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24.02.2020

Musik aus der Stille: Die Jazzrausch Bigband startet durch

Musik aus der Stille: Die Jazzrausch Bigband startet durch Steffi Rettinger

Ein junges Jazzkollektiv erobert von München aus die Welt. Über die Anfänge von Musikkarrieren zwischen Struktur und Freiheit, Ambition und Lockerheit – und was daran »spannend, super nervig und irgendwie geil« ist.

Als die Musiker die Bühne der Philharmonie betreten, verstummen die Gespräche. Die ganz eigene Stille vor Konzerten legt sich in den Saal, jene vertraute Mischung aus Anspannung und Erwartung. Dann setzen die Bläser ein und schon in dem Moment, in dem der Zuhörer den vertrauten, warmen Mollklang als den Beginn von Beethovens Mondscheinsonate erkennt, drängt sich ein federnder Beat darunter. Der unverkennbare Sound der Jazzrausch Bigband, in dem Techno und Jazz verschmelzen, eignet sich selbst Beethoven mit Leichtigkeit an. Bald schichten sich weitere Rhythmen, bald hält es die ersten Besucher nicht mehr auf den Sitzen. Später wird die ganze Philharmonie tanzen. Aber alles beginnt mit diesem ersten, fragilen Moment. Und der ist sehr bewusst gestaltet.

Keine Hierarchie und trotzdem
Leader: Roman Sladek

Doppelbesetzung für 120 Konzerte

»Wir wollen eine Stille haben, aus der die Musik herauskommt. Deshalb haben wir eingeführt, dass zehn bis 15 Minuten vor Beginn keiner spielt und sich die Band fokussiert.« Das sagt der rastlose Bandleader Roman Sladek. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, so sehr, dass er sich manchmal erst kurz vor dem Auftritt erinnert, dass er ja auch noch eine Posaune zu spielen hat.

Er sorgt dafür, dass das Konstrukt Großensemble seine gemeinsame ästhetische Vision im Fokus behält und den hohen Qualitätsansprüchen genügen kann. Etwa 120 Konzerte spielt die ursprünglich von Studierenden der Münchner Musikhochschule gegründete Gruppe mittlerweile im Jahr. Um das möglich zu machen, ist die Band auf jeder Position doppelt besetzt: Nicht mit Substituten, die gelegentlich einspringen, sondern mit langjährigen Mitgliedern.

Jutta Keeß an der Tuba

Die Frau für die tiefen Frequenzen

Eines von ihnen ist Jutta Keeß an der Tuba. Sie wurde schon vor Jahren an Bord geholt, »um das Ganze fett zu machen«, wie sie sagt. Denn um mit einer Bigband Musik abzuliefern, die auch Clubabenden standhält, braucht es schon die ganz tiefen Frequenzen. Und für die ist sie zuständig – übrigens auch bei den Bayerischen Senkrechtstartern »Dicht & Ergreifend«, die das ebenfalls basslastige Genre HipHop bespielen. Ganz schön gut im Geschäft ist Jutta mittlerweile, die doch nie wirklich vorgehabt hatte, Musikerin zu werden.

Ermutigt durch ihren Professor entschloss sie sich erst im Schulmusik-Studium, die Tuba zusätzlich als Solo-Instrument zu studieren. Dass sich das unbelastet von verkrampfter Ambition so gefügt hat, ist vielleicht der Schlüssel zu ihrer Ausgeglichenheit in einem bisweilen eitlen Betrieb. Für Jutta war schon immer das Kollektiv der Schlüssel zur Musik. Nach Anfängen auf dem »einsamen Instrument« Klavier, sorgte sie schon bald mit der Tuba in allen möglichen Ensembles für das Fundament. Was wie viel Zeit bekommt, wägt sie ständig ab. »Klar ist es ein Prozess, aber man merkt wofür das Herz am meisten schlägt.« Und da ist die Jazzrausch Bigband ganz weit vorn: »Das Glück, erstens auf der Bühne stehen zu dürfen, zweitens mit Musik, auf die man richtig Bock hat, und dann noch mit Leuten, mit denen man eh gerne abhängt, das ist schon das Angenehme mit dem Angenehmen verbinden.«

Die Jazzrausch Bigband in der Philharmonie

»Wir leben von der gemeinsamen Individualität«

Aber wie funktioniert das, wenn sich ein Projekt unter Freunden professionalisiert? Das beschäftigt auch Roman permanent. »Irgendwann wird es nötig, sich unabhängig von seiner Freundschaft Feedback geben zu können. « Eine steile Lernkurve für alle Beteiligten, auch für ihn, der nicht nur Musik, sondern auch Kulturmanagement studiert hat. Schließlich reagiert jeder Mensch anders auf Kritik. Wo manche schon die zarte Andeutung von Verbesserungspotential in die psychische Erschöpfung führt, sind andere so entspannt, dass nur Klartext greift.

Dass in diesem Geflecht von unterschiedlichen Persönlichkeiten, wechselnden Besetzungen und der Informationsweitergabe per Flüsterpost auch mal hanebüchene Sachen herauskommen, findet Roman »voll spannend, super nervig und irgendwie geil«. Wie in einer Demokratie kann dabei nicht jede Situation für jedes Mitglied ideal gelöst werden. Muss sie aber auch nicht. »Ganz viele Fäden kommen irgendwoher und es geht darum, sie zusammenzuführen. Auf der Bühne sollen sie aber auch wieder auseinandergehen. Wir leben von der gemeinsamen Individualität.« Wie viel Struktur dabei die Freiheit braucht, das ist ein bestimmendes Thema.

Jedes Publikum reagiert anders

»Die romantische Künstlerblase muss man auch mal verlassen«

Jutta ist deswegen 2017 zur Beratung der Musikhochschule gegangen. »Ich hatte ständig das Gefühl ich würde nicht arbeiten, weil ich nur punktuell Konzerte spielte, andererseits war ich gestresst durch Steuerzeug und Rechnungen. Da habe ich gemerkt: ›Ah, jetzt ist doch ein Beruf draus geworden, den ich selbst organisieren muss, damit man langfristig Freude hat.‹« Eine Balance, die jeder in der Band für sich finden muss, die aber auch das Gesamtprojekt trägt. »Man muss immer mal wieder diese romantische Künstlerblase, so wichtig sie auch ist, verlassen und schauen wie es in der Wirklichkeit läuft«, sagt Roman.

Die einzelnen Disziplinen von Musik, Organisation, Vermarktung und mehr sollte man differenziert lösen. So gewinne man am Ende künstlerische Freiheit und käme nicht mit lauter Kompromisslösungen heraus, die weder künstlerisch noch sozial noch wirtschaftlich trügen. »Viele Bands lösen sich nach ein paar Jahren wieder auf, weil irgendwann der Schritt nicht gegangen wird, dass es wirtschaftlich auch klappen muss. Das zu steuern ist meine Aufgabe als Bandleader.«

Komponist und Arrangeur im
Jazzrausch: Leonhard Kuhn

»Wer hat schon jemals so richtig das Gefühl, fertig zu sein?«

Über mangelnde Nachfrage können sich die Jazzrauscher nicht beschweren. China, Nairobi, Texas, Russland und ein rauschender Novemberabend in der Philharmonie im Gasteig: »Die letzten zwei Jahre waren schon heftig«, sagt Jutta. Ein Weihnachtsalbum und eines mit Beethovens Musik zum Jubiläumsjahr sind gerade neu bei Act Music erschienen. Und dennoch erwächst bei der Band alles aus der Livemusik. Wie das Publikum reagiert, ist zentral – und immer anders. »Unsere Musik funktioniert in der Philharmonie auf eine Weise, im Technoclub auf die andere, in Afrika so und in China so.«

Darum wird das Programm ständig angepasst und verändert, keine Setlist ist gleich. Mehr als sieben Stunden Musik hat Leonhard Kuhn, Komponist und Arrangeur, schon geschrieben. Und für diese Band gibt es noch viel Stille zu füllen. Sie legt ja gerade erst so richtig los. Der Start ins Leben als Berufsmusiker, das Hineinwachsen in musikalische Verantwortung und kreative Mitbestimmung: Viele Beginne hat die Band schon hinter sich, in manchen Anfängen ist sie mitten drin, viele werden folgen. »Aber«, fragt Jutta, »wer hat schon jemals so richtig das Gefühl, fertig zu sein?«



Text: Benedikt Feiten
Fotos: Steffi Rettinger

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