Neuigkeiten

27.11.2021

Ein Kulturzentrum im Aufbruch – Gasteig-Chef Max Wagner im Interview

Ein Kulturzentrum im Aufbruch – Gasteig-Chef Max Wagner im Interview Max Wagner mit Kolleginnen (v. l. n. r.) Snezana Sever, Kathrin Just, Stephanie Jenke und Mirjam Krauss auf einer symbolischen Abschiedswanderung von Haidhausen nach Sendling zum Gasteig HP8 GMG/Benedikt Feiten

Niederschwellige Kulturvermittlung, Freude durch Unternehmenskultur und ein Umzug als Chance: Im Interview erzählt Geschäftsführer Max Wagner, welche Rolle die Gasteig München GmbH, kurz GMG, für ihn einnimmt und wohin die Reise künftig gehen soll.

Auf zu neuen Ufern!

Max, wozu braucht der Gasteig die GMG?

Wir sind als Betriebsgesellschaft Vermieter und Hausmeister für den Gasteig, wir geben ein Zuhause und schaffen Atmosphäre. Zum einen bilden wir den Rahmen für unsere langfristigen Mieter*innen, die Gasteig-Institute – das sind die Münchner Philharmoniker, die Hochschule für Musik und Theater, die Münchner Volkshochschule, die Münchner Stadtbibliothek und das Münchener Kammerorchester. Zum anderen sind wir auch Gastgeber für die ganze Stadt, die freie Szene und alles, was gerade aktuell ist. Unsere Aufgabe ist es, eine Plattform für Kunst und Kultur mit einem sehr niederschwelligen Zugang zu ermöglichen. Das finde ich unheimlich wichtig.

GMG steht also für ...?

... das große Ganze, die GMG ist die Vertreterin der Idee des Gasteig. Das Besondere am Gasteig ist seine Vielfältigkeit, die Mischung an kulturellen Angeboten ist einzigartig in der Welt. Wir als GMG stehen für die Gesamtheit, auch mit den großen Veranstaltungen, die wir selbst präsentieren, wie z. B. »Tanz den Gasteig« und »Der Gasteig brummt!«. Hier können wir Formate anbieten, mit denen wir breite Bevölkerungsschichten ansprechen und gezielt die Kinder ins Haus holen. Ganz wichtig ist mir dabei die Kulturvermittlung. Im Gasteig können wir dazu einzigartige Angebote machen, weil durch unsere Institute und die freie Szene gemeinsam verschiedene Seiten beleuchtet werden, das kann unglaublich bereichernd sein.

Kultur für München ist das Motto der GMG, die als Arbeitgeberin starken Wert auf Unternehmenskultur legt. Intern duzen wir uns beispielsweise alle. Was zählt?

Ich glaube, dass wir zum Thema Unternehmenskultur sehr viel aus den östlichen Traditionen lernen können. Man geht nur gerne zur Arbeit, wenn man sich im Kleinen wie im Großen verwirklichen kann, sich gesehen fühlt in seinen Stärken, und Verantwortung übernehmen kann – soweit man es selbst möchte. Wir wollen die Hierarchien so gut es geht abflachen, damit wir uns nicht zu sehr in Strukturen verlieren, sondern lieber den Sinn im Auge behalten. Ich denke, so gewinnt man mehr Freude, und das ist es, worum es mir geht.

Wie kann es gelingen, dass Sinn und Freude im Arbeitsalltag nicht auf der Strecke bleiben?

Sehr wichtig ist dabei das »Wie«, also wie wir mit uns selbst und als Team umgehen. Daher können Mitarbeiter*innen der GMG in Stärken- und Talente-Workshops ihre einzigartige Persönlichkeit entdecken und üben auch die Techniken der gewaltfreien Kommunikation. Feedback und Ehrlichkeit sind so wichtig, aber eben ohne zu verletzen. Mein Wunsch: Mehr Eigeninitiative, wertschätzender Umgang und dadurch mehr Sinn und Freude im Job.

Bild  zeigt Anton Hartmann im Gespräch mit Technikern in Uganda
Music connects: Gasteig-Techniker Anton Hartmann hilft mit seinem Know-how.

Stichwort Eigeninitiative: Zwei GMG-Mitarbeiter sind kürzlich vom Gasteig bis nach Uganda gereist, um einen multimedialen Kultur-Truck »Lab Uganda« in eine Flüchtlingssiedlung zu bringen. Wie kam es dazu?

Es war ein reiner Zufall: Beim Spazierengehen traf ich eine Bekannte, die erzählte, dass sie gerade einen Truck zu einer Kulturstätte umbauen würden, um diesen dann in die Flüchtlingssiedlung Bidi Bidi nach Uganda zu bringen. Ich war sofort total begeistert von dieser Idee – ein Mini-Gasteig, der wie wir für Kultur und Bildung steht und uns gleichzeitig mit der Welt verbindet. Wir haben ermöglicht, dass das Projekt sich mit dem Truck vor dem Gasteig präsentieren kann, um so mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Zwei Kollegen aus der GMG-Veranstaltungstechnik, Matthias Aull und Anton Hartmann, haben den Truck dann schließlich aus eigener Initiative begleitet. Ich wünsche mir sehr, dass wir Lab Uganda zu unserem sozialen Projekt machen und uns regelmäßig auch vor Ort um den Truck kümmern. Denn es passt super zu dem, was ich gerade jetzt als unsere Aufgabe sehe: den Menschen klar zu machen, wofür Kultur steht. Kultur macht uns erst zum Menschen, sie berührt uns und setzt Entwicklung in Gang.

Bild zeigt Max Wagner
Max Wagner, Geschäftsführer der Gasteig München GmbH

Wagen wir noch einen Blick in die Zukunft: Wohin geht die Reise für den Gasteig und die GMG – innerhalb der nächsten Jahre in Sendling und nach der Rückkehr in das sanierte Gebäude in Haidhausen?

Durch den Umzug können wir aus eingefahrenen Bahnen heraustreten und genau schauen, was jetzt wirklich wichtig ist. Wir wollen Botschafter für die Kultur sein und uns viel mehr öffnen, mit den Menschen in Kontakt treten, kameradschaftlich miteinander umgehen, uns nicht aufdrängen und belehren, sondern fragen: Was bringt ihr mit? Kommt doch mit dem, was ihr schon habt, zu uns, wenn ihr wollt. Der Prozess wird dauern, Vertrauen braucht Zeit. Ich finde es gut, ungewöhnliche Dinge zu tun, immer dann zuzugreifen, wenn sich etwas Neues ergibt. Wenn uns das gelingt, wird sich der Gasteig neu erfinden und kann dann das neu sanierte Gebäude mit all dem befüllen, was wir schon im Gasteig HP8-Interim entwickelt haben. Der Mehrwert, den wir mitbringen, ist unsere Gemeinschaft, alle Gasteig-Institute zusammen. Vernetzen und öffnen – das ist unsere große Chance!

 


Bild zeigt den Truck mit Team vor Ort

 

Wenn Sie mehr über das Lab Uganda erfahren und vielleicht sogar spenden wollen, besuchen Sie die Website des Projekts auf musicconnects.world. Bewegende Eindrücke von der Reise mit dem Musiktruck bekommen Sie außerdem in unserem Backstage-Bericht.

 


Interview: Heike Braun
Fotos: Lab Uganda © Geoffroy Schied / music connects; Portrait Max Wagner © Robert Haas

zurück zur Übersicht