Zugabe: Unscharfe Zone – KI und menschliches Erzählen
In der neuen Rubrik „Zugabe“ stellen wir spannende Perspektiven auf aktuelle Themen vor. Dieser Gastbeitrag von Literaturwissenschaftler Philipp Imhof beschäftigt sich damit, was Künstliche Intelligenz für das menschliche Erzählen bedeutet.
Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen menschlicher Kreativität und Künstlicher Intelligenz beginnen zu verschwimmen. In dieser unscharfen Zone entstehen interessante Geschichten, Erzählungen zwischen Gegenwartsdiagnose und Science-Fiction. Zum Beispiel „Maschinen wie ich“ von Ian McEwan. Der Autor erzählt von einem KI-gesteuerten künstlichen „Adam“, der stets moralisch korrekte Entscheidungen trifft, während die „echten“ Menschen um ihn herum in ihren emotionalen Verstrickungen oftmals fragwürdig agieren. Diese Science-Fiction-Geschichte spielt nicht in der Zukunft, sondern in den 1980er-Jahren. Allerdings in einer historischen Parallelwelt, in der heute selbstverständliche Dinge bereits existieren: vom Internet bis zu autonomen Fahrzeugen. Damit macht Ian McEwan etwas Ähnliches wie Mary Shelley 200 Jahre vorher: Ihr berühmter Roman „Frankenstein“ erschien 1818, spielt aber in den 1790er-Jahren. Die künstlichen Geschöpfe in diesen Geschichten erscheinen letztlich als ein Zerrspiegel ewig gleicher menschlicher Sehnsüchte, Konflikte und Leidenschaften.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Das Vordringen immer neuer KI-Anwendungen in unsere Alltagswelt erzeugt durchaus Gefühle von Bedrohung und Verunsicherung: Ist mein Arbeitsplatz noch sicher oder wird er bald durch eine KI ersetzt? Diese Frage stellt sich inzwischen auch für komplexe wissenschaftliche Tätigkeiten und für kreative Berufe. Künftige Bestseller und Blockbuster werden wahrscheinlich komplett von KI generiert. Auch wenn die KI keine intrinsische Motivation aufweist, also nur auf menschlichen Befehl tätig wird – der Status des Autors*der Autorin als Kunstschöpfer ist dadurch radikal herausgefordert. Viele Science-Fiction-Filme von „Metropolis“ bis „The Creator“ folgen dem Erzählmuster der „Katastrophenphantasie“ (Susan Sontag): Visuelle Überwältigung dank allerneuester Technik, um auf der Story-Ebene die Zerstörung der bedrohlichen Technologien zu schildern. Die Herausforderung, die KI für das Geschichtenerzählen bedeutet, wird dadurch jedoch verschleiert.
Aber wie sieht ein Erzählen aus, das die Verunsicherung durch KI ernst nimmt, statt blind den Verheißungen und der Propaganda etwa eines Elon Musks zu folgen? Ein Erzählen, das wachsam ist für die Gefahren, wenn KI-Anwendungen und totalitäres Denken zusammentreffen. Ein Erzählen, das sich vorwagt in die unscharfe Zone zwischen Schönheit und Schrecken der sich abzeichnenden KI-Welt. Welche Geschichten werden da auf uns zukommen?
Philipp Imhof ist Sprach- und Literaturwissenschaftler und arbeitet im IT-Marketing für BMW ConnectedDrive. Seit 2008 gibt er an der Münchner Volkshochschule Vorträge und Seminare in den Bereichen Literatur und Film. Im Juni/Juli beschäftigt er sich in seiner Vortragsreihe im Gasteig HP8 mit KI in literarischen Texten.
Text: Philipp Imhof