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31.03.2020

Die Klangsammlerin Vivi Vassileva

Die Klangsammlerin Vivi Vassileva Die Percussionistin Vivi Vassileva

Sie ist der Rising Star am Percussion-Himmel: Vivi Vassileva. Die Tochter einer bulgarischen Musikerfamilie wurde 1994 in Hof geboren. Mit dem Gasteig ist sie seit ihrem Studium bei Peter Sadlo an der Hochschule für Musik und Theater München verbunden, momentan studiert sie am Mozarteum Salzburg bei Martin Grubinger.

Im Herbst 2017 erhielt sie den Bayerischen Kunstförderpreis, im März 2019 debütierte sie mit ihrem Percussion-Ensemble in der Berliner Philharmonie. Der Komponist Oriol Cruixent schrieb für sie das Konzert »Orakulum« für Percussion und Orchester, das im April 2019 uraufgeführt wurde. Am 25. April sollte Vivi Vassileva eigentlich mit ihrem Ensemble als Mainact bei der Langen Nacht der Musik in der Philharmonie spielen, doch die Corona-Krise wird das leider verhindern. Im Vorfeld der Veranstaltung haben wir mit der aufstrebenden Percussionistin über Trommeln mit Urkraft, Alienklänge und Recycling-Konzerte gesprochen. Hoffentlich erleben wir das Energiebündel bald wieder auf der Bühne.

Foto: Adriana Yankulova

Vivi, was verbindest Du mit dem Gasteig?
Das erste Mal war ich mit 15 Jahren mit dem Bundesjugendorchester hier. Wir haben ein Sonderprojekt mit Stummfilm in der Philharmonie gespielt, das war toll, in einem so großen Saal. Im gleichen Jahr war ich schon Jungstudentin bei Professor Peter Sadlo an der Musikhochschule und habe bei »Der Gasteig brummt« mitgemacht. Mit den Kindern zu interagieren war eine tolle Erfahrung. Ich durfte auch schon als Solistin mit dem Bayerischen Landesjugendorchester in der Philharmonie spielen. Marimba klingt super in der Philharmonie!

Was begeistert Dich so an Deinen Instrumenten?
Diese Urkraft fasziniert mich sehr. Es gibt zum Beispiel ein Stück aus dem asiatischen Raum, »Marimba Spiritual« von Minoru Miki, da haben wir große Taiko-Trommeln. Die Leute, die Taiko spielen, trommeln acht bis zwölf Stunden am Tag. Sie trainieren richtig für die Trommeln, weil man da eine unglaubliche Energie braucht. Und diese Urkraft steckt in diesen Trommeln. Das ist etwas, was auch das Publikum packt. Weil wir diese Instinkte alle in uns haben.

Aber gleichzeitig könnt Ihr auch ganz leise sein …
Ja, die dynamische Bandbreite ist einfach riesig. Wir können unglaublich leise spielen, das dreifache Pianissimo, und dann können wir so laut spielen und das ganze Gewicht benutzen vom Schlägel und vom Körper, das ist wirklich toll.
 

Foto: Privat

Und Ihr habt auch eine riesige Bandbreite an Instrumenten.
Auf jeden Fall! Wenn ich Schlagzeugkonzerte mit Orchester spiele, habe ich fast alles dabei, was man nutzen kann: von Pauken bis zu den ganz großen Instrumenten wie dem Marimbaphon, das fünf Oktaven hat, das ist fast drei Meter lang. Dann hat man die ganzen Metall-Idiophone, Vibraphon, Glockenspiel, die unüblicheren: Crotales, Kuhglocken … man hat schon eine Burg um sich herum. Dann die ganzen Trommeln aus den verschiedenen Ländern: die ganz normalen Tom-Toms, große Trommeln, wie wir sie aus dem Orchester kennen, aber auch asiatische, kubanische, afrikanische Trommeln. Teilweise gibt es Instrumente, die man nur für eine Stelle in einem Stück braucht.

Was ist denn Dein skurrilstes Instrument?
Richtig cool ist das Waterphone. Das klingt total nach Alien, einfach abgefahren. Man kann es sich vorstellen wie einen Kamm aus Metall, gefüllt mit Wasser, und man streicht mit einem Bogen drüber und bewegt gleichzeitig das Wasser. Das macht die allerverrücktesten Geräusche, die nur akustisch entstehen, ohne Elektronik.
 

»Beim Schlagzeug wird’s nie langweilig!«
 

Foto: Adriana Yankulova

Entdeckst Du gerne neue Instrumente?
Absolut. Egal wo ich bin, als erstes interessieren mich die traditionellen Schlaginstrumente. Es gibt kein Genre, keine Ecke in der Musik, in der Kultur, in der es kein besonderes Schlaginstrument gibt. Das ist wie beim Essen: Jedes Land hat seine Spezialitäten und Zutaten, mit Schlagzeug ist es genauso. Und dann muss man natürlich lernen, wie man es spielt. Wir entdecken ständig neue Klänge. Beim Schlagzeug wird’s nie langweilig, weil man an allem fit sein muss. Wenn man Marimba geübt hat, hat man noch nicht kleine Trommel geübt. Und die Handtrommeln haben ja auch nochmal eine andere Technik. Wir spielen jeden Tag um die fünf, sechs, komplett verschiedene Techniken und Instrumente.

Wie bist Du überhaupt dazu gekommen?
Meine Familie hat ein Haus am Schwarzen Meer, und als ich ein Kind war, haben am Strand immer Leute auf Handtrommeln gespielt. Ich war wie hypnotisiert von diesen Instrumenten. Ich kannte die Leute nicht, aber irgendwann habe ich gefragt, ob ich die Trommel probieren darf. Ab da war einfach eine Anziehungskraft da. Wenn ich eine Trommel sehe, muss ich hin und sie ausprobieren. Ich glaube, jeder Mensch hat einen Bereich, wo er wirklich seine Leidenschaft leben kann und sich am natürlichsten fühlt, wo er sich nicht verstellen muss. Das war bei mir immer das Schlagzeug. Da habe ich gemerkt: Das ist mein Ding!
 

»Wenn ich eine Trommel sehe, muss ich hin und sie ausprobieren.«
 

Foto: Adriana Yankulova

Du bist ja inzwischen weltweit unterwegs, kommst Du überhaupt noch dazu, Dir andere Konzerte anzuhören?
Es ist wirklich inzwischen etwas schwierig, regelmäßig auf Konzerte zu gehen. Ich vermisse das sehr, es tut so gut und ist so wichtig. Am Anfang meines Studiums gab es eine Zeit, in der ich kein einziges Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks verpasst hab. Zu den Münchner Philharmonikern bin ich auch sehr oft gegangen.

Gibt es ein Konzert, an das Du Dich besonders gerne zurückerinnerst?
Ja, an das beste Konzert meines ganzen Lebens, ich war so geflasht: Ich war ganz spontan mit einem Kommilitonen beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, wir haben noch im letzten Moment richtig coole Tickets erwischt in der siebten Reihe, Tschaikowskys sechste Symphonie mit Jansons und Yo-Yo Ma. Ein Lifetime-Erlebnis, einfach genauso wie Musik sein soll, wo man in einem Konzert durch alle Emotionen geht. Das werde ich nie vergessen!

Was für Musik hörst Du denn privat?
Natürlich sehr viel klassische Musik, ich liebe Opern. Opern sind so bunt und voller Farben, voller Spannung und Klänge und Kontraste, genau das versuche ich auch in meiner Musik zu erreichen. Ich möchte so gerne zeigen, dass das Schlagzeug zum einen diese Urkraft besitzt, zum anderen aber auch die Möglichkeit hat, Melodien zu spielen, zu phrasieren und auch zu singen. So schwer es doch scheint, aber es ist möglich. Im Bereich der nicht-klassischen Musik höre ich unglaublich gern südamerikanische Musik. Weil da so viel Rhythmus dabei ist, so viel Schlagzeug.

Foto: Adriana Yankulova

Letztes Jahr war ein tolles Jahr für Dich, mit Deinem Debüt in der Berliner Philharmonie und der Uraufführung eines Konzerts von Oriol Cruixent, das Dir gewidmet ist. Worauf freust Du Dich 2020?
Dieses Jahr debütiere ich in Wien im Konzerthaus, darauf bin ich schon sehr gespannt. Es gibt noch eine Uraufführung von Gregor A. Mayrhofer mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, der Komponist wird auch dirigieren. Wir nennen es das »Recycling-Concerto«. Ein Großteil der Instrumente werden recycelte Gegenstände sein, Plastikflaschen, alte Metalle, Alu-Lampen, Sachen, die man sonst wegwerfen würde. Mit diesen Sachen wollen wir ganz neue Klänge finden und gleichzeitig aufmerksam machen auf das gegenwärtige Thema. Man kann so viel mit altem Zeug machen und muss nicht immer alles neu kaufen.
 

Interview/Text: Konstanze Heininger

 

 

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