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Für Deutschland: Kunst gegen Rechts

Wo stehen wir aktuell in Sachen Demokratie, wo wollen wir als Gesellschaft hin? Politischen Diskurs regt im Gasteig HP8 im Oktober eine begehbare Kunstinstallation an. Wie das Kollektiv Lotse die Kunst als Kompass nutzt, um mit dem Projekt „Für Deutschland?“ das demokratische Bewusstsein zu fördern, erzählen sie im Gespräch.

Zwei Personen von hinten aufgenommen vor einer Halle. Sie tragen TShirts mit dem Logo des Kollektiv Lotse.
Das Münchner Kollektiv Lotse. Copyright: Max Götterd

„Rund um die Wahlen im Frühjahr 2025 war ich verzweifelt – die AfD wurde so stark, die rechten Stimmen immer lauter“, erzählt die 38-jährige Lena, die das Münchner Kollektiv Lotse ins Leben gerufen hat. „Ich dachte mir, dass Kunst es schaffen kann, wieder an Mitgefühl und Empathie der Menschen zu appellieren.“ Die Künstlerin, die an der Bauhaus-Universität Weimar studiert hat, möchte dem Rechtsruck mit Kunst begegnen. Die aktuelle Ausstellung „Für Deutschland?“ organisieren Lena und Lars gemeinsam mit Raphaela van Bommel von der Münchner Stadtbibliothek in Kooperation mit dem Gasteig.

Lars ist Ende 30 und wie Lena in München aufgewachsen. Auch ihn beschlich ein Ohnmachtsgefühl angesichts der Wahlergebnisse. Dem möchte er Kunst entgegensetzen, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger. „Um etwas zu bewegen, müssen wir raus aus der eigenen Bubble und dorthin, wo man Menschen trifft, die noch unentschlossen oder uninformiert sind“, sagt er.

„Über die Kunst möchten wir Barrieren abbauen, Emotionen wecken und ein Umdenken anregen!“

Kollektiv Lotse
Eine Walze mit leidendem Gesicht
„ Killababy“ – das Projekt von Werk70 lädt dazu ein, den gegenwärtigen Zeitgeist kritisch zu hinterfragen und sich mit den Kriegen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Copyright: Werk70
Nahaufnahme mehrerer Silberringe, darunter liegt geschmolzenes Silber.
Schweres Erbe: In „Residuum“ von Lena-K werden Nazi-Devotionalien verwandelt. Copyright: Thomas Wild

Den Ausgangspunkt der Ausstellung bildete ein Open Call, der im gesamten Stadtgebiet beworben wurde. So konnten sich Künstler*innen unabhängig von ihrem Hintergrund oder ihrer institutionellen Anbindung bewerben. Aus den eingereichten Arbeiten wurden Positionen ausgewählt, die den Titel „Für Deutschland?“ aus unterschiedlichen Perspektiven verhandeln. Die gezeigten Werke setzen sich mit Geschichte und Erinnerung, Justiz und Macht, Krieg und Kolonialismus, Migration, gesellschaftlicher Verantwortung sowie den Fragen auseinander, wie wir heute zusammenleben und welche Zukunft wir gestalten wollen.

Zum Beispiel befasst sich die Münchner Künstlerin Alicia Rieke in ihrer Arbeit „Trümmerfrauen“ mit dem verklärten Bild, das oftmals über jene Frauen vorherrscht, die zur „Aufbaugeneration“ nach 1945 zählten. In der Multimedia-Installation „Frage an Speer” setzt sich Natalia Schmidt mit den komplexen Zusammenhängen der globalen Waffen- und Munitionsproduktion im kolonialen Kontext auseinander. Von Weitem sichtbar vor dem Gasteig HP8 und in der Halle E: KI-generierte Flaggen von Jonas Lewek, mit denen der Künstler Nationalität generell
infrage stellt.

„Orte wie die Stadtbibliothek und der Gasteig haben eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Es ist schön, wenn hier noch stärker politischer Austausch stattfindet.“

Kollektiv Lotse

Kollektiv-Gründerin Lena ist auch selbst als Künstlerin Lena-K beteiligt. Von ihrem Stiefopa hat sie Nazi-Devotionalien geerbt: 15 Ringe, darunter SS- und Ehrenringe, teils Originale, teils Replikate, die sie für die Ausstellung im Werk „Residuum“ künstlerisch verarbeitet – als Appell daran, die Zukunft nicht dem Schicksal zu überlassen. Einige Ringe hat sie performativ eingeschmolzen und diesen Vorgang gefilmt. „Das Einschmelzen war tatsächlich befreiend!“, erzählt Lena. „Ich habe bewusst keine neue Form aus den Silberstücken gemacht, weil ich finde, dass wir immer noch in einem Transformationsprozess sind.“ Wenn am letzten Tag der Ausstellung ein Ring live seine Form verändert, können alle dabei zuschauen.

Kunst für Demokratie

Warum findet „Für Deutschland?“ im Gasteig HP8 statt? „Wir wollten an Orte gehen, an denen man Menschen aus unterschiedlichen Milieus erreicht, weil sie sich sowieso dort aufhalten.“ So ein Ort ist der Gasteig HP8. Im Saal X als Kunstraum können die Werke in Ruhe wirken, während in der Halle E Menschen zufällig an den Arbeiten vorbeikommen – diese kombinierte Raumnutzung ist Absicht. Das Rahmenprogramm umfasst Künstler*innengespräche, Diskussionen und Workshops für Schulklassen.

„Es ist sehr motivierend, dass man für solche schwierigen gesellschaftlichen Themen immer wieder Verbündete findet“, sagt Lars über die gute Kooperation mit der Münchner Stadtbibliothek und dem Gasteig. „Ich konnte durch die Arbeit für das Kollektiv etwas gegen mein Ohnmachtsgefühl tun.“ Lena wünscht sich, dass die Ausstellung Leute so berührt, dass sie eigene Anschauungen kritisch hinterfragen und wieder mehr darüber sprechen, wie Demokratie gelebt werden kann.

Text: Maria Zimmerer