Herr Wiechers, unser Motto in der Jubiläumssaison ist „Feiert Kultur!“. Ist Ihnen zum Feiern zumute angesichts der aktuellen Kulturlage?
Ja, einen Grund zum Feiern gibt es immer. Natürlich ist es herausfordernd und es wird noch herausfordernder. Daraus müssen wir auch keinen Hehl machen. Trotzdem müssen wir auch das anerkennen, was wir an kultureller Landschaft in München vorfinden. So ein Geburtstag der Institution Gasteig ist definitiv ein wunderbarer Grund zum Feiern. Ich freue mich schon auf die Installation von Ayzit Bostan in der Halle E und das große Festival-Format im Juni nächstes Jahr.
An welches Erlebnis im Gasteig erinnern Sie sich gerne zurück?
Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war der Auftakt zur Planung der Generalsanierung – der große Moment, als wir mit allen Nutzenden, Fachplaner*innen, Architekt*innen und der damaligen Bauabteilung „Zukunft“ des Gasteig einen ganzen Tag verbracht haben. Bis dahin war schon viel Arbeit passiert. Nun herrschte eine wahnsinnige Aufbruchstimmung, ich hatte das Gefühl: Jetzt geht es los. Zwischenzeitlich gab es ein paar Verzögerungen. Der Moment und die Inhalte, die wir erarbeitet haben, sind aber geblieben – das hält mich optimistisch.
Was für eine Bedeutung hat der Gasteig für die Stadt München?
Eine unfassbar wichtige Bedeutung, weil der Gasteig ein Kulturort für alle ist. In der öffentlichen Wahrnehmung wie in der Diskussion um die Sanierungsbedarfe wird er häufig auf die Philharmonie reduziert. Dabei ist er weit mehr als das, was die Fläche betrifft wie auch die inhaltliche Bespielung. Der alte Gasteig war Treffpunkt für Millionen Besuchende, insbesondere bei den beiden großen Akteurinnen Münchner Stadtbibliothek und Münchner Volkshochschule. Nach dem Umzug auf das HP8-Areal sind alle im buchstäblichen Sinne zusammengerückt und haben den Spirit mittransportiert. Der Gasteig ist nach wie vor ein sehr wichtiger Baustein in der kulturellen Landschaft Münchens.
„Unser Auftrag ist, dass wir mit der Kultur auch Menschen erreichen, die wir sonst nicht erreichen.“
Welche Verantwortung ergibt sich daraus?
Unser Auftrag ist, dass wir mit der Kultur auch Menschen erreichen, die wir sonst nicht erreichen. Die Tatsache, dass die Münchner Stadtbibliotheken und die Erwachsenenbildung mit der Münchner Volkshochschule bei uns im Kulturbereich verankert sind, ist für uns eine Verpflichtung. Das heißt, es braucht Niederschwelligkeit, Erreichbarkeit und barrierefreien Zugang für alle Menschen. Im Sinne der Inklusion wie auch im Sinne einer Bildungsgerechtigkeit. Da sind die Gasteig-Institutionen vor allem in der Verbindung miteinander von enormer Wichtigkeit. Momentan ist der Gasteig HP8 für uns ein Übungsfeld für das, was wir im generalsanierten Gasteig später noch viel intensiver leben wollen. Die Begegnungen unterschiedlicher Publika in der Halle E wollen wir dann später am Haidhauser Standort mit der Kulturbrücke noch mal verstärken.
Welchen Bezug haben Sie persönlich zur Kultur?
Auch wenn ich studierter Jurist bin, bin ich schon immer kulturinteressiert. Ich stamme aus einem kreativen Elternhaus, meine Mutter ist Grafikdesignerin, mein Vater Architekt. In der Schule in Niedersachsen hatte ich Musik als Hauptfach. Ich habe mehrere Instrumente und in Ensembles gespielt. Das Interesse und Verständnis für die Kultur sind also lange vorhanden, und inzwischen arbeite ich schon viele Jahre in dem Bereich. Im Kulturreferat selbst bin ich jetzt das siebte Jahr, davor war ich weitere sieben Jahre im Rathaus verantwortlich für den Kulturbereich unter zwei Oberbürgermeistern.
Was ist die größte Herausforderung für Sie als Kulturreferent?
Aktuell ist das die finanzielle Lage. Da heißt es erst mal zuversichtlich bleiben, kämpfen, diskutieren und viel Kreativität dafür aufwenden, um die Einsparbedarfe zu befriedigen. Und langfristig gilt es, die Produktivität, die Synergetik und das Zeitgemäße auf den Prüfstand zu stellen. Dabei halten wir trotzdem am Anspruch fest, den Stand, den wir jetzt haben, grundsätzlich erhalten zu wollen.
Wie stellen Sie sich den Gasteig in zehn Jahren vor?
Ich setze natürlich voraus, dass wir in den generalsanierten Gasteig zurückgekehrt sind. Ich möchte festhalten, dass ich den architektonischen Entwurf, den wir für den neuen Gasteig vorliegen haben, für einen ganz großen Wurf halte. Es ist den Henn-Architekten hervorragend gelungen, den Wünschen und Bedürfnissen hinsichtlich Zugänglichkeit und Niederschwelligkeit eine gute und zeitgemäße Form zu geben. Ich wünsche mir, dass das, was im architektonischen Entwurf angelegt ist, auch mit Leben gefüllt wird. Und der tolle Ort, den wir schon hatten, in Zukunft noch toller sein wird. Sie sehen, ich bin Gasteig-Fan. Happy Birthday!
Der Neue Gasteig
Text: Anna Steinbauer