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Kassandra Wedel: Immer in Bewegung

Kassandra Wedel ist Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin. Infolge eines Autounfalls verliert sie mit knapp vier Jahren fast ihr komplettes Gehör und verfolgt weiter ihren Traum, Künstlerin zu werden. Zielstrebig erobert sie Taub Theaterbühnen, Fernsehen und Tanzstudios und macht europaweit als erste Gehörlose eine Ausbildung zur Hip-Hop-Tanzlehrerin. Bei „Tanz den Gasteig“ lud sie in Workshops mit Gebärdenpoesie dazu ein, den Beat zu spüren.

Auf einem sonnigen Gelände vor eine Backsteinhalle befindet sich eine Frau im hellblauen Kleid mitten im Sprung.
Copyright: Benedikt Feiten/Gasteig

Kassandra, du hast als Dreijährige mit Ballett begonnen und seitdem nicht mehr aufgehört zu tanzen. Woher nimmst du die Energie dafür?

Tanzen gehörte von klein auf zu meinem Leben, es war wie eine zweite Sprache für mich. Ich habe mein Leben lang getanzt, weil es den Kopf frei macht. Ich glaube, Bewegung kostet nicht nur Energie, sondern gibt auch Energie. Hip-Hop und Pop mag ich sehr gerne, weil die Beats da sehr verschiedene Rhythmen und Schläge haben. Hip-Hop hat seine Ursprünge in der Unterdrückung, und als Taube konnte ich mich mit den Bewegungen sehr identifizieren. Sie haben etwas Verspieltes an sich, aber auch etwas Aggressives wie Wut, die nach Befreiung strebt.

„Wenn du ein Ziel hast, kannst du es schaffen. Sei mutig und gib nicht auf!“

Hat sich deine Beziehung zum Tanzen über die Jahre verändert?

Ja, vor allem seit Corona. Ich hatte schon etwa fünfzehn Jahre Tanzen unterrichtet, und es ist für mich zur Routine geworden. Zu Covid-Zeiten hörte ich dann auf, regelmäßig zu unterrichten. Früher war das Tanzen mal ein Hobby, das ich aus Leidenschaft gemacht habe. Ich stand zum Beispiel an der Bushaltestelle oder zu Hause vor dem Spiegel und tanzte Choreografien einfach so aus mir heraus, aus purem Vergnügen. Dieses Gefühl ist irgendwann auf der Strecke geblieben und zum „Muss“ geworden, weil Tanzen zu meiner Arbeit wurde. So war es plötzlich mit einer anderen Art von Druck verbunden. Während des Lockdowns saß ich also auf dem Sofa und fand keine Energie zum Tanzen mehr. Mein Kopf sagte jeden Tag „Du musst!“, und das störte mich extrem. Mit der Zeit lernte ich aber, dass ich, außer zu essen, zu schlafen und zur Toilette zu gehen, gar nichts muss. Und ich fand, das war ein wichtiger Prozess, um den Flow und die Lust am Tanzen wiederzufinden.

Portrait von Kassandra Wedel. Die 41-Jährige hat schulterlange braune Haare, trägt ein hellblaues Spagettiträgertop und lächelt in die Kamera.
Kassandra Wedel lotet gerne eigene Grenzen aus und möchte alle ermutigen, das eigene Potenzial zu entfalten. Copyright: Benedikt Feiten/Gasteig

Für „Tanz den Gasteig“ hast du mit Gebärdensprachdolmetscherin Elisabeth Brichta einen Tanzworkshop entwickelt, der sich an Hörende und Gehörlose richtet. Erzähl!

Ich habe mit achtzehn Jahren begonnen, regelmäßig Taube, Schwerhörige und Hörende zu unterrichten. Seitdem gebe ich verschiedene Arten von Workshops – welche mit Musik, welche ohne oder Workshops mit Gebärden. Beim Tanzen mit Gebärdenpoesie benutze ich meist keine Musik. Ich finde, zum Tanzen braucht man sie nicht zwangsweise. Bewegung ist aus meiner Sicht schon Musik genug, also visuelle Musik.

Beim Tanzen nutzt dir Gebärdenpoesie. Was ist das, und welche Kraft steckt darin?

Gebärdenpoesie hat viele unterschiedliche Formen, sie ist genauso divers wie Lyrik. Es steckt Musik darin, ohne dass man welche hört – außer vielleicht im eigenen Gemüt. Gerne breche ich die üblichen Regeln und mische Gebärdenpoesie mit den Werkzeugen von Tanz. Das ist toll! (lacht) Vielleicht fällt es ein bisschen schwer, es sich vorzustellen, man muss es gesehen haben!

Was für eine Energie ist im Raum, wenn Hörende und Nichthörende miteinander tanzen?

Je nach Teilnehmer*innen ist die Energie sehr unterschiedlich. Für Taube Menschen fällt bei so einem offenen Angebot zwar der Safe Space weg, aber meist ist Neugierde im Raum. So ein Workshop ist für alle spannend, weil es etwas Neues ist und neue Begegnungen schafft.

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