Kulturbaustelle – Aufbruch und Umbruch im Gasteig
Der Gasteig in Haidhausen muss saniert werden. Das wissen inzwischen (fast) alle. Aber warum, wann, wie lange? Und wer zahlt das? Benedikt Schwering kann diese Fragen am besten beantworten. Als einer der Geschäftsführer der Münchner Raumentwicklungsgesellschaft (MRG) ist er seit rund zwei Jahren Bauherr der größten Kulturbaustelle Münchens. Warum die Generalsanierung 40.000 Tonnen CO2 spart und für ihn ein Leben ohne Gasteig nicht vorstellbar ist, erzählt Schwering im Gespräch.
Benedikt Schwering, was macht die Münchner Raumentwicklungsgesellschaft (MRG)?
Die MRG ist eine 100-prozentige Tochter der Landeshauptstadt München. Eigentlich vom Freistaat gegründet, um Riem als neues Stadtviertel zu gestalten, hat die Stadtkämmerei 2015 entschieden, dieses erfolgreiche kleine Unternehmen zu sich zu nehmen. Wir funktionieren wie ein Schnellboot und bearbeiten unterschiedlichste Bauaufgaben im städtischen Kontext.
Eine dieser besonderen Aufgaben ist die Gasteig-Sanierung: Wie wird sie finanziert?
Die MRG kann ihre Projekte selbst finanzieren. Nichts von den Sanierungskosten muss aus dem städtischen Jahreshaushalt genommen werden, sondern die MRG erhält den Kredit dafür von einem Bankenkonsortium. Natürlich bekommen wir dieses Geld nur, weil die Landeshauptstadt München für uns bürgt und die Regierung von Oberbayern als übergeordnete Finanzbehörde darüber wacht. Der Kredit ist zweckgebunden und wird dann nach und nach vom Gasteig als Mietzahlung abbezahlt, wenn er wieder umgezogen ist. Das ist ein klassisches Finanzierungsmodell für Immobilien und hat schon in den 1980er-Jahren beim Bau des Gasteig hervorragend funktioniert. Ganz simpel formuliert: Der Schulbau in München stockt nicht, weil der Gasteig saniert wird.
Das Ganze läuft über ein sogenanntes „Partnering-Verfahren“. Was ist das?
„Partnering“ bedeutet, dass wir als Bauherr mit einem Totalunternehmer zusammenarbeiten, der beides macht: Planen und Bauen. So können frühzeitig bauliche Synergien in die Planung mit einfließen. Man ist schneller und effektiver. Außerdem legen wir besonderen Wert auf ein gutes Miteinander, offene Kommunikation und Lösungsorientierung.
Warum dauert die Planung so lange? Die Ausschreibung für den Totalunternehmer startete Ende 2025, die Entscheidung dazu fällt Anfang 2027 im Stadtrat …
Allein die technische Beschreibung des Hauses umfasst 8.000 Seiten. Dafür präzise Angebote zu bekommen, geht nicht in drei Wochen. Der Bauumfang des Gasteig ist größer als beim Centre Pompidou in Paris. Wir reden von knapp 100.000 Quadratmetern Grundfläche!
Ein Totalunternehmer braucht viele weitere Gewerke, die er in das Projekt einbinden muss: Elektrik, Haustechnik, Statik, Veranstaltungstechnik … Wenn ich da die Zeit zu knapp setze, lande ich bei einem höheren Preis, weil der Totalunternehmer ungenauer plant und deshalb mehr Risiken einkalkuliert. Also führen wir Aufklärungsgespräche, um Risiken und Annahmen zu minimieren.
„Der Gasteig steckt voller „goldener Energie“. Damit meine ich die Emotionen, persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen, die die Menschen mit dem Haus verbinden.“
Inwiefern spielt bei der Planung Nachhaltigkeit eine Rolle?
Die Nachhaltigkeit war schon bei der Auswahl des Wettbewerb-Gewinners entscheidend. Wenn man den Entwurf der Henn-Architekten anschaut, sagt jeder: „Das ist doch der Gasteig“, denn satte 80% der Gebäudesubstanz bleiben erhalten. Das spart 40.000 Tonnen CO2, so genannte „graue Energie“. Das ist so viel, wie in 1,25 Millionen Quadratmeter Wald gespeichert ist. Daneben machen wir alles, was möglich ist, um in Sachen Nachhaltigkeit up-to-date zu sein: Fernwärme, Kälte, Photovoltaik, Begrünung auf dem Dach. Unser Ziel ist ganz klar eine Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.
Und trotzdem gibt es immer wieder Stimmen, die für einen Abriss des Gasteig plädieren.
Das ist Unsinn. Neben der bereits erwähnten „grauen Energie“ im Gasteig, steckt er voller „goldener Energie“. Damit meine ich die Emotionen, persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen, die die Menschen mit dem Haus verbinden – seien es Konzerte, ein Objekt aus der Goldschmiede der Münchner Volkshochschule, die Studienzeiten in der Bibliothek und vieles andere. Das Gasteiggebäude ist es wert, daran festzuhalten. Man kann es nicht einfach aus dem Stadtbild rasieren. In Europa haben wir die Denkweise, dass sich Identität auch über Baukultur transportiert – sei es der Eiffelturm in Paris, das Barbican in London oder das Brandenburger Tor in Berlin. Und in München ist es eben unter anderem der Gasteig, der so viel „goldene Energie“ gespeichert hat.
Alles über den Neuen Gasteig
Wie geht es jetzt konkret weiter?
Ab Herbst wird das Gebäude endgültig geräumt und für die Schadstoffsanierung vorbereitet. Die Technik wird zurückgebaut, und alle Anschlüsse für Fernwärme, Strom, Wasser, Gas und Telekommunikation werden stillgelegt. Im Februar 2027 wird dann vom Stadtrat sowohl der Generalunternehmer für die Schadstoffsanierung bestimmt als auch ein Totalunternehmer für die eigentliche Gebäudesanierung. Ersterer kann dann sofort beginnen, während für das gesamte Projekt noch die Endplanung erfolgt. Wir sind voll im Zeitplan.
Und Ende 2034 soll wirklich alles fertig sein?
Wir bauen im Bestand. Das bedeutet: Wir wissen nicht genau, was sich hinter den Mauern verbirgt. Aber genau dafür haben wir Pufferzeiten eingearbeitet. Und deshalb glaube ich fest an den 31. Dezember 2034.
Was ist Ihre Zukunftsvision für den Gasteig?
Der Gasteig ist und bleibt als lebendiger Ort für die Stadtgesellschaft ein Glücksfall für München. Ich kenne in keiner anderen Stadt so ein Zusammenspiel von Kultur und Bildung. Der Gasteig mischt die Gesellschaft durch, bietet Freiheit, lädt ein, neugierig zu bleiben, sich weiterzubilden, Musik zu machen oder zu hören, zu tanzen. Der Gasteig ist dieser „Dritte Ort“, über den alle sprechen. Gegen die zunehmende Vereinsamung in unserer digitalisierten Gesellschaft. Ein Ort der Demokratie und des Begegnens.
Was wünschen Sie sich von den städtischen Politiker*innen?
Engagement, Anschub, Mut, Verständnis dafür, dass es keine Alternativen gibt, Vertrauen in die Fachleute – auch in Momenten, in denen nicht alles glatt läuft. Denn das wird es nicht immer. Aber ich sage allen Stadträt*innen, sie sollen sich am 31. Dezember 2034 nichts vornehmen: Da gehen wir alle gemeinsam in die Philharmonie und lauschen Beethovens „Ode an die Freude“.
Warum der Gasteig saniert werden muss
Die wichtigsten Gründe in der ÜbersichtText: Melanie Brandl