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27.01.2021

Aus der Echokammer tanzen – TELL ME

Aus der Echokammer tanzen – TELL ME Alfonso Fernández Sánchez

Mit dem Projekt TELL ME aus der Reihe »Gasteig moves«, der Tanzreihe des Gasteig für zeitgenössischen Tanz, schafft Alfonso Fernández Sánchez eine offene Plattform für Austausch und Ausdruck. »Letztendlich geht es um Ehrlichkeit«, sagt er und tanzte und erzählte in Kapitel 1 dieser Performance im Dezember vor einer leeren Philharmonie.

Bis auf einen Sessel und eine Lampe ist die Bühne der Philharmonie leer. Das Bild der Kamera fängt einen Mann am Bühnenrand im Lichtkegel ein, er wirkt einsam vor den unbesetzten Rängen. Ein surrender Klang hebt an und er beginnt zu sprechen. »Ich bin siebenundzwanzig years old. Gekommen aus Spanien, Barcelona. I think that’s the phrase I’ve said so many times, lately.«

Alfonso Fernández Sánchez

Schon die ersten Sätze führen zu den zentralen Themen der einstündigen Tanzperformance. Im ersten Kapitel der Reihe TELL ME geht es um Sprache und Identität, um Herkunft, die Farben Blau und Pink und mit ihnen um Geschlechterrollen und Performanz. Trotz enger Bezüge zur Biographie des Tänzers Alfonso Fernández Sánchez dreht es sich aber nicht nur um ihn. Denn im zweiten Teil der Aufführung verleiht Serena Landriel ihrer eigenen Haltung in Tanz und Wort Ausdruck – zur gleichen Musik, mit derselben Bühnenausstattung.

Dass sich die beiden Perspektiven am Ende nicht in eine gemeinsame Form oder abgeschlossene Botschaft gießen, ist beabsichtigt. Mit seinem Projekt will Fernández vor allem eine Plattform zum Austausch erschließen. Es gehe darum, über das Gleiche zu reden und dabei unterschiedliche Meinungen zu artikulieren, sagt er. In der Aufführungssituation ist ihm die Flüchtigkeit des Augenblicks wichtig. Was geschieht, kann nur in diesem Moment geschehen und bleibt unwiederholbar. An insgesamt zehn Abenden wird TELL ME als Teil der Reihe »Gasteig moves« auf diese Weise über das Jahr hinweg unterschiedliche Sujets ausloten.

»Letztendlich geht es um Ehrlichkeit. Morgen bin ich jemand anderes. Und in zehn Jahren kann ich wieder jemand anderes sein. Aber auf der Bühne drücke ich mich so aus, wie ich jetzt gerade in diesem Moment bin – mit all meinen Erfahrungen und Erinnerungen.« Alfonso Fernández Sánchez

Tänzerin Serena Landriel

Alfonso Fernández Sánchez
Seit 2014 ist der gebürtige Spanier in München aktiv, erst als Tänzer im Ensemble des Gärtnerplatztheaters, dann als Freelancer. Seine eigene Rolle in dem Projekt möchte er nicht eingrenzen. Er sei kein Choreograf im klassischen Sinne, der mittels Aufführung eine eigene Perspektive und Ideologie verfolge. Fernández sieht sich eher als Ermöglicher und Vernetzer, der verschiedene künstlerisch geformte Blickarten aufeinandertreffen lässt und sie dem Publikum vorstellt. Dazu, so Fernández, müsse er auch nicht immer selbst auf der Bühne stehen. Die Form werde sich erst in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Tänzer*innen finden. Die Struktur der verschiedenen Kapitel von TELL ME bewegt sich dabei im Spannungsfeld von Wiederholung und Variation: Einerseits sind mit der wiederkehrenden Musik, dem Sessel und der Lampe Rhythmen gesetzt, andererseits ist die Inszenierung in ihrer tänzerischen Improvisation und ihren Themen offen.

Vieles werde sich spontan ergeben, sagt Fernández. »Es geht nicht um das Resultat, sondern um die Möglichkeit,  sich zu entwickeln, zu wachsen und dem Publikum neue Wahrnehmungen zu ermöglichen.« Wolle beispielsweise jemand etwas über den Klimawandel recherchieren, biete das Projekt die Gelegenheit, eine Performance dazu zu entwerfen und sie vor Publikum zu erproben: Ohne Zwang zum vorschnellen Fazit, dafür voller Anreize zur Diskussion, die aus verschiedenen Meinungen  entsteht. So öffnet das Projekt Aufführenden wie Zuschauer*innen die große Chance, Debatten auch außerhalb der eigenen Echokammer zu führen.

 

Wann der Dialog mit dem Publikum wieder im echten Leben stattfinden kann, steht in den Sternen. Wegen der Corona-Maßnahmen war der Premiere nur die Form als Stream vergönnt und solange es nicht anders geht, werden auch die nächsten Aufführungen als Streams stattfinden. So haben Sessel und Lampe auf der Bühne auch etwas Ironisches. Der Anblick des heimischen Wohnzimmers, den sie in Erinnerung rufen, ist  vertrauter denn je: als Hintergrund in Videokonferenzen, als zum Büro gewordener Privatraum. Doch der Auftakt zu TELL ME war gerade als Impuls zum Zusammenkommen konzipiert, für Tänzer*innen und ihr Publikum. Wenn Fernández enthusiastisch von der begeisterten Reaktion eines Beleuchters nach der Aufzeichnung  des Streams erzählt, dann zeigt das, wie sehr Kunstschaffende von der räumlichen Nähe zu ihren Zuschauer*innen zehren.

Mit der Aufführung des ersten Kapitels von TELL ME sei das Baby auf die Welt gekommen, sagt  Fernández. »Jetzt  müssen wir es großziehen.« Dabei soll es nicht nur in fremden Wohnzimmern spielen, lernen und  wachsen, sondern möglichst bald wieder vor besetzten Rängen die Bühnen im Gasteig erkunden, von der intimen Black Box über die offenen Foyers bis hin zur Philharmonie. Und wenn man, wie Fernández, an große Veränderungen durch kleine Schritte glaubt, wird es mit Sicherheit auch irgendwann so kommen.

Text: Benedikt Feiten
Fotos: Alfonso Fernández Sánchez, Pedro Dias (Porträtfoto Fernández)


 

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