engagierten von Music Connects nach wie vor überwältigt: „Jedes Mal, wenn der Lkw auftaucht, strömen hunderte Menschen von überall herbei, die zuschauen, mitmachen und auf die Bühne wollen.”
Von Beethoven bis Blaskapelle
Von Anfang war es den Ehrenamtlichen wichtig, „nicht als white saviors wahrgenommen zu werden, die Mozart zur Rettung anbieten”. Vielseitige Blechblasmusik passe am besten nach BidiBidi, das habe man in zahlreichen Ortsgesprächen und von der erfahrenen lokalen Partnerorganisation Brass for Africa gelernt. So haben umherziehende Musikgruppen, die Marching Bands, in Uganda aufgrund der britischen Kolonialgeschichte bereits Tradition, außerdem sind Brass-Instrumente wenig klimaempfindlich, leicht zu desinfizieren und versprechen sehr schnelle Lernfortschritte. Während Music Connects mittlerweile von Deutschland aus Gelder akquiriert, Förderanträge verlängert, Stundenpläne optimiert und neue Partner*innen für das Projekt sucht, managt die NGO Brass for Africa den Truck in Uganda und schafft Arbeitsplätze für Menschen vor Ort – als Truck-Fahrer*innen, Musiklehrer*innen oder im Projekt-Management.
Jeden Tag fährt der robuste Truck etwa eineinhalb Stunden über rote Sandpisten, bis er die täglich wechselnden Stationen innerhalb der Flüchtlingssiedlung erreicht. Vor Ort wird zunächst ausgepackt: ein riesengroßer Generator, etwa 40 Brass-Instrumente, Keyboards, Gitarren. Rundherum warten bereits viele interessierte Zuschauer*innen. Dann tönt und klingt von überall Musik, viele Menschen werden parallel unterrichtet. Gleichzeitig betreiben die Leute im Truck E-Learning vor PCs, lernen Klavier oder Trompete spielen mit Kopfhörern und Tutorials. Auch Aufnahmen im eingebauten Tonstudio sind stark gefragt. Drei Stunden später wird alles wieder eingepackt, dann geht die Fahrt zurück ins Basecamp nach Yumbe, wo das Lab Uganda ebenfalls erwartet wird: Einheimische Kinder erhalten nach der Schule regelmäßig Musikunterricht. Alle zwei Wochen finden außerdem Bühnenshows statt, zu denen Menschen in Scharen kommen und kilometerlange Fußmärsche in Kauf nehmen.
Aus Straßenkindern werden Lehrer*innen
BidiBidi ist kein Flüchtlingslager, in dem Menschen nur vorübergehend bleiben. Geflüchtete aus dem Südsudan und ortsansässige Ugander sollen sich dort ein Leben in Frieden neben- und miteinander aufbauen. Daher möchte das Lab Uganda sowohl die jungen Geflüchteten als auch die Menschen des Gastgeberlandes langfristig mit Arbeitsplätzen und Musik unterstützen. Die NGO Brass for Africa ist ein positives Beispiel dafür, was Musik bewirken kann. Seit vielen Jahren ermöglicht die Organisation Kindern in Waisenhäusern, Slums und Gefängnissen Musikunterricht. Aus den Reihen dieser ehemaligen Straßenkinder sind nun Lehrer*innen für das Lab Uganda herangewachsen. Musik hat einst ihr Leben verändert, ihnen Selbstvertrauen und Mut gespendet, sodass sie nun selbst als Lab Uganda-Teacher benachteiligten Flüchtlingen helfen können. So schließt sich der Kreis und die Kraft der Musik wirkt.
Viele Partner*innen müssen Hand in Hand arbeiten, damit der Truck auch künftig seine kostbare Fracht zu den Menschen bringen kann. Trotz aktuell unklarer Finanzierungslage bleibt das Team von Music Connects optimistisch. Musik hat eine einzigartige Wirkung und lässt hoffen: Vielleicht rollt bald ein zweiter Musik-Truck über die Sandpisten Ugandas?
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Alle Informationen zum Projekt und SpendenmöglichkeitenText: Maria Zimmerer