Umgehört: Raum zum Wachsen
Für Generationen von Musiker*innen ist der Gasteig ein prägender Ort: Sie studierten hier am Richard-Strauss-Konservatorium oder später an der Hochschule für Musik und Theater München, hatten hier ihre ersten Auftritte und trafen andere Künstler*innen, die ihren Werdegang maßgeblich beeinflussten. Drei Musiker*innen aus München erzählen von ihrer besonderen Verbindung zum Kulturzentrum.
Kultureller Umschlagplatz
Ich habe den Gasteig als junges Mädchen mit etwa 13 Jahren kennengelernt. Da fing ich an, im Chor meiner Mutter zu singen. Das war der Chor der städtischen Sing- und Musikschule Viva Voce. So heißt er bis heute, auch wenn meine Mutter mittlerweile im Ruhestand ist.
Wir probten im Gasteig im ersten Stock in Zimmer 1.118 – ein wunderschöner Raum, den ich bis heute sehr liebe. Der Gasteig ist für mich zu einem superwichtigen Ort geworden, weil ich dort schon als Teenagerin sehr viel Zeit mit den Studierenden des damaligen Richard- Strauss-Konservatoriums (heute HMTM) verbracht habe. Ich hatte viele Freund*innen dort, und es gab im zweiten Stock den Kaffeeautomaten – einen Umschlagplatz zwischen Übeeinheiten, an dem man mitbekam, was wo läuft und wer wo spielt. Die Studierenden tummelten sich dort, und man konnte interessante Gespräche verfolgen. Man bekam zum Beispiel spannende Konzertankündigen von Jamsessions mit – in Zeiten ohne Social Media war Mundpropaganda noch sehr wichtig.
Später wurde ich dann selbst für zweieinhalb Jahre Jazzkontrabass-Studentin am Richard-Strauss-Konservatorium. Der Gasteig hat mich geprägt und begleitet, ich durfte diesen Ort seither in vielen anderen Zusammenhängen besuchen, dort proben oder Aufnahmen machen. Zum Beispiel mit meinem Bandkollegen Simon Popp, der ein Studio in der Fat Cat hatte, oder auch mit meinem Stiefbruder Nick McCarthy, mit dem auch mein neues Album entstanden ist, das diesen Herbst rauskommt.
Ganz besonders gefreut habe ich mich darüber, dass ich zum 40. Gasteig-Jubiläum im Gasteig HP8 ein Konzert spielen durfte. An diesem Abend kam alles so wunderbar zusammen, auch meine Mutter war da und war glücklich zu sehen, wie all diese Zusammenhänge einmal mehr in einem Raum versammelt waren. Wie schön, dass sich diese Brücke auch zum neuen Gasteig- Standort gebildet hat, und ich freue mich auf viele weitere Projekte.
Polina Lapkovskaja oder Polly ist eine Münchner Musikerin, Performance-Künstlerin, Komponistin, Theaterregisseurin und Musikproduzentin. Sie ist als Frontfrau der Band Pollyester bekannt.
Schlüssel zur Karriere
Im Alter von 13 Jahren begann ich ein Jungstudium an der Musikhochschule, das ich nach meinem Abitur im Bachelor fortsetzte. An meinem ersten Tag als Schlagzeugstudent bekam ich einen dicken Schlüsselbund für sämtliche Überäume im Gasteig, der fortan zu meinem zweiten Zuhause wurde. Es war eine enorm prägende Zeit. Meist traf ich nach der Schule meine Oma am Bahnhof, wir tauschten Schulranzen gegen Schlägel- Rucksack, dann fuhr ich an fünf Tagen in der Woche nach Haidhausen zum Üben.
Über Jahre verbrachte ich bis zu zwölf Stunden täglich im Gasteig. Für mich war es ein idealer Ort, um als Künstler erwachsen zu werden. Ich kannte dort alles und jede*n – vom Pförtner bis zur Reinigungskraft. Auf den Gängen oder im Café lief man Weltstars über den Weg, und nicht selten habe ich mich bei den Philharmonikern in die Probe gesetzt. Ich habe die Atmosphäre im Gasteig immer als überaus inspirierend empfunden: eine Künstler- und Kultur-Kolonie mitsamt Bibliothek mitten in der Stadt.
Menschen machen Orte, daher hat daran auch der Umzug in den Gasteig HP8 nichts geändert. Ich habe dem Gasteig vieles zu verdanken – nicht zuletzt meine Percussion Group: Inzwischen treten wir auf der ganzen Welt auf, haben uns aber im Gasteig kennengelernt. Erfreulicherweise wird mich der Gasteig nicht so richtig los: Mein allererster eigener Konzertabend als 15-Jähriger fand dort statt, und dieses Jahr konnte ich mein Konzertexamen (Excellence in Performance) ebenfalls hier abschließen.
Christian Benning ist Multipercussionist. Er tritt weltweit als Solist und gemeinsam mit der „Christian Benning Percussion Group“ auf.
Liebevoller Begleiter
Ich fing 2018 mein Studium im Gasteig in Haidhausen an. Die ersten Studienjahre waren die aufregendsten für mich, aber der Umzug der Musikhochschule nach Sendling in den Gasteig HP8 war für uns Studierende auch total spannend. Am Gemeinschaftsgefühl veränderte der Umzug nichts, weil wir trotzdem eine Familie waren, man ist sich weiterhin auf den Fluren begegnet. Jeder Raum hat eine eigene Magie, und der Gasteig hat es geschafft, seine auch ins HP8 mitzunehmen. Das liegt bestimmt an den Mitarbeitenden, aber auch am Grundgedanken: Wir machen Kunst und Kultur und bieten den Menschen in dieser Stadt einen Ort an, an dem man sich aufhalten kann. Vielleicht kann man sagen, dass der Gasteig wie ein Großvater ist, der einen begleitet, von oben immer ein bisschen auf einen schaut und einen mitnimmt.
Jeder meiner Karriereschritte begann im Gasteig. Ich stand schon auf jeder Bühne dort – vom kleinen Konzertsaal im alten Gasteig, wo ich meine ersten Klassenkonzerte gegeben habe, bis zur Isarphilharmonie in Sendling. Dort trat ich 2022 mit den Sportfreunden Stiller auf – das war bisher das größte Konzert für mich als Musikerin. Dieser Moment auf der Bühne der ausverkauften Isarphilharmonie bleibt mir als Foto in meinem inneren Gedächtnis: Mit den Sportis ihren Hit „Ein Kompliment“ zu spielen, und der Saal steht Kopf – obwohl das Publikum dort ja normalerweise sitzt. Es war eine Feier und ein geiler Moment auch mit der Crew – einfach super.
Laura Glauber ist Vocal-Coach und Sängerin der Band Lauraine. Barrierefreiheit und Inklusion sind elementare Lebensthemen von Laura, die von klein auf Orthesenträgerin ist.
Text: Gasteig-Redaktion