Noch mal von vorne, bitte! Schauspieler Thomas Loibl im Interview
Text lernen, Abend für Abend dieselbe Vorstellung geben, mehrmals hintereinander eine Filmszene drehen: Für einen Schauspieler wie Thomas Loibl gehört die Wiederholung zum (Arbeits-)Alltag. Er spielte unter anderem an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater und ist in zahlreichen Filmen zu sehen. Loibl lebt seit 1996 in München und arbeitet gerne immer wieder mit denselben Leuten, verrät er im Gespräch. Das erklärt vielleicht auch, warum er seit sieben Jahren mit der szenischen Lesung „Die Unmöglichen“ unterwegs ist – nächstes Mal am 15. Mai in der Isarphilharmonie.
Thomas, wie tangiert das Thema Wiederholung dich als Schauspieler?
Es hat viel mit unserer Arbeitsweise zu tun: Proben heißt ja Wiederholen. Schon in der Vorbereitung zu jedem Stück oder Drehbuch liest man die einzelnen Szenen und Sätze unzählige Male, um den Text zu lernen. Spiel ist Einübung und Trainieren, der Reiz besteht darin, dass man vorher weiß, was passieren wird. Es gibt Techniken wie „Repetition Exercises”, bei denen man einen Satz mit dem Gegenüber erst mal wie Pingpong hin und her spielt, bis der Impuls für den nächsten kommt. Regisseur Dieter Dorn ließ seine Stücke gerne sehr oft spielen, und wir hatten damals den Luxus eines großen Repertoires am Residenztheater. In meinen Spitzenzeiten spielte ich in 13 oder 14 Stücken parallel. Man kann sich ausrechnen, wie oft ich gespielt habe – eine Premiere nach der anderen.
Ist jeder Theaterabend auch irgendwie gleich?
Nein, jeder Abend ist anders, weil das Publikum oder deine Tagesverfassung jeweils unterschiedlich sind. Selbst wenn es eine total formale Inszenierung ist, gibt es Nuancen. Du spielst zum Beispiel Shakespeare, hast lange geprobt, und bei der 20. Vorstellung merkst du plötzlich, dass du diese Szene verstanden hast. Tolle Stücke haben auch eine viel größere Komplexität und mehr Möglichkeiten. Wenn du eine Betonung nur leicht verschiebst, entstehen ganz andere Dimensionen.
Was ist der Unterschied zum Film? Musstest du „noch mal von vorne“ öfters hören?
Es ist immer eine Zeitfrage und kommt auf Budget und Regisseur*in an. Pro Tag hast du vielleicht drei Szenen, die du drehen musst. Da sind die Proben mitunter sehr kurz, was manchmal schade ist. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel Maren Ade, die pro Kameraeinstellung sehr viele Takes macht, also Wiederholungen mit leichten Variationen. Da kannst du eine Szene zweihundertmal spielen. Beim Film „Toni Erdmann“ war es zum Beispiel so. Das macht schon mürbe, war aber eine geniale Erfahrung.
Inwiefern?
Am Anfang dachte ich, ich treffe die Töne falsch, ich komme mit dem Stil der Berliner Schule einfach nicht zurecht. Aber das stimmte natürlich nicht. Hin und wieder verlor auch mal eine*r die Nerven. Das Irre ist aber, dass ich am Ende tatsächlich sehen konnte, aus welchen Takes sich die Szenen zusammensetzen. Maren hat anderthalb Jahre am Film geschnitten, er ist toll geworden. Aber es gibt auch Regisseur* innen, die sagen, ein Take, und dann gibst du Vollgas. Es kommt immer auf die Persönlichkeit an.
„Über das Wiederholen kann ich mich vom Papier befreien und die Sätze mit Leben füllen.“
Was ist die absurdeste Wiederholung, die du erlebt hast?
Wir haben eine Dieter-Dorn-Inszenierung, die Komödie „Flo im Ohr“ von Georges Feydeau, sehr oft wiederholt. In der ging es drunter und drüber, Tür auf, Tür zu. Da kam der Kollege mal nicht, weil er irgendwas verpennt hatte. Anderer Klassiker: Du gehst ab und hast die Türklinke in der Hand, und die Leute merken das. Das ist vielleicht der erste wahre Moment auf dieser Bühne. Dann improvisierst du und hoffst, dass die Kolleg*innen einsteigen.
Welches Theaterstück oder welchen Film kannst du nicht oft genug anschauen?
Ich liebe Filmschauen. Ich gehe gerne ins Filmmuseum und schaue meine großen Götter und Göttinnen an. „Yojimbo“ von Kurosawa habe ich sicher zehnmal gesehen, auch „Persona“ von Bergmann. Ich schaue die dann mehrmals, weil ich wissen will, warum das so gut ist, oder weil mich Komik und Slapstick auch sehr interessieren.
Am 15.5. bist du mit der szenischen Lesung „Die Unmöglichen“ in der Isarphilharmonie, und das nicht zum ersten Mal …
Ja, seit sieben Jahren spielen wir dieses Stück über pränatale Diagnostik mehrmals pro Jahr in allen großen Häusern in Deutschland. Ursprünglich war es ein Hörspiel, es verlebendigt sich aber von Mal zu Mal. Im Grunde können wir das Stück inzwischen alle auswendig. Trotzdem ist es überraschend, weil so ein paar Töne entstanden sind, bei denen ich mich über Kolleg*innen kaputtlachen muss. Ich finde es super, dass das bei Live- Lesungen auch passieren darf. Je mehr Leute da sind, die darauf anspringen, desto toller ist es.
Die Unmöglichen
Szenische Lesung mit Devid Striesow, Meret Becker,Thomas Loibl und anderenText: Anna Steinbauer