Mehr Klicks für die Klassik
Ob auf YouTube oder renommierten Konzertbühnen – „die Klassik braucht viel mehr Typen wie ihn“, schreibt die „Welt“. Der 30-jährige Pianist Hayato Sumino macht als Klassik-Influencer Cateen Menschen rund um den Globus neugierig auf Musik. Fans wie Kritiker*innen begeistert er mit Tiefgang und seiner Lust an Sound-Experimenten, seine Mozart-Variationen haben über 13 Millionen Aufrufe.
Per Videocall sind wir mit Hiroshima verbunden, hier wird Hayato Sumino am Folgetag ein Konzert geben. Knappe 15 Minuten bleiben, um den jungen Ausnahmepianisten kennenzulernen. Sein Zeitplan ist eng getaktet, zum Telefonieren hat er sich in eine Nische der Hotellobby zurückgezogen. Der Künstler, der als YouTube-Star über 1,5 Millionen Follower zählt, wirkt eher ruhig und bedacht. Im Internet ist er als Cateen bekannt – den Namen hat er sich als 13-jähriger Gaming- und Katzen-Fan gegeben. Mit zwei Katzen wächst er in Tokio auf und klimpert bereits im Alter von drei Jahren auf den Tasten. Seine Mutter ist Klavierlehrerin, der Vater in der IT-Branche.
Schon als Teenie stellt Sumino Videos mit Musik aus Videogames online und arrangiert Hardrock-Lieder fürs Netz. In Japan gilt er seit 2018 als Sensation, als er einen der wichtigsten Klavierwettbewerbe gewinnt. Wenig später staunen Klassikfans wie Musikneulinge rund um den Globus: Suminos Auftritt beim Halbfinale des renommierten Chopin-Wettbewerbs in Warschau wird 45.000-mal gestreamt und setzt neue Publikums-Maßstäbe. Will man wissen, ob ihm hohe Klickraten oder volle Konzertsäle wichtiger sind, kommt die Antwort prompt:
„Über tausend Leute vor sich zu sehen und mit ihnen den gleichen Raum zu teilen, ist sehr besonders. Das lässt mein Herz noch höherschlagen.“
Letztes Jahr erzielte der Pianist einen Guinness-Weltrekord für die meisten verkauften Tickets bei einem Solo-Klavierkonzert in der riesigen K-Arena in Yokohama: 18.546 Leute kamen, um ihn live zu erleben. Dabei wäre der „erstaunliche Virtuose“, so BR-Klassik, fast Ingenieur geworden. Weil er Mathe genauso mag wie Musik, studiert Hayato Sumino zunächst Ingenieurwesen in seiner Heimatstadt Tokio. Nach dem Master vertieft er seine Interessen am Pariser IRCAM, einem einzigartigen Forschungszentrum für musikalische und technologische Innovationen. Genau die richtige Kaderschmiede für Sumino, der Sounds gerne bis ins Detail unter die Lupe nimmt.
Befreit von der Verantwortung, die er bei einem Live-Konzert empfindet, lebt er in den sozialen Medien seine Experimentierfreude völlig frei aus. Mit hohem Respekt für tradierte Werke schöpft er aus allen Möglichkeiten, um seinen eigenen Filter auf die Musik zu legen. Er probiert neue Klangfarben auf verschiedenen Instrumenten, komponiert selbst, switcht mühelos die Genres und beleuchtet verschiedene Details einer Komposition. Dieser lockere und ungebremste Spieltrieb ist ansteckend: Suminos „7 levels of ,Twinkle Twinkle Little Star‘“ – Mozarts Variationen von simpel bis virtuos – zählen längst über 13 Millionen Aufrufe.
„Ich bin neugierig auf jede Art von Klang.“
Die Lust am Unbekannten treibt Sumino an, wie er erzählt. Er schätzt Pianisten wie Víkingur Ólafsson oder Francesco Tristano, die Klassik und Elektronik auf eine überraschend innovative Weise kombinieren. Anregungen holt sich der japanische Pianist gerne auch von nicht-klassischen Künstler*innen oder von Spaziergängen durch Städte wie Hiroshima. Bescheiden formuliert er, dass sein Schaffen einfach auf gesundem Menschenverstand beruhe: „Mit Neugierde Dinge zu tun, ist das Beste, was man tun kann.“
Am 22. April sind Suminos Sounds zum ersten Mal in der Isarphilharmonie zu hören. Die Bühne teilt er mit dem Londoner Aurora Orchestra unter Nicholas Collon, das auf Notenpulte verzichtet und stehend spielt. Sumino ist gespannt auf diese neue Begegnung, bislang kennt er das Ensemble nur aus dem Internet. Notenblätter für Gershwins „Rhapsody in Blue“ braucht der Pianist nicht. Die Komposition erlaube ihm, seine ganze Persönlichkeit zu zeigen: „Ich bewege mich manchmal sehr weit weg und fühle mich einfach frei.“ Seine Performance in der Londoner Royal Albert Hall ging nicht zuletzt viral, weil er mit einem weiteren Instrument überrascht. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.
Text: Maria Zimmerer