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Musik beginnt mit Zuhören: Gespräch mit Lahav Shani

Lahav Shani ist neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Der 1989 in Tel Aviv geborene Musiker begann seine Laufbahn als Pianist und Kontrabassist, bevor er sich dem Dirigieren zuwandte. Als er 2013 den renommierten Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb in Bamberg gewann, wurde Shani international bekannt. Welches seine erste Partitur war, die er als Jugendlicher auswendig konnte, und was er an den Münchner Philharmonikern besonders schätzt, verrät Shani im Interview.

Porträt des Dirigenten.
Von 2018 bis 2026 war Lahav Shani Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra, seit 2020 ist er Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra. Copyright: Co Merz

Lahav Shani, Sie haben die Münchner Philharmoniker schon öfter dirigiert und waren sogar gemeinsam auf Tour. Was schätzen Sie an diesem Orchester?

Die Münchner Philharmoniker vereinen eine außergewöhnliche Klangkultur mit einer großen Offenheit. Das Orchester hat eine starke eigene Identität und lange Tradition, gleichzeitig aber auch die Bereitschaft, immer wieder neue Wege zu gehen. Diese Kombination ist total besonders, und ich schätze sie sehr. Die Musiker*innen hören wirklich aufeinander, und dadurch entstehen ein sehr lebendiges und spontanes gemeinsames Musizieren und unglaublich schöne musikalische Momente.

„Wenn das Publikum die Augen schließt, muss es genau die gleiche Erfahrung haben wie mit offenen Augen.“

Sie sind Pianist und Kontrabassist. Verändert diese Tatsache die Rolle, die Sie am Pult einnehmen?

Ich glaube schon. Als Pianist beschäftigt man sich oft mit der gesamten Partitur und denkt sehr harmonisch. Der Kontrabass wiederum gibt einem ein Gespür für das Fundament eines Orchesters – für Rhythmus und Klangbalance. Am Ende versuche ich aber nicht, als Pianist oder als Kontrabassist zu dirigieren. Meine Aufgabe ist es, allen zuzuhören und einen Raum zu schaffen, in dem das Orchester gemeinsam atmen und musizieren kann.

Blick von der Bühne in den Zuschauerraum, man sieht den Dirigenten, Streicher*innen, einen Flügel nebst Pianisten.
Copyright: Tobias Hase
Porträt des Dirigenten Lahav Shani.
Copyright: Co Merz

Sie wurden früh von Daniel Barenboim gefördert. Was haben Sie von ihm gelernt, das sich nicht aus Partituren lernen lässt?

Ich habe so unendlich viel von Daniel Barenboim gelernt. Aber vor allem hat er mir gezeigt, dass Musik niemals nur aus richtigen Noten oder perfekter Technik besteht. Es geht vor allem darum, sie gemeinsam mit dem Orchester zum Leben zu erwecken.

Welche Entscheidung war die mutigste Ihrer bisherigen Karriere?

Ich weiß nicht, ob es besonders mutig war, sich anzumelden, aber der Dirigentenwettbewerb in Bamberg hat rückblickend schon alles verändert. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, dort gewinnen zu können oder zu wollen. Ich wollte einfach nur schauen, wie ein Wettbewerb so abläuft, und Musik machen. Und das versuche ich auch weiterhin: Entscheidungen nicht aus strategischen Gründen zu treffen, sondern aus musikalischer Überzeugung.

Wie geht man als Künstler damit um, wenn politische und gesellschaftliche Konflikte bis in den Konzertsaal hineinreichen?

Wir leben nicht außerhalb der Gesellschaft, deshalb bleiben auch Konflikte natürlich nicht vor den Türen eines Konzertsaals stehen. Gleichzeitig glaube ich, dass Musik politische Probleme nicht lösen kann, das muss die Politik machen. Aber die Musik lehrt uns, einander zuzuhören und Erfahrungen zu teilen, ohne dass alles sofort bewertet wird. Gerade in schwierigen Zeiten kann das eine große Kraft sein. Musik erinnert uns daran, dass wir trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam fühlen können.

„Mein Wunsch ist es, die musikalische Tradition Münchens lebendig weiterzuentwickeln.“

Ein kurzer Ausblick auf die kommende Saison: Worauf freuen Sie sich besonders?

Das geplante Programm erzählt tatsächlich schon so viel über diese einzigartige Beziehung zwischen den Münchner Philharmonikern und mir. „Sacre“ war die allererste Partitur, die ich auswendig gelernt habe, da war ich 14 Jahre alt. Dann wollte ich unbedingt ein Stück auf Hebräisch machen, und die „Chichester Psalms“ sind für mich das schönste Stück von Leonard Bernstein. Und dann wird die wundervolle Martha Argerich das Ravel-Klavierkonzert in G-Dur spielen – als ich vor vier Jahren das erste Mal als Gastdirigent bei den Münchner Philharmonikern war, haben wir dieses Stück auch gespielt.

Wie wollen Sie Münchens Kulturlandschaft prägen?

Mein Wunsch ist es, die musikalische Tradition Münchens lebendig weiterzuentwickeln – mit großem Respekt vor der Geschichte, aber gleichzeitig mit Offenheit für Neues. Und ich wünsche mir, dass wir alle Menschen in dieser Stadt erreichen. Wir sind ein Teil dieser Stadt und möchten möglichst viele Menschen einladen, auch Teil unserer musikalischen Gemeinschaft zu werden.

Lahav Shani und die Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie

Lahav Shani, ab September 2026 neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker
Copyright: Co Merz

The Close-Up. Die Münchner Philharmoniker – Portraits von Co Merz

Ausstellung vom 17.9. bis 1.11.26

Text: Anna Steinbauer