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Über den Tellerrand. Dirigentin Dalia Stasevska im Porträt

Sie spricht mit Fremden an Flughäfen über Klassik, ist mit einem Punk-Musiker verheiratet und dirigiert internationale Orchester: Dalia Stasevska erkundet mutig neue Wege in der Musik und zeigt klare Haltung in Solidarität mit der Ukraine. Im September ist die erfolgreiche Dirigentin zum ersten Mal in der Isarphilharmonie und gibt ihr Debüt bei den Münchner Philharmonikern.

Portrait von Dirigentin Dalia Stasevska. Sie sitzt und hält ihren Taktstock in der Hand
Copyright: Veikko Kaehkoenen

Seit ihrer Geburt ist Dalia Stasevska umgeben von verschiedenen Sprachen und Kulturen. Die Tochter von Künstler-Eltern, der Vater ukrainisch, die Mutter finnisch, kommt 1984 in Kyjiw zur Welt und flieht als Fünfjährige mit der Familie aus der damaligen Sowjetunion nach Finnland. Die ukrainische Sprache, traditionelles Essen und Volkslieder sind in der Kindheit von Dalia und ihren Brüdern stark präsent, da die ukrainische Großmutter bei der Familie lebt. Selbstbewusst und mutig geht Stasevska ihren Weg. Wenn jemand gemobbt wird, mischt sie sich ein und stärkt Schwächeren den Rücken. Sie nimmt Geigenunterricht, entdeckt als 13-Jährige die Oper und ist fasziniert von der Schönheit der Orchestermusik. Während Freund*innen zur Musik der Spice Girls oder Backstreet Boys feiern, hört Stasevska gerne Opern, Puccinis „Madama Butterfly“ trifft die Teenagerin mitten ins Herz. „Oper war so etwas wie mein Punk“, sagt sie in einem Interview. Dass Gleichaltrige sie dafür schräg anreden, nimmt sie eher als Bestärkung.

„Ich wusste, dass es etwas Besonderes war, und ich war froh, anders zu sein.“

Dalia Stasevska geht mutig eigene Wege.

Der Vorname Dalia stammt aus der litauischen Mythologie und bedeutet Bestimmung, Glück und Schicksal. Letzteres nimmt die junge Stasevska geschickt selbst in die Hand: Sie studiert Geige und Komposition im finnischen Tampere und wird mit Anfang 20 von einer Kommilitonin dazu inspiriert, das Dirigieren auszuprobieren. Um Meisterkurse zu finanzieren, verpfändet sie die Geige. Ihr Weg führt sie zu Dirigierstudien an die Königlich Schwedische Musikakademie in Stockholm sowie an die Sibelius-Akademie in Helsinki. Sie assistiert Paavo Järvi beim Orchestre de Paris und sammelt international Erfahrung mit renommierten Orchestern. Seit 2019 ist Stasevska Erste Gastdirigentin des BBC Symphony Orchestra, seit 2021 Erste Chefdirigentin der Sinfonia Lahti.

Dirigentin Dalia Stasevska posiert mit ausladenden Bewegungen laufend vor der Kamera.
Copyright: Matthew Johnson

Inspirierende Menschen sind für die Musikerin die mexikanische Malerin Frida Kahlo und Leonard Bernstein, der immer voller Freude über den Tellerrand hinausgedacht habe, wie sie findet. Auch Allrounderin Stasevska traut sich selbst und dem Publikum Herausforderungen zu – Oper, Klassik, Zeitgenössisches. Auf ihrem 2024 veröffentlichten Album „Dalia’s Mixtape“ präsentiert sie zehn zeitgenössische Kompositionen und erläutert in Instagram-Videos, was sie an den jeweiligen Klangwelten so fasziniert.

Junge Menschen möchte sie einladen, Musik ganz unbefangen und frei vom Genre-Denken zu erleben. Über grenzenloses Hörvergnügen kann sich vermutlich auch die knapp zweijährige Tochter freuen, die mit einer Fülle an Klängen aufwächst, denn ihr Vater ist ebenfalls Musiker: Lauri Porra, Komponist und Bassist der erfolgreichen Power-Metal-Band Statovarius, Urenkel von Jean Sibelius. Neben der Kinderbetreuung teilen Dalia Stasevska und ihr Mann gemeinsame Musikprojekte.

„Musik ist ein Ort, an dem die schlimmsten Feinde Seite an Seite sitzen und das Gleiche fühlen können.“

Dirigentin Dalia Stasevska

Ein einziges Mal denkt die sonst eher unbändige Finnin mit ukrainischem Herzen, sie müsse aufhören, Musik zu machen. Als im Februar 2022 die russische Invasion in die Ukraine beginnt, will sie sich voll und ganz dem Einsatz für das Heimatland ihres Vaters widmen. Zusammen mit ihren Brüdern sammelt sie Spenden für Hilfsgüter und transportiert diese dann selbst ins kriegsgebeutelte Land. Dann wird ihr klar, dass sie die Musik, ihre Hände und ihre Stimme auf vielfältige Weise nutzen kann, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. Sie dirigiert Orchesterkonzerte in Lwiw, schätzt Musik als sicheren Ort des Zusammenkommens und zieht aus den extremen Erfahrungen eine neue Freiheit für ihr Selbstverständnis als Künstlerin. Branche und Image sind für sie unbedeutend, wenn es darum geht, mit Musik mehr zu bewegen. Dalia Stasevska wünscht sich, dass alle die Kraft und Freude der Musik spüren können: „Solange wir da sind und spielen, sind wir unzerstörbar.“

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