Herr Nikrang, wie musikalisch ist die KI denn mittlerweile?
(Lacht) Das können wir so nicht beantworten. Auch wir Menschen wissen nicht wirklich, welche Qualitäten bestimmte Notensequenzen haben müssen, damit sie als Musik wahrgenommen werden. Musik gibt es in allen Kulturen, sie ist tief menschlich, aber wir verstehen trotzdem nicht, wie und warum sie funktioniert. Wenn nun also eine Maschine imstande ist, Musik zu komponieren, ist meine Motivation, diese Maschine zu untersuchen, um zu sehen, was sie daraus lernt.
Womit beschäftigen Sie sich an der Münchner Musikhochschule?
Grundsätzlich geht es um zwei verschiedene Bereiche: Zum einen entwickle ich das KI-basierte System „Ricercar“, mit dem Studierende komponieren können: „Ricercar“ ist trainiert mit einem breiten klassischen Repertoire gemeinfreier Werke von der Renaissance bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dazu kommen die von der KI selbst komponierten Daten. Mit einigen Tricks kann man sie dazu bringen, von den eigenen Stücken zu lernen und immer besser zu werden. Die andere, mindestens genauso wichtige Frage ist: Warum nutzt man Künstliche Intelligenz aus künstlerischer Perspektive?
Und was antworten Sie darauf?
Wir wissen, dass die KI-Systeme ein großes kreatives Potenzial haben. Die Kunstgeschichte zeigt, dass neue Technologien oft zu völlig neuen Formaten und Ideen geführt haben. Die moderne KI ist eine Brückentechnologie, die uns ganz neue Möglichkeiten verschafft: Sie ermöglicht eine Interaktion mit dem Publikum, kann Musik visualisieren oder Inhalte besser vermitteln. All diese Komponenten können wir beliebig miteinander verbinden, auch Personen ohne Programmiererfahrung können die Technologie nutzen. Allerdings ist hier eine enge Zusammenarbeit zwischen Kunst und Technologie erforderlich. Wir müssen in gemeinsamen Projekten schauen, was möglich ist und aus künstlerischer Sicht Sinn ergibt.
Wie dürfen wir uns das ganz praktisch vorstellen?
In Zusammenarbeit mit den Münchner Philharmonikern und der Münchner Firma Brainlab AG haben sich zum Beispiel Kompositionsstudierende der HMTM mit unserer KI auseinandergesetzt und ein Konzert für ein selbst spielendes Klavier und Orchester geschrieben. Das Klavier hat präsentiert, was die KI komponiert hat, während das Orchester gespielt hat, was von Menschen komponiert wurde. Dabei wollten wir uns mit verschiedenen Fragen auseinandersetzen: Was heißt es, mit so einer Technologie zu arbeiten? Welche Rolle hat der Mensch? Man denkt ja, Maschinen machen das, was wir wollen. Aber die KI ist ein kreatives System mit einer gewissen Autonomie. Man kann ihm nicht genau sagen, wie ein Ergebnis sein soll. Hier kommt es oft zu interessanten Situationen, wo wir mit der KI kämpfen, mit ihr verhandeln, sie bewusst manipulieren, um etwas zu erzeugen, was den eigenen künstlerischen Vorstellungen entspricht.
Heißt das, die KI kann auf den Menschen nicht verzichten?
Das hängt davon ab, wofür man sie anwendet. Für funktionale Musik, für ein Game oder die Werbung ist es vielleicht nicht unbedingt notwendig, dass Musik eine persönliche Note hat. Hier kann die KI uns Zeit ersparen, da sie schnell und produktiv ist. Dann besteht aber auch die Gefahr, dass Preise gedrückt und Menschen ersetzt werden. Uns geht es vorrangig darum, wie man mit der KI ein individuelles künstlerisches Werk erzeugt. Und das ist von Menschen gemacht. Denn die KI ist nicht imstande, so ein Ergebnis zu erzeugen. Sie würde selbst auch nie das Bedürfnis haben, etwas so Persönliches zu erschaffen. Letztlich ist sie eine Maschine ohne Leben, aber wir Menschen können das große Potenzial aus der KI rausholen. Je persönlicher ich mit der KI arbeite, desto unverzichtbarer bin ich.
Was haben Sie von der KI gelernt?
Sie hat meine Perspektive auf die Musik sehr verändert. Wenn man sieht, was die KI schnell lernt oder wo sie Probleme hat, verändert sich auch der eigene Blick auf die Musik. Ich sehe KI als Explorationssystem. Sie wird mit sehr vielen Daten trainiert und lernt, eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Dabei stellt sie einen multidimensionalen Raum dar, in dem all diese Datenpunkte repräsentiert werden, vergleichbar mit unserem Gehirn. Bei einer Komposition bewege ich mich in diesem Space. Vereinfacht gesagt ist das Komponieren wie ein Waldspaziergang. Die KI hätte nie das Bedürfnis, einen Spaziergang zu machen, aber ich als Mensch möchte zu einem bestimmten Punkt im Wald. Ich muss die KI also dazu bringen, mich dorthin zu führen. Auf dem Zufall basierend macht sie mir verschiedene Vorschläge, und ich entscheide mich schrittweise für einen Pfad.
Welche Rolle wird KI in Zukunft für Musiker*innen spielen?
Ich glaube, wir haben mit einer Generation von Künstler*innen zu tun, für die KI eine Selbstverständlichkeit sein wird. Ob sie KI tatsächlich für Kreation nutzen, ist eine andere Frage, aber sie wird eine wesentliche Rolle spielen. Wenn man individuelle Sachen kreieren will, sollte man keine Angst davor haben, die Systeme persönlich anzupassen. Ich möchte KI so vermitteln, dass diese Individualität im Vordergrund steht. Ein aktives Mitwirken der Kunst-Community an der Entwicklung ist hier sehr wichtig. Die KI ist nichts Vorgegebenes und Statisches. Man sollte sie als offenes System sehen, in dem man jederzeit Teile verändern kann. Der Mensch bleibt im Zentrum, navigiert und entscheidet.
Text: Maria Zimmerer