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Schön laut und unglaublich nah: die Münchner Symphoniker

Die Münchner Symphoniker feiern in dieser Saison ihren 80. Geburtstag. Für besonders innovative Projekte wurden die 60 Musiker*innen bereits mehrfach ausgezeichnet. Ihr Chefdirigent Joseph Bastian liebt es, neue Wege zu beschreiten, und verbringt viel Zeit damit, zukunftsträchtige Formate zu entwickeln und Kontakte zu knüpfen. Über seine Wünsche und Visionen spricht Bastian in der Kantine des Bavaria Musikstudios, dem Probenort der Symphoniker.

Der Dirigent vor seinem Orchester, den Münchner Symphonikern
Copyright: Peter von Felbert

An sein erstes Konzert mit den Münchner Symphonikern in der Isarphilharmonie erinnert sich Joseph Bastian genau: „Auf dem Chorbalkon über der Bühne saß ein etwa 15-jähriger Junge mit Downsyndrom, der fantastisch auf die Musik reagiert hat“, erzählt der Chefdirigent. „Immer wenn etwas besonders laut, schön oder emotional war, ist er komplett ausgeflippt!“ Ehrliche Reaktionen aus dem Publikum berühren Bastian, der sich für mehr Inklusion und Barrierefreiheit in Konzerten einsetzt.

Engagement und Zusammenhalt
Seit 2023 ist er Chefdirigent des freien Orchesters, erst kürzlich wurde sein Vertrag vorzeitig bis 2031 verlängert. Den starken Zusammenhalt des Kollektivs schätzt er besonders: „Musiker*innen, die bei uns spielen, wissen um das starke gesellschaftliche Engagement des Orchesters“, so Bastian über sein Orchester, das aus 60 Berufsmusiker*innen aus 17 Nationen besteht. Der Platz des Dirigenten ist für den ehemaligen Bassposaunisten der spannendste: „Du musst Leute für die Sache überzeugen, für die du brennst. Das kannst du nicht mit einer großen politischen Rede, sondern unmittelbar mit Gesten, Mimik und deiner Präsenz!“

„Du musst Leute für die Sache überzeugen, für die du brennst!“

Schon als Jugendlicher träumte Joseph Bastian vom Dirigieren, Musik tönte zu Hause aus allen Räumen. Alle sechs Bastian-Geschwister wurden professionelle Musiker*innen, zwei von ihnen spielen im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Dort war auch Joseph viele Jahre Bassposaunist und besuchte nebenbei Dirigier-Meisterkurse. 2016 sprang er kurzfristig für den erkrankten Stardirigenten Robin Ticciati ein und wurde für dieses Debüt international gefeiert.

Eine Idee, die er unbedingt weiterverfolgen möchte, sind Deaf-Performances bei symphonischen Konzerten. Mitzubekommen, dass es in der Gehörlosenszene ein Bedürfnis gibt, Musik zu erleben, habe seinen Blick auf die Welt bereichert, so Bastian. Seine Augen strahlen: „Bei unseren Konzerten mit Gebärdensprache haben alle fast mehr auf die Deaf-Performance als auf den Dirigenten geschaut.“

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Bastian setzt sich mit Konzertreihen wie den „Masters of Inclusion“ für inklusive Konzertformate ein. Copyright: Judith Buss
Der Dirigent der Münchner Symphoniker in der Kantine der Bavaria Musikstudios
Copyright: Maria Zimmerer/Gasteig

Je bunter, desto schöner
Der Dirigent möchte die Orchestermusik von morgen aktiv mitgestalten und holt dazu auch Komponistinnen wie die Afroamerikanerin Florence Price aus dem Verborgenen. Wie sie waren viele Frauen zu Lebzeiten erfolgreich, ihre Werke wurden aber nach ihrem Tod bewusst aus Musikverzeichnissen „ausradiert“, so Bastian. Musikalisch möchte er nicht immer nur alte Rezepte nachkochen, sondern „anders und interessanter würzen“. Die Nouvelle Cuisine fehle noch in der Orchestermusik weltweit.

Der Taktstock als Kochlöffel? Bastian experimentiert jedenfalls gerne mit verschiedenen Zutaten, denn: „Je bunter und vielfältiger die Menschen bei Konzerten sind, desto schöner und ausgelassener ist die Stimmung!“ Er wünscht sich, dass Personen mit sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen nicht mehr als etwas Besonderes auffallen, sondern selbstverständlich Teil auf der Bühne und im Publikum sind. Wenn dann entgegen dem Klassik-Knigge auch mal Applaus zwischen den Sätzen aufbrandet, findet der Chefdirigent das ganz wunderbar.

Münchner Symphoniker in der Isarphilharmonie

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