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Improvisation als Routine: Sheku Kanneh-Mason im Gespräch

Vom Royal-Wedding-Cellisten auf die Bühnen der bedeutendsten Konzerthäuser: Der 1999 in Nottingham geborene Sheku Kanneh-Mason erobert die internationale Klassikszene, teils auch gemeinsam mit seinen musikalischen Geschwistern. Welche Rituale es in seiner Familie außer dem gemeinsamen Musizieren gibt und was der Cellist von Konventionen im Klassikbereich hält, erzählt er im Interview.

Porträt des Cellisten Sheku Kanneh-Mason. Er trägt ein legeres Outfit, hält sein Cello in der Hand und sitzt vor einem braunen Hintergrund.
Copyright: Jake Turney

Hast du ein besonderes Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

Mein Aufwärmprogramm ist immer gleich: Ich beginne mit einigen langen Tönen und Improvisationen, um ein Gefühl für das Instrument und die verschiedenen Klänge zu bekommen und mich damit frei zu fühlen. Das erreiche ich durch Improvisation, oft spiele ich dabei einige der Bach-Suiten. Dann spiele ich einige Passagen, die mir aus dem Stück im Kopf herumgehen. Normalerweise langsam. Ich finde, wenn man Dinge langsam macht, hat man die Möglichkeit, sie im Detail zu durchdenken.

Bist du ein Mensch, der Routinen mag?

Nein, eigentlich überhaupt nicht. Ich bin sehr beharrlich in meiner Arbeitsweise, aber es ist selten Routine. Ich denke, das liegt zum großen Teil daran, dass mein Cellounterricht in meiner Kindheit in vielerlei Hinsicht so unkonventionell war. Das hat meine Art zu lernen und zu üben geprägt. Wenn man etwas lernen möchte, sind die besten Methoden oft diejenigen, die etwas kreativer sind, als jeden Tag das Gleiche zu tun. Denn es bedeutet, dass der Geist ständig auf Entdeckungsreise ist und Dinge findet.

Porträt von Sheku Kanneh-Mason
Copyright: Mahaneela

Wie sieht es mit anderen Situationen im Leben aus? Du stammst aus einer großen Familie, habt ihr da gemeinsame Rituale?

Zu Weihnachten spielen mein Bruder, meine Schwester und ich oft gemeinsam das zweite Klaviertrio von Rachmaninow. Das ist ein enorm kraftvolles Stück, wir sind alle besessen davon. Wir haben es noch nie öffentlich aufgeführt, aber wir spielen es schon seit längerer Zeit immer zum Jahresende.

Habt ihr auch ein gemeinsames Ritual, das nichts mit Musik zu tun hat?

Ja. Zu den Dingen, die wir regelmäßig machen, gehören Brettspiele – vor allem Worträtselspiele. Das gefällt allen. Ich glaube, Isata, Jeneba und ich können gar nicht aufhören damit. Wir sind auf jeden Fall sehr ehrgeizig und streiten auch viel, weil wir jeder von uns gewinnen möchte.

Wie sieht es denn bei euch Geschwistern mit der Konkurrenz beim Musizieren aus?

Das ist nicht kompetitiv, ich würde es eher als gegenseitige Unterstützung beschreiben. Das hat auch viel mit der Natur der Musik zu tun. Es ist immer besser, liebevoll und positiv über andere zu denken. Das eint uns. Wir inspirieren uns gegenseitig und spornen uns an.

Weiße Marmorstufen, auf denen 7 bunt gekleidete junge Menschen sitzen.
Eine musikalische Familie: die sieben Kanneh-Mason- Geschwister Copyright: Jake Turney

In der klassischen Musik gibt es viele Konventionen: Unter anderem sitzt man still und klatscht an einer bestimmten Stelle. Was hältst du davon?

Wir spielen viel Musik, die vor langer Zeit komponiert wurde. Daher liegt der Schwerpunkt bei der Präsentation manchmal auf der Wahrung der Tradition. Viele dieser Musikstücke erfordern hohe Konzentration. Wenn man diese erreichen will, kann es passieren, dass Menschen sich nicht wohlfühlen. Aber gleichzeitig finde ich es wichtig, dass es im Raum still ist, dass die Leute ihre Handys nicht herausholen, keine Fotos machen und andere nicht ablenken – aus Respekt vor dem Publikum, den Interpret*innen und dieser Musik, die oft sehr detailreich und subtil ist. Mir liegt viel daran, dass Musik uns etwas vermittelt. Und ich glaube, es könnte noch mehr Mühe investiert werden, damit die Musik sich tatsächlich mitteilt und die Menschen erreicht.

Was bedeutet Musik für dich?

Ich bin von Musik besessen, sie hat so viel zu bieten. Sie kann uns viel beibringen und viel in uns bewegen. Musik zu hören oder zu spielen, kann alles andere verdrängen. Man kann entfliehen oder aber sich mehr mit seiner Umgebung verbinden und Dinge auf eine andere Art und Weise betrachten. Das Schöne an Musik ist: Sie kann uns auf ganz andere Ebenen bringen als andere Dinge in unserem Leben.

London Philharmonic Orchestra mit Sheku Kanneh-Mason

Text: