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Jazz-Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington über ihre neue Professur

Terri Lyne Carrington, Jazz-Schlagzeugerin von Weltrang, ist seit Januar Spitzenprofessorin für „Artistic Innovation and Gender Justice in Jazz“ an der Hochschule für Musik und Theater München. Bei der „Jazznacht“ trat sie am 9. Juli 2026 gemeinsam mit Studierenden des Jazz Instituts in der Isarphilharmonie auf. Der vierfachen Grammy- Gewinnerin, die mit Jazz-Größen wie Herbie Hancock, Wayne Shorter und Stan Getz spielte, liegt Gendergerechtigkeit sehr am Herzen. Wieso es besonders wichtig ist, weibliche Lehrende zu haben, erzählt Carrington im Interview.

Lyne in einer Straßenflucht mit Backsteingebäuden.
Die US-Schlagzeugerin, Komponistin und Produzentin Terri Lyne Carrington fördert gezielt Frauen im Jazz. Copyright: Michael Goldman

Wie kamst du zum Schlagzeug, und was fasziniert dich an Jazz?
Ich habe Schlagzeug zu spielen angefangen, weil wir zu Hause eines hatten. Ich bin Musikerin in der dritten Generation – schon mein Vater und mein Großvater waren Schlagzeuger. Mein Vater spielt auch Saxofon, das war eigentlich mein erstes Instrument. Mit sieben Jahren habe ich dann zum Schlagzeug gewechselt. Ich glaube, dass Kinder sich von Musik und Instrumenten angezogen fühlen, wenn sie damit in Berührung kommen. Schon in jungen Jahren fand ich es spannend, dass Musik so geheimnisvoll ist und uns ermöglicht, etwas zu fühlen, das nicht in Worte gefasst werden kann. Aufgrund der Kontakte meines Vaters kamen viele großartige Jazzmusiker zu uns nach Hause – da wollte ich gerne dazugehören.

Welche Erfahrungen als Schlagzeugerin in einem männlich dominierten Umfeld haben dich besonders geprägt?
Durch meinen Vater hatte ich direkt Zugang zur Jazz-Szene – etwas, das vielen Frauen, besonders in jungen Jahren, verwehrt bleibt. Die vielen Menschen, die ich traf, vermittelten mir die Tradition und die Geschichte dieser Musik – dann lag es an mir, mich weiterzuentwickeln. Ich hatte keine weiblichen Vorbilder, zumindest nicht am Schlagzeug. Aber es gab viele Frauen, zu denen ich aufschaute, wie Dianne Reeves, Patrice Rushen, Cassandra Wilson und Geri Allen. Irgendwann wurde mir meine besondere Stellung bewusst, und das Verständnis für das, was meine gleichaltrigen weiblichen Kolleginnen erlebten, wuchs. Ich öffnete mich und bekam eine andere Sichtweise darauf, was Frauen im Jazz erfuhren. So wurde ich zu der Musikerin, die ich heute bin – offener, mitfühlender und auch auf Geschlechtergerechtigkeit fokussiert.

Eine Person am Schlagzeug.
Carrington gründete und leitet seit 2018 das Institute of Jazz and Gender Justice am Berklee College of Music. Copyright: John Watson

Wie steht’s in der Jazz-Szene um Gendergerechtigkeit?
Es gibt Fortschritte, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns. Unser Institut in Berklee hat eine Studie durchgeführt, die ergab, dass nur acht Prozent der Jazz-Lehrenden weiblich sind, mal abgesehen von den Gesangsabteilungen. Diese Zahl ist erschreckend und muss sich ändern. Wenn angehende Musikerinnen sehen, dass es Lehrerinnen gibt, sind sie vielleicht eher geneigt, ein Jazz-Studium anzustreben. Was andere Formen der Diskriminierung angeht, ist eine inter- sektionale Perspektive immer wichtig. Eine Person, die rassistisch ist, ist wahrscheinlich auch sexistisch. Verinnerlichter Sexismus ist real.

Du hast 2013 Jazz-Geschichte geschrieben, als du als erste Frau den Grammy in der Kategorie „Best Jazz Instrumental Album“ erhalten hast. Glaubst du, dass sich Machtstrukturen im Jazz langsamer verändern als in anderen Musikgenres?
Früher dachte ich das, aber mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Ideal ist es vermutlich in keinem Genre, aber der Jazz sticht deshalb besonders hervor, weil das Genre sehr anspruchsvoll und ohne intensive Ausbildung kaum zu meistern ist. Ohne die richtige Unterstützung ist es im Jazz also schwieriger, an die Spitze zu gelangen. Im Gegensatz zur Popmusik, wo die Ausbildung nicht so streng ist.

„Es gibt viel Talent auf der Welt, daher besteht die Herausforderung darin, wie man sein Gegenüber als Mensch anspricht. Wenn wir unserer Kunst und unserem Leben einen Sinn verleihen, wird das spürbar und inspiriert andere.“

Was möchtest du Studierenden in München besonders vermitteln?
Junge Musiker*innen sollten sich so intensiv wie möglich mit Geschichte und Tradition der Musik auseinandersetzen, damit sie darauf aufbauen können. Wenn man nicht weit genug zurückgeht, um die Bedeutung der Musik zu verstehen, warum sie überhaupt entstanden ist und welche Entwicklungsphasen sie durchlaufen hat, hinterlässt das Lücken im Fundament. Ich glaube auch, dass junge Menschen über ihre eigenen Geschichten nachdenken müssen – über das Warum hinter dem, was sie tun.

Wie kannst du in deiner Aufgabe als Professorin für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Jazz beitragen?
Ich glaube, ich trage auf verschiedene Weise dazu bei. Allein meine Existenz und mein Überleben dienen anderen als Vorbild. Meine Sichtweise auf das Thema kann anderen das Gefühl geben, wahrgenommen zu werden, oder ihnen helfen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Text: Anna Steinbauer