Sportliche Höchstleistung bedeutet, an die Grenzen des eigenen Körpers zu gehen. Woran haben Sie erkannt, dass die Grenze überschritten ist?
Im Hochleistungssport sind wir es gewohnt, über Körpergrenzen zu gehen und immer weiterzumachen. Das ist auch okay, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem der Körper Signale sendet, dass er nicht mehr kann. Das versteht man vielleicht erst nicht. Aber genau an diesem Punkt muss man Vertrauen in seinen Körper haben. So eine Akkuanzeige am Telefon beachten wir auch, komischerweise glauben wir der sofort. Wenn der Körper uns also vermittelt, dass ihn etwas überfordert, dann sollten wir das ernst nehmen, egal ob wir nur sitzen oder körperliche Anstrengungen auf uns nehmen. Am Ende geht es darum, für sich selbst ein Gefühl zu entwickeln.
Wie haben Sie gemerkt, dass es so nicht mehr weitergeht?
In meinem Fall war es so, dass das Gefühl, für die neue Saison wieder loslegen zu können, immer länger auf sich warten ließ. Das Sommertraining fing an und ich hatte eigentlich noch keine Lust und fühlte mich ständig müde. So kannte ich mich gar nicht. Im Nachhinein sind das alles Körpersignale, die ich aber einfach ignoriert habe.
War die Diagnose „Burn-out“ eine Befreiung für Sie?
Natürlich. Ich war bei vielen Ärzt*innen, und meine Werte waren top, aber irgendwie stimmte das ja nicht. Für mich war es eine wirkliche Befreiung, dass ich nach eineinhalb Jahren Arztbesuchen endlich bei jemandem gelandet bin, der mir gesagt hat, was mit mir los ist. Meine Therapeutin hat mich wie ein kleines Kind an die Hand genommen und mir gezeigt, wie das normale Leben funktioniert. Ich wollte damals auf jeden Fall zurück zum Skispringen. Dass es am Ende nicht mehr so kam, lag daran, dass ich es zu lange übertrieben habe.
Sie beendeten daraufhin 2005 Ihre Karriere. War das eine schwierige Entscheidung?
Ich war monatelang in einer Klinik. Als ich danach wieder vor der Haustür meiner Eltern stand und ein komisches Gefühl hatte, da wusste ich, das wird ein längerer Prozess. Ich habe mir die Zeit genommen und bin minimale Schritte Richtung Comeback gegangen. Das Training lief grundsätzlich gut, aber irgendwann hatte ich wieder dieses unruhige Gefühl. Ich wusste, wenn ich jetzt weitermache, lande ich wieder in der Klinik. Oder ich sage hier und jetzt, ich muss mich leider verabschieden. Das war natürlich der schwerste Moment, ich weiß aber, dass ich mich richtig entschieden habe. Ich mache es entweder richtig oder gar nicht – so war ich schon immer und bin es auch noch heute. Damals hätte das aber bedeutet, dass ich mich wieder drangsaliert und alles getan hätte, um auf dem Siegerpodest zu stehen.
„Keine Scheu vor der Klinik: Wenn man merkt, dass man sich ausgebrannt und energielos fühlt, dann sollte man sich lieber schnell professionelle Hilfe suchen.“
Was ziehen Sie an Erfahrung aus dieser kritischen Zeit?
Am Ende bin ich froh, dass ich dem Gefühl gefolgt bin, dass etwas nicht stimmt. Sonst hätte ich wahrscheinlich einfach so weitergemacht. Heute ist mein Alltag so strukturiert, dass ich feste Zeiten einbaue, in denen ich etwas für mich tue. Ob das Sport ist oder Spazierengehen, Zeit für die Kinder – je nachdem, was mir mein Gefühl sagt. Das Effektivste, was uns wieder ins Leben zurückholt, ist Bewegung. Und die kostet nichts. Frische Luft atmen und um den See spazieren,
das tut so gut.
Also lieber nicht über die eigenen Grenzen gehen?
Über die Grenzen gehen muss man ab und zu auch in normalen Berufen. Man ist teils in Abhängigkeit. Da kann man nicht machen, was man will. Im Gegensatz zu früher nehme ich die Körpersignale aber ernst und gehe nicht davon aus, dass das schon wieder von selbst wird. Manchmal nehme ich Termine erst gar nicht an. Ich kann nur dafür plädieren, auf die innere Stimme zu achten. Und das zu tun, was einem gut tut, wenn einem die Zeit gegeben ist. Die digitale Welt mit Social Media und der ständigen Erreichbarkeit trägt erheblich dazu bei, dass wir nicht mental abschalten können. Leute müssen lernen, Pausen davon zu machen und wirklich abzuschalten.
Text: Anna Steinbauer