Auf Konzertreisen von Honkong bis Hawaii und zu Hause in Kanada: Wenn Timothy Chooi aufwacht, notiert er zuerst seine Gedanken im Tagebuch. „Das Aufschreiben holt mich in den Moment zurück, es verbindet mein Gehirn mit meinem Körper“, sagt der 31-Jährige. Der junge Profigeiger muss seine Tage gut strukturieren, um Konzerte, Zeit im eigenen Studio, Tätigkeiten als Violin-Professor und persönliche Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Auch ein paar Sekunden eiskalt duschen hilft ihm dabei, seine Bodenständigkeit zu bewahren, gerade weil er mit seiner Karriere seit einigen Jahren am Abheben ist.
Der international gefeierte Geiger begeistert mit seiner Energie, mit technischer Brillanz und tiefgründigen Interpretationen. Sein Masterstudium absolvierte Chooi an der Juilliard School in New York, und seit Oktober 2025 spielt er auf einer der besten und wertvollsten Geigen der Welt: auf der „Dolphin Stradivari“ von 1714. Die Sasakawa Music Foundation aus Japan leiht ihm diese Geige, da sie in Chooi herausragendes Talent sieht, die Tradition großer Meister* innen fortzusetzen.
Viele Jahre wurde die „Dolphin“, deren Rücken mit seiner Form und schimmernden Farbe an einen Delfin erinnert, vom legendären Geiger Jascha Heifetz gespielt. „Er war eine so große Persönlichkeit, ein Pionier, der die Violine weltweit zugänglich gemacht hat“, schwärmt Chooi, der es manchmal selbst kaum glauben kann, in wessen Fußstapfen er da tritt. Auch die japanische „Mega-Ikone“ Akiko Suwanai und Violinvirtuose Ray Chen, der via Social Media Millionen von Menschen erreicht, haben dieses historische Holz geprägt. „All diese Leute haben so viele unglaubliche Dinge im Bereich der Klassik geleistet“, so Chooi. „Egal ob es Druck ist oder Verantwortung – ich will tun, was ich kann mit dieser Geige!“
Als Dreijähriger hat Timothy Chooi angefangen, Geige zu spielen. Vor ihm und seinem älteren Bruder Nikki, ebenfalls Profigeiger, gab es keine Musiker in der Familie. Die Eltern verließen Indonesien und Malaysia aus politischen Gründen und immigrierten nach Kanada, um ihren Kindern bessere Chancen zu bieten. Vermittelt wurde, „auf unser Bauchgefühl zu achten“, und vorgelebt, auch Risiken einzugehen. So setzt Chooi alles daran, mit seinem Geigenspiel eine für ihn essenzielle Geschichte zu erzählen: Dass Musik „auf sanfte Weise Menschen zusammenbringen und kulturelle Kluften überbrücken kann“. Er selbst habe das in Kanada und später als Neuankömmling in den USA erlebt. Gemeinsam mit seinem Bruder gibt er Konzerte in entlegenen Regionen, wo klassische Musik sonst nicht zu hören wäre. Und mit seinem „The Vision Collective“ möchte er Einwanderer*innen und Geflüchtete unterstützen. „Musik kann helfen, damit sie sich als Individuen anerkannt, wertgeschätzt und gefeiert fühlen.”
„Musik hat schon so viele Menschen vereint. Diese wichtige Geschichte möchte ich gerne weitererzählen.“
Beim Videocall strahlt Timothy Chooi über das ganze Gesicht, wenn er über seine Instrumente – derzeit drei Leihgeigen und eine eigene – spricht. Aktuell befinde er sich in der „Honeymoon-Phase“ mit der „Dolphin“. Die Geige, die er vorher hatte, „war sehr weise“, sie habe ihn gebremst, um genau nachzudenken, was er tue. Bei der „Dolphin“ gäbe es hingegen kein Zurückhalten. „Die Dolphin pusht mich, wir fordern uns gegenseitig heraus, aber in dieselbe Richtung.“ Wie energiegeladen das Zusammenspiel ist, kann man bei seinen Konzertauftritten erleben: „Das Publikum bekommt hundert Prozent!“, verspricht Chooi. Die Isarphilharmonie ist die erste Station seiner großen Europatournee im Frühjahr 2026. Mit im Gepäck: sein Anzug, die historische „Dolphin“, ein Familienfoto und sein Tagebuch. Das Wort „Kaiserschmarrn“ wird mit großer Wahrscheinlichkeit auf einer Seite zu finden sein, denn dieses Gericht schmeckt Timothy Chooi ganz besonders.
Timothy Chooi mit dem Prague Radio Symphony Orchestra und Alevtina Ioffe (Leitung)
Konzert am 1. Februar um 16:00 UhrText: Maria Zimmerer