Du stammst aus einer großen Familie mit sieben Geschwistern. Welche Rolle spielt Gemeinschaft für dich?
Die wichtigste Gemeinschaft in meinem Leben ist meine Familie. Jetzt, wo ich in London lebe, habe ich versucht, diesen tollen Zusammenhalt zu replizieren und mir meine eigene Community zu schaffen. Dazu gehören einige Freund*innen aus dem College, die alle Musiker*innen sind. Dieser Zusammenschluss ist meiner Familie sehr ähnlich.
Inwiefern?
Wie früher bei uns daheim gibt es eine große Bandbreite an Instrumenten, und wir musizieren alle viel zusammen. Außerdem unterstützen wir uns gegenseitig in allen Lebenslagen, weil wir ähnliche Dinge durchmachen. Es ist schön, weil unser aller gemeinsamer Bezugspunkt die Musik ist.
Und das war bei euch zu Hause früher auch so?
Ja, ich glaube, das mit der Musik war bei uns so eine Art Domino-Effekt. Meine Schwester fing an, Klavier zu spielen, und alle machten es nach. Zumindest erinnere ich mich nur daran, dass sowieso alle schon Musik machten, und ich dann einfach mitmachte. Und ich liebte es.
Waren deine Eltern dahinter, dass ihr übt?
Meine Eltern spielten selbst Musik, studierten dann aber andere Fächer. Sie hatten immer eine Leidenschaft dafür, meine Mutter unterrichtete uns alle anfangs am Klavier. Jedes meiner Geschwister saß in einem anderen Raum, und sie wechselte dann von Zimmer zu Zimmer. (lacht)
Was ist deine Stellung innerhalb deiner Familie?
Ich bin zugleich kleine und große Schwester, habe also beide Sichtweisen. Und ich kann mich verstecken. (lacht) Ich habe sehr viel von meinen älteren Geschwistern gelernt und viele Ratschläge bekommen. Ich kenne es nicht anders, aber ich glaube, dass ich aufgrund meiner Position als mittleres Kind relativ frei sein kann. Ich habe von den verschiedenen Facetten an Persönlichkeiten und Erfahrungen profitieren können, die mir aufzeigten, wie man durchs Leben gehen kann. Zu sehen, welche Karriere zum Beispiel meine Schwester Isata eingeschlagen hat und wo sie steht, ist sehr inspirierend für mich.
Bedeutet deine Familie auch Konkurrenz für dich oder hält sie dich am Boden?
Meine Geschwister halten mich absolut am Boden. Zumindest was die Musik angeht, stehen wir nicht in Konkurrenz zueinander, weil wir unterschiedlich alt sind. Wir geben uns gegenseitig Stunden und unterstützen uns, so gut wir können. In anderen Bereichen sind wir schon kompetitiv.
Gibt es etwas, was du nur durch Musik ausdrücken kannst?
Ich glaube nicht. Alles, was ich in der Musik ausdrücke, kommt aus mir heraus. Ich kann das nicht wirklich unterscheiden. Vielleicht kann ich in der Musik ein bisschen expressiver sein, weil ich meine Emotionen dadurch voll und ganz ausdrücken kann. Ich glaube, ich gebe am meisten von mir preis, wenn ich spiele.
Hast du als Schwarze Frau eine Vorbildfunktion im Klassik-Bereich?
Ich weiß nicht, ob ich das beeinflussen kann, ob man mich als Idol sieht. Aber wenn es allein die Tatsache ist, was ich als Schwarze Frau repräsentiere, bin ich schon glücklich. Es ist schön, aufzuwachsen und Leute zu sehen, die so aussehen wie man selbst. Das ermutigt dazu, alles erreichen zu können, was man möchte. Ich hatte sehr viele Role Models in meinem Leben.
Welche?
Yuya Wang ist eine tolle Frau. Und auch Martha Argerich, die eine tolle Pianistin ist. Als ich jünger war, habe ich ein You-Tube-Video von ihr gesehen, in dem sie das Zweite Klavierkonzert von Prokofjew spielte, das hat mich umgehauen. Vor Kurzem habe ich sie kennengelernt, das war so inspirierend, wie das Video damals.
Was ist das Besondere für dich daran, eine Community zu haben?
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, bin ich am meisten ich selbst. Und eine Gemeinschaft gibt das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. Ich finde, jeder sollte Teil einer Community sein. Es ist eine großartige Möglichkeit, sich als Person zu entwickeln.
Text: Anna Steinbauer