Erzähl mal ...
40 Jahre Gasteig – 40 Jahre Kulturmomente, die uns zum Lachen, Staunen, zum Heulen oder zu Freudensprüngen bewegt haben. Wir haben Menschen, die dem Gasteig nahestehen, nach ihrem besonderen Gasteig-Moment gefragt.
„Wer in der Philharmonie spielt, hat es geschafft.“ So unsere Großeltern, die alle eine klassische Ausbildung genießen durften. In Erziehung natürlich. Als wir ihnen mitteilten, wir würden im Gasteig HP8 auftreten, meinten sie nur lapidar: „HP8? Ist das nicht der Punkschuppen in Berlin?“ Nö, Opa, das ist so was wie die Philharmonie auf Abwegen. Wir werden nie vergessen, dass wir zweimal mit großem phänomenalen Orchester in der Isarphilharmonie gespielt haben. Das Publikum war begeistert, warf Blumen und Klopapierrollen von den Rängen, die Stimmung war bombastisch, wie im Fußballstadion La Bombonera von Boca Junior in Buenos Aires. Und als wir nach den Konzerten schon zu Hause im Bett lagen, erhielten wir Videoaufnahmen von Menschen, die immer noch auf den Rängen sitzend unsere Lieder sangen. Unvergesslich. Danke, Gasteig HP8. Danke, Omas und Opas!
Sportfreunde Stiller
Von absurden Ideen, bewegenden Momenten und grantigen Pianisten
„Im Januar 2008 stand unser „Winterzauber – Classic On Ice“ auf dem Programm. Die Bühne der Philharmonie wurde dafür in eine echte Eisfläche verwandelt. Eigentlich eine absurde Idee, denn es bedurfte eines extrem aufwendigen Aufbaus mit speziellen Bohrungen zum Verlegen der Wasser- und Kühlleitungen. Nur wenige Stunden vor der ersten Vorstellung dann der Schock: Wasser tropfte bereits bis in die Tiefgarage und durch den Schaltraum der Hauselektrik. Mit einer unendlichen Ruhe und Zuversicht stellte das Gasteig-Team sicher, dass die Veranstaltung stattfinden konnte. Im Nachgang stellte sich heraus, dass ein winziger durch ein Teppichmesser verursachter Riss in der Folie unter dem Eis den Schaden verursacht hatte.“
Andreas Schessl, MünchenMusik
„Ganz besonders bewegt hat mich ein Moment beim Kinder- und Jugendfilmfestival flimmern&rauschen. Ein Kind hatte einen Film über seine Oma gedreht – ein liebevoller Blick auf ihre Lebensrealität. Als die beiden danach zusammen auf die Bühne kamen, gab es minutenlangen Applaus. Diese Mischung aus Wertschätzung, Emotion und echtem Dialog zwischen den Generationen hat für mich die Magie des Gasteig greifbar gemacht.
Auch im PIXEL habe ich erlebt, wie sehr der Gasteig Menschen verbindet: Bei einer Gaming-Veranstaltung haben Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern an Spielekonsolen gespielt – und dabei ihre Leidenschaft geteilt, die sonst oft nur im Kinderzimmer bleibt. Am Ende war es dem Kind fast peinlich, wie begeistert die Eltern waren. Für mich war das einer dieser Momente, in denen man merkt: Hier entsteht echtes Verständnis und echte Nähe.“
Linus Einsiedler filmmern&rauschen, PIXEL
„Die Philharmonie hustet, röchelt, keucht im Juli 2016. Gleich wird Keith Jarrett die Bühne betreten, und die Zuschauer wissen: Ein Räusperer an der falschen Stelle, und der Jazz-Gigant hört auf zu spielen. Im ausverkauften Saal klingt es wie im Sanatorium für Lungenkranke, dann wird dem Publikum die Absurdität bewusst: Über tausend Menschen hören auf zu husten und fangen geschlossen an zu lachen. Keith Jarrett spielt dann überirdisch gut, doch an einzelne Motive kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an die Szene zu Beginn. Und an das Ende: Das Publikum jubelt, rast, tobt vor Begeisterung, jeder andere Musiker wäre auf dieser Woge aus Liebe und Bewunderung aus der Philharmonie geschwebt – nicht aber Keith Jarrett. Er spricht zum Abschluss die wenigen Gäste an, die sich nicht an das Handyverbot gehalten haben. Und nennt sie „Arschlöcher“. Das Ende eines unvergesslichen Abends im Gasteig.“
Dominik Petzold, Pressereferent DOK.fest München
Ich liebe kleine Momente im Verborgenen, die man mit nur wenigen Menschen teilt – die Spannung hinter der Bühne vor dem Auftritt, mit der alle Künstler*innen auf eigene Art und Weise umgehen. Im Juli 2025 stand ich gemeinsam mit meinem Quartett und einem meiner großen Vorbilder, dem Jazz-Pianisten Danilo Pérez, hinter der Bühne der Isarphilharmonie. Er machte sich mit Aufwärmübungen bereit, die er wiederum von seinem Idol gezeigt bekommen hat. Vor dem Konzert ist man entweder ganz bei sich oder bei den anderen oder alles dazwischen. Diese Zeitlupenmomente sind etwas ganz Besonderes und Intimes. Dann öffnet sich die Tür und man betritt die Bühne, sieht die volle Isarphilharmonie vor sich, und voller Freude geht es los …
Fernanda von Sachsen Gessaphe, Jazz-Sängerin und ehemalige Studierende der HMTM
„Mein erster Besuch im Gasteig war Anfang der 1990er-Jahre. Ich konnte spontan eine Aufführung des Requiems von Fauré unter Leitung von Maestro Sergiu Celibidache mit der Solistin Margaret Price besuchen, mit der wir an der Opéra de Lyon eng zusammengearbeitet hatten. Die legendären Künstler, der Gasteig mit dem wunderschönen Blick auf München und die Isar hinterließen bei uns einen bleibenden Eindruck von München.“
Herbert Liebhart – Dokumentar eines Stadteils im Wandel
Herbert Liebhart ist ausgebildeter Fotograf und ein langjähriger Begleiter des Gasteig. Auf seinen fotografischen Streifzügen durchs Viertel hielt er über viele Jahre die Veränderungen fest. 1978 zog er von Berg am Laim nach Haidhausen – im selben Jahr wurde auch der erste Spatenstich vom Gasteig getan. Er ist ein Chronist der ersten Stunde.
„Als ich 1978 nach Haidhausen gezogen bin, war ich viel mit meiner Tochter im Kinderwagen im Viertel spazieren und habe fotografiert. Auf dem Areal, wo heute der Gasteig steht, waren vorher das Coca-Cola-Werk, die Brauerei des Bürgerbräu und der Bürgerbräukeller. Das alles wurde abgerissen und plattgemacht. Davon habe ich Fotos gemacht. Seit es ihn gab, war immer Leben im Gasteig. Man konnte dort viele Leute treffen und gute Gespräche führen – ein offener Ort für alle. Besonders in Erinnerung ist mir die Eröffnung des Gasteig 1985 geblieben und Celibidache, wie er dirigiert hat.“
Startrampe und Wegbegleiter
„Der Gasteig begleitet mich seit meiner Kindheit. Bei der Eröffnung vor 40 Jahren war ich als Zehnjähriger dabei und durfte helfen, vor dem Kleinen Konzertsaal Programme zu verkaufen. Für ein Kind war das überwältigend: plötzlich mitten im Kulturzentrum der Stadt, zwischen Musiker*innen, Techniker*innen und diesem Gefühl von Aufbruch. Später wurde der Gasteig zu meinem zweiten Zuhause. Ich habe Filmfestivals als Filmvorführer betreut, als Kameramann unzählige Projekte gedreht – unter anderem mit den Münchner Philharmonikern und Künstler*innen, die ich sonst nur von Plattencovern kannte. Irgendwann durfte ich selbst auf der Bühne stehen: mit Orchester und meiner Band Einshoch6 in der Philharmonie und im Carl-Orff-Saal. Jeder dieser Momente hat mich geprägt.
Der Gasteig ist ein Ort, den man nicht nur besucht, sondern der einen ein Leben lang begleitet.
Ende der 1990er-Jahre rief mich die damalige Leiterin des Gasteig an. Sie kannte mich noch als Kind über meine Eltern und sagte: „Du machst doch etwas mit Film?“ Das stimmte – zumindest im weitesten Sinn. So begann meine Zeit als Filmvorführer im Gasteig. Über viele Jahre durfte ich Filmwochen und Filme aus aller Welt begleiten, oft hinter den Kulissen, manch mal mitten im Trubel. Besonders nah geblieben ist mir das Kinderkino: liebevoll kuratierte Filme für Kleine und Große, staunende Gesichter im Saal, erste Kinoerlebnisse.
Und ich war dabei, wie dieses Publikum mit dem Gasteig mitgewachsen ist – Kinder, die später als Jugendliche zurückkamen und irgendwann mit eigenen Kindern. „Der Gasteig ist ein Ort, den man nicht nur besucht, sondern der einen ein Leben lang begleitet.“ Vielleicht ist das das Schönste am Gasteig: Er ist ein Ort, den man nicht nur besucht, sondern der einen ein Leben lang begleitet. Am eindrucksvollsten blieb eine Konzert mit Chick Corea und Bobby McFerrin in Erinnerung. Ich filmte für eine BR/arte-Pro duktion direkt auf der Bühne. Ein Konzert voller spontaner Improvisation, ganz leise, ganz konzentriert. In einem dieser stillen Momente fällt mir ein Teil meiner Kamera herunter und knallt auf den Boden. McFerrin schreckt hoch – und improvisiert den Knall einfach mit hinein. Das Publikum lacht, applaudiert, und der Moment wird plötzlich Teil der Musik. Vielleicht beschreibt genau das den Gasteig: Hier passiert Kultur im Jetzt. Unplanbar, lebendig, menschlich. Manche Orte schafft man – der Gasteig schafft Momente.“
Amadeus Hiller ist Kameramann, Musiker und Filmvorführer im Gasteig HP8
„Mit der Philharmonie im Gasteig in Haidhausen verbinde ich einen großen Teil meiner Kindheit. Ich habe dort sehr viele Konzerte gehört und mit acht Jahren das erste Mal gespielt. Mit den Münchner Philharmonikern habe ich den 1. Satz aus Mozarts 3. Violinkonzert gespielt, Heinrich Klug hat dirigiert. Ich kann mich erinnern, dass vorher diskutiert wurde, ob ich ein Podium bekomme, weil ich so klein war. Als Kind war ich sehr frech und forsch und hatte mit Aufregung nicht so große Probleme. Die Philharmonie sah ohne Publikum von der Bühne aus gar nicht so groß aus, aber als ich dann rausgelaufen bin und der Saal so voll war, dass man die letzten Reihen nicht sehen konnte, hatte ich schon kurz Herzklopfen. Ich glaube aber fest daran, dass viel von der Anspannung abfällt, wenn man die Vorfreude der Menschen auf das Konzert mitempfinden kann und sich darauf freut, großartige Musik zu spielen.“
Geigerin Julia Fischer
Der Gasteig als zweites Zuhause
„Mein erster Schülerinnenjob war als Buffetkraft bei Käfer Anfang der 1990er-Jahre. Im gelb-weiß gestreiftem Polyesterkleid mit gelber Schürze haben wir vor der Philharmonie bedient. In der Pause stürzten die Gäste immer im Pulk auf die Theke zu. Trinkgeld gab es fast nie. Wenn die Veranstaltung aus war, konnte das Polyesterkleid wieder in den Spind. Wenn ich heute bei Veranstaltungen bin, gebe ich immer etwas Trinkgeld und denke an meine Zeit im Gasteig.“
Antje Herbst, Mitarbeiterin Stadt München
Haidhauser Bücherburg
„Zu Besuch bei meiner Schwester in München kam ich als Teenagerin in die Bibliothek am Gasteig und war sehr begeistert von der Atmosphäre dort – dem Geruch der vielen Bücher, der Ruhe, dem direkten Zugang von der S-Bahn. Von außen hat mich das Gebäude immer ein wenig an eine Burg erinnert, die Lage auf dem Hügel, die Architektur, die roten Ziegel. Für mich aus der fränkischen Provinz waren der Ort und die Umgebung super. Während meines Studiums in München wohnte ich in der Nähe und war oft in der Gasteig-Bibliothek. So konnte ich auch den Wandel im Viertel erleben. Die Auslagerung der Bibliothek in den Gasteig Motorama derzeit finde ich sehr gelungen und zeitgemäß – offen, transparent und bunt.“
Margit Murad, Einrichtungsleiterin beim Amt für Wohnen und Migration im Sozialreferat der Stadt München
Großer Applaus
„Woran ich immer denken werde: Am 31. Juli 2021, dem letzten Tag, an dem die Stadtbibliothek Am Gasteig vor dem Umzug ins Interimsquartier geöffnet hatte, schloss um 16:00 Uhr die Bibliothek. Da haben wir Mitarbeiter*innen uns spontan alle auf der Eingangsebene zur Bibliothek versammelt und geklatscht. Es war ein Ausdruck dessen, was wir dort erlebt hatten und wie wir uns mit dem Ort identifiziert haben. Aber auch der Neugier auf das, was nun kommen würde. Der Gasteig ist ein Ort, an dem ganz viel passieren kann. Ich glaube, jeder Mensch hat seine eigene Gasteig-Geschichte und alle er geben zusammen ein tolles Mosaik. Ein bisschen wie bei der Discokugel in der Halle E spiegeln sich Tausende Geschichten darin wider.“
Carolin Becker, Leiterin der Zentralbibliothek
Ein energiegeladenes Miteinander
„Am Anmeldetag fühlte ich mich wie der Direktor in Goethes Faust-Vorspiel: „Denn freilich mag ich gern die Menge sehen, wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt, und mit gewaltig wiederholten Wehen sich durch die enge Gnadenpforte zwängt.“ Das traf die Stimmung. Ausgerüstet mit Isomatte und Thermoskanne saßen die ersten Bildungshungrigen schon seit vier Uhr vor verschlossenen Türen, um sich einen Platz für einen Sambakurs oder für chinesische Kalligrafie zu ergattern. Oftmals reichte die Schlange bis zum Rosenheimer Platz. Ab sieben Uhr wurden Wartenummern ausgeben, ab 9 Uhr konnte man in den Foyers und Sälen in das Programm schnuppern. Viele Kurse waren bereits am ersten Tag ausgebucht. Das ist auch heute so. Es gibt keinen Grund, die Schlange zu betrauern, aber eindrucksvoll war sie schon.
Der Gasteig war ein einmaliges, energiegeladenes Kulturkraftwerk. Nur hier haben sich die Wege von Deutschlernenden der Volkshochschule mit denen von alteingesessenen Philharmonie Besuchern gekreuzt, haben Schülerinnen auf dem Weg zur Stadtbibliothek die Ausstellungen der Aspekte Galerie durchstreift, haben Teilnehmer aus der Holzwerkstatt der Volkshochschule den Etüden der Musikstudenten gelauscht und haben sich abends alle in der Black Box getroffen, um mit Autoren der Bücherschau zu diskutieren oder im Carl-Orff-Saal, wo Joachim Kaiser gerade seine 297. Vorlesung über die Geheimnisse großer Streichquartette hielt. Dann war es mucksmäuschenstill. Manchmal, wenn die Kinder umliegender Schulen und Kindergärten Trommeln und Xylophone entdeckten, brummte er auch laut. Manchmal tanzte er und die Rolltreppe war der Laufsteg für die Modeschauen der Schneiderkurse.
„Kultur für alle und Kultur von allen“, das Motto des kulturpolitischen Aufbruchs der 1970er-Jahre wurde im Gasteig auf ganz alltägliche und selbstverständliche Weise gelebt. Möge sich dieses energiegeladene Miteinander erneut einstellen, wenn Europas größtes Kulturzentrum dereinst im neuen Glanz erstrahlt.“
Susanne May, ehemalige MVHS-Geschäftsführerin