Georg, du spielst in einer Punkband. Was bedeutet Rebellion für euch?
Rebellion ist erst mal etwas ganz Normales. Man rebelliert gegen die Eltern und Autoritätspersonen, auch gegen politische Entscheidungen. Ich finde, Rebellion sollte aber generell daran bewertet werden, welche Ziele sie hat, denn es gibt auch konformistische Rebellion. Die Corona-Proteste sind ein gutes Beispiel dafür. Das sind Proteste, die keine Emanzipation im Sinn haben, sondern eher nach unten treten. Da geht es darum, die eigenen Privilegien verteidigen zu wollen, aber eigentlich den Wunsch zu hegen, genauso zu sein wie die oder das, wogegen rebelliert wird. Also Rebellion – auch wenn sie romantisiert wird wie der Punk – hat nicht per se etwas Emanzipatorisches. Das sollte man im Kopf haben.
Ihr singt in einem Song „Ich tu alles für die Sache, wann tut die Sache was für mich?“ Wie groß ist die Gefahr, bei Rebellion sich selbst aufzugeben, weil man etwas Zielführendes tun will?
Als Punkmusiker*in hat man natürlich immer die Hoffnung, dass Rebellion gut und auch eher zielführend ist. (lacht) Bei diesem Song geht es eher um Aktivismus, also etwas Zielführenderes als bloße Rebellion. Es gibt natürlich immer die Möglichkeit, die Verhältnisse zu verändern. Es ist immer alles verhandelbarund machbar, gerade fühlt es sich aber nicht so an. Und ich glaube, das betrifft junge Leute noch deutlich stärker als uns Millennials um die Dreißig. Bei uns war es noch ein bisschen entspannter, und man hatte Hoffnung, zum Beispiel in die Social Media (lacht), aber auch in die Musikkultur. Das ist heute anders. Dieses Nihilistische, das man auch als Form von Rebellion lesen kann, ist wahrscheinlich stärker bei der Gen Z, wo teilweise ein Rückzug ins Private stattfindet. Dabei kann man sich super schnell verlieren. Sich verlieren kann man generell sehr, sehr gut momentan.
Wie wichtig ist ein Kollektiv für Rebellion oder Aktivismus?
Das Besondere zum Beispiel an der Punkszene und selbstverwalteten Kulturräumen ist vor allem, dass man dort anders fühlen und anders sein, sich irgendwie ausprobieren kann. Mit anderen Leuten zusammen so banale Sachen wie Konzerte machen kann oder was kochen oder halt auch Politik. Das hat uns sehr geprägt und berührt. Ich würde sagen, Rebellion macht in der Gruppe einfach mehr Spaß. Will man zum Beispiel kommunalpolitisch etwas wie ein Jugendzentrum durchsetzen, geht das nur, wenn man es gemeinsam macht, sonst hat es keinen Sinn.
Ihr habt 2020 eine Doku gedreht (die man auf YouTube ansehen kann) mit dem Titel „Auf der Suche nach der Utopie“. Da geht es um die DIY-Szene, also „do it yourself“. Woher kommt dieser konstruktive Ansatz bei euch?
Für die Doku haben wir mit lustigen Leuten gesprochen, die auch aus der Punkszene sind, und von denen wir dachten, sie haben vielleicht Ideen, wie ein gutes Leben für alle aussehen könnte. Die meisten in dieser Doku vertreten die These, dass es hier durchaus ein paar utopische Inseln gibt, zum Beispiel in DIY- Räumen, aus denen etwas wachsen und sich verbreiten kann. Ich würde sagen, das ist zumindest eine optimistische Perspektive. Wie lösungsorientiert das ist, sei mal dahingestellt. Wir fanden es aber auf jeden Fall schön, das so zu teilen. Unsere Überzeugung war schon damals, dass es die Erzählung einer positiven
Zukunft und hoffnungsvolle Gesellschaftsentwürfe braucht. Und zwar für alle. Deswegen haben wir einfach mal Punks gefragt
„Es gibt natürlich immer die Möglichkeit, die Verhältnisse zu verändern. Es fühlt sich aber gerade gar nicht so an.“
Im Ursprung ist Punk aber erst mal ein eher destruktives Genre, weil er Anarchie als Ziel hat und nicht besonders lösungsorientiert ist.
Punk ist jetzt schon 50 Jahre alt. Ursprünglich war es pure Rebellion. Also die Sexpistols, Swastika tragen, Heroin ballern und dann allegedly einen Femizid und Suizid begehen. Darin zeigt sich ganz gut, dass Rebellion an sich nicht unbedingt das Ziel sein kann. Und auf der anderen Seite war da auch viel Marketing, alles sehr durchgestylt. Punk wurde schnell kommerzialisiert. Heute fahren die interessanteren Bands eigentlich alle einen eher postironischen Ansatz. Punk selbst ist jetzt keine geistliche revolutionäre Bewegung oder Kraft, die viel ausrichten kann. Es geht eher darum, alles immer ironisch weiterzudrehen, und das finde ich gut. Gleichzeitig hat Punk aber auch immer diesen rebellischen Funken, der dann manchmal doch etwas mit einem macht. Wenn man auf einem Konzert ist und alle rumschreien, denkt man „Boah, ist irgendwie geil“. Wir machen uns über uns selbst lustig, und das finde ich auch wichtig. Was ich aber ebenfalls sehr wichtig finde ist, auch ernste Themen einzubinden. Fragen von sozialer Ungleichheit und danach, wie wir umgehen mit der Faschisierung. Ohne Inhalt wäre das alles Quatsch.
pogendroblem beim Isarflux am 5.4.
Text: Luisa Eschenbacher und Antonia Niemeyer