Miteinander ist möglich: Interview mit Politikjournalistin Gilda Sahebi
Die Politikjournalistin Gilda Sahebi räumt in ihrem neuen Buch „Verbinden statt spalten“ mit dem Mythos einer gespaltenen Gesellschaft auf und warnt vor den Gefahren einer Politik der Polarisierung. Im Interview erklärt sie, woher die verzerrte Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität kommt und welche Rolle Politik und Medien dabei spielen.
Würdest du dich als optimistischen Menschen bezeichnen?
Diesen Begriff benutze ich nicht. Ich bezeichne mich weder als pessimistisch noch als optimistisch. Wenn man mich fragt, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, sage ich: Beides ist wahr. Es hängt davon ab, worauf ich mich fokussiere. Ich glaube, es ist wichtig, sowohl die schwierigen Dinge zu sehen als auch die guten, beide sind Teil der Realität. Aber von der Fähigkeit, die guten Dinge zu sehen, kommt auch die Fähigkeit zur Hoffnung.
Du formulierst in deinem Buch die These: Unsere Gesellschaft ist polarisiert, aber in der Realität nicht so stark gespalten wie im politisch-medialen Raum oft dargestellt wird. Wie kommst du darauf?
Jedes Mal, wenn ich in die sozialen Medien schaue, denke ich: Unsere Gesellschaft ist schrecklich und verloren, das Land gespalten. Gleichzeitig erlebe ich unterwegs im ganzen Land und in Gesprächen mit Menschen etwas anderes. Das heißt nicht, dass es dieses Gegeneinander nicht gibt – aber es ist nur ein kleiner Teil der Realität. In Deutschland engagieren sich 27 Millionen Menschen ehrenamtlich. Wo sind deren Geschichten? Im politisch-medialen Raum dominiert hingegen das Gegeneinander: Rechthaben, Schuldzuweisungen, Empörung. Mit dem Buch wollte ich auch die andere Seite sichtbar machen: die Verbindung zwischen Menschen. Dass viele gut miteinander leben, sich unterstützen und helfen.
„Die gesellschaftliche Wirklichkeit wird oft verzerrt dargestellt. Die Polarisierung ist real, aber sie ist nicht die ganze Wahrheit. Ich wollte erzählen, warum es politischen, medialen und wirtschaftlichen Kräften nutzt, diese Polarisierung zu behaupten.“
Woher kommt die verzerrte Wahrnehmung einer entzweiten Gesellschaft?
Unsere tatsächliche Lebensrealität findet nur selten Eingang in Social Media, Zeitungen oder Fernsehen. Manchmal werden kleine Geschichten sichtbar – etwa die des syrischen Ladenbesitzers in Neuruppin, der Rentner*innen zehn Prozent Rabatt gibt. Solche Beispiele gibt es vermutlich viel häufiger, als als wir mitbekommen. Stattdessen dominiert im politisch-medialen Raum, besonders auf Social Media, das Gegeneinander. Es prägt unsere Wahrnehmung deutlich stärker. Hinzu kommt, dass Algorithmen Konflikte und Zuspitzung gezielt verstärken. Das ist längst ein Trend: Da sieht man nur Gut und Böse – solche Konflikte existieren zwar, aber sie machen nur einen kleinen Teil der gesellschaftlichen Realität aus. So entsteht ein verzerrtes Bild und stößt auf uns Menschen, die wir Negatives tendenziell sowieso stärker wahrnehmen als Positives. Dadurch entwickelt sich schnell der Eindruck, ein Großteil der Gesellschaft sei schlecht oder gespalten. Problematisch wird es, wenn diese verzerrte Wahrnehmung schließlich als politische Realität behandelt wird.
Wer profitiert von diesem Spaltungs-Mechanismus?
Der Soziologe Steffen Mau hat einen Begriff geprägt, den ich sehr passend finde. Er nennt diese Strukturen oder Personen „Polarisierungsunternehmer“. Der Gewinn bei der Polarisierung ist Aufmerksamkeit, Geld und Macht. Das sieht man einzigartig bei Donald Trump. Alle autoritären Kräfte nutzen die Politik der
Polarisierung, um an Geld und Macht zu kommen. Es gibt aber auch Influencer*innen und andere Menschen, die sagen, es gibt hier ein Gut und dort ein Böse, und ich bin auf der guten Seite, und ihr, die ihr mir folgt, seid das auch. Die Sehnsucht der Menschen nach Verbindung wird missbraucht für die eigenen Zwecke.
„Spaltungserzählungen überlagern oft die Fakten und sind deshalb politisch so wirksam, weil sie Emotionen auslösen.“
Welche Rolle spielen Emotionen?
Emotionen sind echt, und es ist wichtig, sie nicht zu verurteilen. Wut zum Beispiel ist eine politisch sehr wichtige Emotion. Es gibt keine gesellschaftliche Verbesserung ohne Wut. Sie kann aber konstruktiv oder destruktiv sein. Spaltung ist ein Herrschaftsinstrument: Während Schulen zusammen- fallen, Lehrkräfte fehlen und die PISA-Tests immer schlechter werden, streiten wir uns ums Gendern. Aber das löst nicht die riesigen Probleme, die wir haben. Die Emotionen werden politisch benutzt, um von den grundsätzlichen strukturellen Problemen abzulenken.
Welche Probleme sind das, und worin besteht die Gefahr?
Wir haben riesige ökonomische Probleme: Vermögensungleichheit, viel zu hohe Abgaben, 30 bis 40 Prozent der Menschen in Deutschland haben haben keine Spareinlagen. Das Problem ist, dass mit der Polarisierung auch die Gewalt steigt. Das heißt, je stärker die Gegensätze auf emotionaler Ebene polarisieren, umso mehr Gewalt entsteht: Das sehen wir derzeit in den USA, wo Gewalt mittlerweile normal ist. Unser Mehrparteiensystem und der öffentliche Rundfunk tragen dazu bei, uns davor zu schützen, aber wenn sich die Strukturen verändern, wird sich auch das gesellschaftliche Zusammenleben ändern. Autoritäre Kräfte brauchen eine Gesellschaft, die sich entsolidarisiert, sonst können sie nicht ihr Ding durchziehen. Schlimm wird es dann, wenn demokratisch Politiker*innen diese Strategie übernehmen und die Polarisierung in die Gesellschaft hineintragen.
Was kann man tun, um der Spaltungserzählung keinen Raum zu geben?
Man muss bei sich und der eigenen Polarisierung im Inneren anfangen. Wo glaube ich, dass ich Recht habe und auf der richtigen Seite stehe? Ist das wirklich so? Gibt es diese Seiten, oder wird das nur behauptet? Die individuelle Ebene ist keine Lösung für die strukturellen Probleme, die wir haben und die wir letztendlich ändern müssen: der große Einfluss von Geld auf Politik, struktureller Lobbyismus, der sich zum Nachteil der arbeitenden Bevölkerung auswirkt und Medien, die auf dieser Polarisierungslogik aufbauen. Und doch kann jede*r Einzelne sich einbringen: Man kann demonstrieren gehen, E-Mails an Redaktionen und Abgeordnete schreiben. Es ist wichtig, dass Druck entsteht und ausgeübt wird, damit sich etwas verändert.
Text: Anna Steinbauer