„Wir sind wie zwei Schwestern, auf der Bühne und im Leben.“
Wie wichtig ist Vertrauen für euch in eurem Beruf?
Sol: Es ist kein Zufall, wenn bestimmte Musiker* innen zusammenfinden und andere nicht – es ist eine Geschmackssache, es ist ein Gefühl. Du suchst Leute, die aufregend, aber dir auch ähnlich sind. Nur mit ganz wenigen kann man so einen langen Weg gehen wie Pat und ich. Jede von uns verfolgt ihre Karriere, aber wenn wir uns sehen, habe ich immer das Gefühl, dass wir genau dort anknüpfen können, wo wir das letzte Mal aufgehört haben. Diese Art von Beziehung gibt es sehr selten. Ich bin extrem wählerisch geworden mit Dirigent* innen und Spielpartner*innen. Aber es ist wichtig, neugierig zu bleiben. Die Neugier und ihre Offenheit für Neues ist, was mich an Pat so fasziniert und anzieht.
Pat: Vertrauen ist alles. Beim Musizieren weiß man nicht genau, was passiert, aber man vertraut darauf, dass etwas passiert. Wissend, dass der*die andere dich niemals fallen lässt, sondern wie ein*e Akrobat*in immer wieder auffängt, kann man neue Wege gehen und neue Pirouetten wagen. Wie Sol gesagt hat, gibt es eine Attraktion zwischen Ähnlichkeit und Gegensatz. Musiker*innen suchen natürlich auch neue Sichtweisen, sonst würde sich auch die Kunst nicht entwickeln. Aber Vertrauen ist eine tief menschliche Sache. Man begibt sich in ein Abenteuer auf der Bühne, aber man möchte sicher sein, dass man Kompliz*innen hat und nicht allein ist.
Was verbindet euch beide?
Pat: Wir sind sehr ähnlich. Wir teilen die Menschlichkeit und Wärme – ich hoffe, dass ich so menschlich bin wie Sol.
Sol: Uns verbindet auch die Empathie mit anderen Menschen – die haben wir beide ziemlich stark.
Pat: Aber auch die Selbstständigkeit als Frauen. Wir wollen stark und von niemandem abhängig sein. Und wir teilen auch einen ähnlichen Humor. Wir suchen beide das Abenteuer und langweilen uns nicht.
Wie war denn euer erstes Zusammentreffen?
Sol: Ich erinnere mich genau: Es war in der Schweiz, wir waren beide noch sehr jung und haben mit einem finnischen Pianisten zusammen als Trio gespielt. Mit Patricia war das Vertrauen vom ersten Konzert an da. Ich hatte nie das Gefühl, ich müsste mich anpassen. Entweder hat man sich etwas zu geben oder eben nicht. Pat ist für mich wie eine Schwester. Als ich in die Schweiz kam, war ich ein bisschen allein. Patricia vielleicht auch, sie war auch neu hergezogen. Sie hat in Bern gewohnt, ich in Basel. Zusammen haben wir unsere musikalische Familie in der Schweiz gefunden, und mit ihr eine Art Lebenssicherheit.
Pat: Das Repertoire für Geige und Cello ist nicht sehr groß. Wir beschäftigen uns eigentlich immer mit denselben Stücken, und sie reifen immer weiter. Wir entwickeln uns auch separat weiter und sammeln viele Erfahrungen in unserem Leben abseits der Musik. Wenn wir zusammenkommen, ist das wie die Fortsetzung eines Gesprächs. Die Bühne ist der Raum, wo wir immer weiter miteinander sprechen. Und ich sehe uns als zwei achtzigjährige Frauen immer noch auf der Bühne, immer noch weitersprechen.
Was für eine Rolle spielt das Publikum, wenn es euch dabei zuschauen darf?
Sol: Es kommt sehr darauf an. Wenn ich mit Patricia spiele, ist mir das Publikum ein bisschen egal, weil ich mich nicht allein fühle. Jetzt bin ich gerade auf Tournee und als Solistin vorne allein. Wenn ich dann auf die Bühne komme, spüre ich sofort die Energie des Publikums. Und wenn die schlecht ist, kostet es mich fast eine Stunde, bis ich mich wohlfühle. So unterschiedliche Erwartungen zu erfüllen, ist extrem schwierig, das haben wir anfangs nicht so unter Kontrolle. Die Leute kommen von überall, nicht alle sind gleich konzentriert. Die ersten zehn Minuten müssen sich alle erst einfinden. Beim Zuhören entsteht dann ein Moment von Ruhe. Erst langsam entwickelt sich fast eine religiöse Stimmung.
Pat: Ich würde sagen, das Publikum ist uns nicht egal, aber wenn wir beide miteinander spielen, hängen wir weniger von ihm ab.
„Unsere Freundschaft währt schon lange und ist tief. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, denken, fühlen und suchen wir gemeinsam weiter.“
Ist ein Auftritt für euch auch mit Verantwortung verbunden?
Sol: Wir erbringen eine Hochleistung auf dieser Bühne, mental und physisch. Und wir tragen die Verantwortung dafür. Obwohl wir das machen, was wir lieben, ist es manchmal schwierig, mit der Einsamkeit hinter der Bühne umzugehen. Wenn ich abends ein Konzert habe, ist der Tag von Anfang an darauf ausgerichtet, dass ich abends auftrete. Ich kann zum Beispiel keinen Kaffee trinken und muss am Nachmittag schlafen. Es gibt also einen klaren Fokus. Aber das ist genau das, was mich daran fasziniert.
Pat: Nicht nur der Tag des Konzertes – unser ganzes Leben wird dadurch bestimmt, auch unsere Familien. Mit dem Solist*innenleben tun wir ihnen nichts Gutes. Das hat alles einen sehr hohen Preis. Manchmal fühlt sich das als Einsamkeit, Egoismus oder Exhibitionismus an. Aber die Organisation, der es bedarf, um überhaupt ein Stück zu lernen, ein Flugzeug oder einen Zug zu erwischen, rechtzeitig auf der Bühne zu sein, gibt mir eine Struktur, die ich brauche. Von irgendeinem Boss abhängig zu sein, könnte ich mir nicht vorstellen. Wir haben sehr viel Glück, dass wir unser Leben auf diese Art leben dürfen und unsere Seele öffnen können.
Vertraut ihr in die Stärke von Musik?
Pat: Ja, Musik ist alles. Wir sind wie Malerinnen, die Farben sehen und Formen erkennen und damit unser Leben bauen. Wir hoffen, dass wir mit unserer Musik Herzen öffnen und Empathie oder Neugierde wecken. Die Musik ist wie ein Skalpell, mit dem man die Menschen immer wieder aus ihrer Erstarrung aufweckt.
Patricia Kopatchinskaja & Sol Gabetta
Duokonzert am 15. Februar um 16:00 UhrText: Anna Steinbauer