Zum Hauptinhalt springen

Erste Hilfe bei psychischen Problemen: Gespräch mit Ärztin Thien-Hoa Waidelich

Thien-Hoa Waidelich ist Ärztin und engagiert sich für psychische Gesundheit. Wie Erste Hilfe bei psychischen Problemen aussehen kann, vermittelt sie in Kursen bei „MHFA-Ersthelfer“, einem Projekt unter Trägerschaft des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Waidelich ist auf dem Mental Health Arts Festival zu Gast und verrät im Interview, was wir uns selbst im Alltag Gutes tun können.

Thien-Hoa Waidelich greift sich ans Ohr und zeigt, wo man Reflexzonen massieren kann.
Ein einfacher Trick für mehr Wohlbefinden: Reflexzonen am Ohr massieren Copyright: Benedikt Feiten/Gasteig

Thien, was genau ist mit mentaler Gesundheit gemeint?

Mentale Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit psychischer Erkrankungen. Verkürzt gesagt ist es der Zustand psychischen Wohlbefindens. Dieses ermöglicht uns, den Alltag zu bewältigen und unsere Fähigkeiten auch in die Gemeinschaft einzubringen. Mentale Gesundheit hat also etwas mit unserer Lebensqualität zu tun. Dabei sollten wir Körper und Geist nicht getrennt sehen, sie gehören zusammen: Wenn es mir körperlich nicht gut geht, zeigt es sich in der Psyche und umgekehrt. Aus Erfahrung weiß ich, dass Therapien Menschen helfen können. Je früher professionell geholfen wird, desto eher können Menschen wieder in die Gesundung kommen.

Sind psychische Probleme aus deiner Sicht immer noch ein Tabuthema?

Ich habe erlebt, dass Menschen oft Angst oder Scheu haben, über psychische Probleme zu reden. Viele beschäftigen sich wenig mit der eigenen Psyche und wissen nicht, wo sie Unterstützung bekommen. Oft suchen Menschen sehr spät oder zu spät Hilfe, es braucht meist lange, bis sie tatsächlich in Kliniken kommen. Viele denken, so schlimm ist es gar nicht, oder gehen davon aus, dass es nur eine vorübergehende Phase ist. Häufig verschlechtert sich dann aber der Zustand bis zu dem Punkt, an dem gar nichts mehr geht. Schöner ist doch, wenn man schon viel früher merkt, wie es einem selbst geht, und auch achtsam dafür ist, wenn jemand aus dem Umfeld Hilfe braucht.

Jede*r kennt vermutlich gute und weniger gute Phasen im Leben. Auf welche Warnsignale sollten wir achten, um frühzeitig mentalen Problemen gegenzusteuern?

Vielleicht fällt mir irgendetwas schwerer oder meine Stimmung ist verändert, ich bin nicht so ausgeglichen wie sonst. Oder ich habe aufgehört, soziale Kontakte zu pflegen, weil es mir zu viel ist. Es kann sein, dass ich eine Enge fühle, schlecht schlafe, verspannt bin oder keinen Appetit mehr habe. Oft sind es körperliche Dinge, die auffallen. Wenn ich mich energielos fühle, mich von Termin zu Termin schleppe und nichts Positives mehr im Kopf habe – all das können Anzeichen sein. Jede*r hat andere Schmerzgrenzen, aber wenn man einen großen Leidensdruck hat, ist es wichtig, sich mitteilen zu können. Wenn wir uns einen Arm brechen, gehen wir selbstverständlich zur Ärztin. Genauso selbstverständlich sollten wir uns Hilfe suchen, wenn es uns mental nicht gut geht.

„Ich wünsche mir dieses Gefühl für alle: Ich darf so sein, wie ich bin, und du darfst so sein, wie du bist!“

Ärztin Thien-Hoa Waidelich
Ärztin Thien-Hoa Waidelich im Gespräch mit einer Gasteig-Redakteurin.
Im Gespräch erhalten wir Tipps, welche kleinen Dinge unserer mentalen Gesundheit im Alltag helfen können. Copyright: Benedikt Feiten/Gasteig
Portraitfoto der Ärztin Thien-Hoa Waidelich beim Gasteig HP8
Thien-Hoa Waidelich hat als Ärztin in verschiedenen Kliniken gearbeitet. Prävention und mentale Gesundheit sind ihr ein Herzensanliegen. Copyright: Benedikt Feiten/Gasteig

Über Bewegung, gesunde Ernährung und genug Schlaf freuen sich Körper und Psyche. Was können wir im Alltag für unsere mentale Gesundheit tun?

Veränderungen fangen immer im Kleinen an. Zunächst sollte ich mich fragen: Wie geht es mir? Was tut mir gut, und was kann ich machen, damit dieses Wohlbefinden weiterhin bleibt? Mein Mann merkt oft vor mir, wenn ich an der Grenze der Belastung bin und besser mal eine Pause einlege. (lacht) Ich möchte das im stressigen Moment natürlich nicht hören, aber er hat recht. Genau dann ist es an der Zeit, durchzuatmen und um den Block zu gehen. Ein anderer Tipp: Ich massiere mir jeden Morgen meine Ohren. Dort befinden sich Reflexzonen des ganzen Körpers, die ich durch die Massage aktiviere. Und man kann sich auch bewusst auf Positives konzentrieren. Oft machen wir von hundert Dingen nur zwei falsch, und die beschäftigen uns die ganze Zeit. Warum? Loben wir uns doch mehr dafür, was wir alles geschafft haben. Wir sollten uns selbst mehr feiern!

Welche Maßnahmen können helfen, unsere Gesellschaft gesünder zu machen?

Es gibt Länder wie Dänemark, die Erste Hilfe schon 2005 als Schulfach eingeführt haben, was zu einer höheren Reanimationsquote durch Lai*innen geführt hat. Wir sollten die körperliche und psychische Gesundheit viel wichtiger nehmen und schon unseren Kindern vermitteln: Wenn ich spüre, dass etwas nicht gut ist, und ich mich traue, offen darüber zu reden, dann kann mir geholfen werden. Je selbstverständlicher wir damit aufwachsen, desto eher ist es gar kein Thema mehr. Es wird immer irgendwelche Belastungen geben, aber wenn wir lernen, gut mit ihnen umzugehen, senken wir das Risiko, psychisch zu erkranken. Wenn wir achtsam mit uns selbst sind und spüren, wie es uns im Inneren geht, dann können wir auch besser ins Außen gehen und Menschen offen und wertschätzend begegnen. Ich wünsche mir dieses Gefühl für alle: Ich darf so sein, wie ich bin, und du darfst so sein, wie du bist!

Mental Health – Faktencheck

  • Über die Hälfte aller psychischen Erkrankungen entsteht bereits vor dem 19. Lebensjahr. Diese können die körperliche und geistige Entwicklung erheblich beeinträchtigen.
  • Wer psychisch erkrankt, leidet meist an mehreren psychischen Störungen.
  • In Deutschland sind jedes Jahr 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, das sind rund 17,8 Millionen betroffene Personen.
  • Nur 18,9 Prozent der Betroffenen nehmen Kontakt zu Behandler*innen auf.
  • Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen zählen in Deutschland Angststörungen, affektive Störungen (z. B. Depression) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum.

Text: