Zum Hauptinhalt springen

Mittendrin im Austrodrama

Mwita Mataro erfindet den Austropop neu und verbindet österreichisches Kulturgut mit migrantischen Themen. Bei den Auftritten des in Wien lebenden Künstlers hängt die rot-weiße Nationalflagge Österreichs häufig sichtbar im Rampenlicht, denn Mataro möchte zeigen: Österreich kann bunter sein als gedacht, und gemeinsam feiern ist die beste Möglichkeit, einander kennenzulernen.

Eine Schwarze Person sitzt lässig auf einem Stuhl.
Copyright: Gabriel Hyden

Von seiner Wiener Wohnung hat sich Mwita Mataro zum Online-Videogespräch zugeschaltet, er lächelt freundlich und plaudert mit österreichischem Dialekt drauflos – es wirkt, als könne man mit dem Musiker schnell warm werden. Hinter ihm hängen leere Kleiderbügel, an der Wand ein Bild mit dem Schriftzug „Frieden“. Gerade kommt Mataro zurück von einer Tour, auf der er sein Film-Debüt „Austroschwarz“ zeigt und begleitend dazu Konzerte spielt.

Im Herbst wird Mwita Mataro sein erstes Soloalbum „Austrodrama“ veröffentlichen, dessen frische Sounds bereits am 9. Mai im Gasteig HP8 zu hören sind. Mataro freut sich auf den Auftritt: „Wenn ich auf der Bühne bin und mit Band und Publikum interagiere, dann passieren Momente, die ich gar nicht in Worte fassen kann. Zeit und Raum spielen dann gar keine Rolle mehr, ich bekomme so viel zurück!“

Mwita Mataro mit Band At Pavillon im Konzerthaus
Im Gasteig präsentiert er sich als Solokünstler mit befreundeten Musiker*innen, hier ist Mwita Mataro mit seiner Indie-Rockband At Pavillon zu sehen. Copyright: Mwita Mataro

Mwita Mataros Eltern stammen aus Tansania, er ist in Salzburg geboren und dort zur Volksschule gegangen. Mit seiner Mutter zieht er als Jugendlicher nach Wien, wo er seit über 20 Jahren lebt. Seine Miete verdient er sich als Kellner in einem Wiener Kaffeehaus, die verbleibende Zeit streckt er „all seine Tentakel“ kreativ aus – als Musiker, Filmemacher, multimedialer Künstler und Aktivist, der sich für mehr Sichtbarkeit von Künstler*innen mit migrantischen Wurzeln einsetzt. Mataro fühlt sich privilegiert, dass er sich durch sein Aufwachsen in Österreich beruflich ausprobieren konnte. „Wien hat viele Fördermöglichkeiten für Kunstschaffende. Bei mir hat es mit CASH.FOR.CULTURE begonnen, mit dem wir ein Teil unserer ersten CD finanzieren konnten.“

„Aus einer Ohnmacht heraus wollte ich einen Dokumentarfilm machen und vermitteln, wie es wirklich ist als Schwarzer Österreicher.“

Mit etwa 14 Jahren entdeckt Mataro die Band Tokio Hotel und will unbedingt auch Rockstar werden. Mit Freunden gründet er die Indie-Rockband At Pavillon, mit der er international unterwegs ist. 2020 plant die Band eine Ostafrika-Tournee, aber dann kommt Corona, und rassistische Ereignisse katapultieren Mwita Mataro emotional in eine „Horror-Show“. Unbewusst wie bewusst leidet der Künstler schon immer unter seiner Sonderstellung – als einziges Schwarzes Kind in der Schule oder als einziger Schwarzer Rockmusiker auf Tournee. Das Fass der Provokation läuft für ihn über, als rechtsextreme Gruppierungen 2020 ein Denkmal in Wien verschandeln, das an den grausamen Tod des Nigerianers Marcus Omofuma bei dessen Abschiebung erinnert. Müde, diesem „Teufelskreis des Andersseins“ nie komplett entfliehen zu können, „wollte ich aus einer Ohnmacht heraus einen Dokumentarfilm machen und vermitteln, wie es wirklich ist als Schwarzer Österreicher“.

Für den Film befasst sich Mataro erstmalig mit deutschsprachiger Musik und gründet eine Band aus Schwarzen Musiker*innen, die Austropop-Lieder von Fendrich bis Falco covern, um zu schauen, welche Reaktionen dadurch hervorgerufen werden. Was geht ab in Österreich? Diese Frage ist der rote Faden von „Austrodrama“, seinem ersten Solo-Album. „Österreich hat eine Migrationsbevölkerung, aber sie wird nicht wirklich widergespiegelt“,
beobachtet der Künstler. Gleichzeitig werde „die Migrationspolitik immer krasser, man könnte sich jeden Tag beschweren über dieses Drama, das alle Menschen betrifft. Und ich bin in diesem Austrodrama mittendrin.“

„Vielleicht bekommt man durch die Nationalflagge mit mir als Schwarzem Österreicher einen neuen Zugang zum Land.“

Auch visuell konfrontiert der Künstler das Publikum, setzt bewusst die österreichische Flagge in Szene und blickt trotzdem mit Hoffnung in die Zukunft. „Mir ist es wichtig, in meinen Texten ernste Themen teils humorvoll zu verpacken“, so der Künstler. „Der Alltag kann trist sein, und man kommt sich ohnmächtig vor, weil gefühlt überall Krieg ist. Musik dient auch dazu, abzuschalten, loszulassen und Energie zu tanken.“

Mit 20 Jahren hatte Mwita Mataro drei Lebensziele: Rockstar werden, einen Film drehen und eine Kunstschule in Tansania bauen. Letzteres steht noch an. Er würde gerne dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche in Tansania ihr Talent professionalisieren können. „Mein Traum wäre eine Kunstschule, durch die eine Art Brücke zwischen Tansania und Österreich entsteht, wo sich Kunstschaffende vernetzen können.“

Mwita Mataro live im Gasteig HP8

9. Mai, 23:30 Uhr, Halle E, mit Deaf-Performance

Text: