Eine Halle für alle: Momentaufnahmen aus dem GAiA Deli & News
Orte prägen Menschen, und Menschen prägen Orte. Sie nehmen sich den Raum und machen ihn sich zu eigen. Die Halle E hat sich zu einem Platz entwickelt, der Menschen zusammenführt. Bei Sudoku, Zeitung oder Kaffee wird hier Gemeinschaft gelebt. Gasteig-Werkstudentin Ella Rendtorff hat sich einen Tag lang im GAiA Deli & News umgesehen und -gehört.
Wie weiße Hütchen stapeln sich die unbenutzten Kaffeetassen hinter dem Tresen im GAiA Deli & News. Für die Barista Laura Petrone beginnt der Arbeitstag hier schon vor neun Uhr, lange bevor das Abendpublikum in die Isarphilharmonie strömt. Petrone kennt die Gesichter des Gebäudes: Tagtäglich steht sie hier hinter dem Tresen, verkauft Kaffee und Croissants – und beobachtet das Treiben. „Ich mag diesen Ort“, sagt die gebürtige Neapolitanerin und lässt den Blick in Richtung der weiten Halle schweifen. Sich ausbreiten zu können, sei angesichts der Wohnungsnot in München keine Selbstverständlichkeit. „Hier ist Platz zum Atmen“, sagt Petrone. Vor allem aber sei die Halle E ein Ort, an dem Menschen aller Altersklassen und sozialen Schichten zusammenkommen: zum Lernen, Lesen, Verweilen – und das ohne Konsumzwang.
Topfpflanzen und Käsekuchen
Mit manchen von ihnen ist Petrone mittlerweile befreundet: Susanne löffelt an einem der Tische im Deli & News ihre mitgebrachte Suppe. Derzeit ist die 59-Jährige auf der Suche nach einem Job. Oben in der Bibliothek schreibt sie Bewerbungen, unten sitzt sie im Deli, gießt die Topfpflanzen, lässt sich treiben. „Das Besondere an diesem Ort ist, dass er nicht begrenzt ist“, sagt sie. Anders als in klassischen Cafés gebe es keine vier Wände, die einen einengen.
Der Raum entsteht durch die Menschen, die ihn beleben: Wer hier Zeitung liest, einen Arbeitsplatz in der Bibliothek ergattert oder einfach nur da ist, gehört zum Organismus des Gebäudes. Zu den Stammgästen in den Vormittagsstunden zählen auch die Angestellten der gegenüberliegenden Stadtwerke München. Die Helme noch auf den Köpfen, lehnen sie in blauen Anzügen für ein Schwätzchen an der Kaffeebar. Jede Mittagspause kämen sie für ein Stück Käsekuchen hierher, erzählen drei von ihnen, bevor es zurück zur Arbeit geht.
„Ich mag es, dass man hier einfach sein darf, auch zum Nichtstun.“
Philosophieren und Verweilen
Inzwischen hat sich die Halle gefüllt: Auf den Stufen sitzen Studierende, packen mitgebrachte Tupperdosen und den neuesten Klatsch aus, während Senior*innen an den Cafétischen nebenan Sudoku spielen und durch die Zeitschriften der Stadtbibliothek blättern, die sich frei zugänglich in einem hohen Regal stapeln. Die Kaffeemaschine zischt, hier und da schnappt man Gesprächsfetzen aus dem Stimmengewirr auf.
Tief über ihre Notizbücher gebeugt, diskutieren zwei Kolleg*innen über Virginia Woolf, Heidegger und Wittgenstein, einen Tisch weiter wird Japanisch gesprochen. Hier sitzt eine Gruppe Freundinnen zusammen, in der Halle E seien sie heute zum ersten Mal. Ob sie wiederkommen würden? Sie nicken alle gleichzeitig.
Etwas abseits des Delis tippt ein junger Mann in seinen Laptop. Immer wieder schweift sein Blick über die Halle. Kemal ist Biologe, zum Arbeiten komme der 30-Jährige regelmäßig in die Halle E: mal in die Stadtbibliothek, mal für einen Kaffee ins Deli. „Ich mag es, dass man hier einfach sein darf, auch zum Nichtstun“, sagt er lachend und klappt seinen Laptop zu. Immer wenn er hier sei, komme er mit Menschen ins Gespräch: „Es ist ein Raum für alle.“
Charmante Mischung
Im Café verkauft Laura Petrone gerade die letzte Butterbreze, um den Tresen herum spielen Kinder Verstecken, Mütter schieben ihre Buggys durch die Halle. Ein Stockwerk darüber sitzen junge Menschen an ihren Laptops, jemand spielt Klavier. Draußen auf dem Hof werden die Schatten langsam länger – der Style ist von bunt zu Schwarz gewechselt. Besucher*innen eines Klassik-Konzerts strömen in Karawanen von der Bushaltestelle gegenüber in Richtung Halle E.
Zu den Kaffeetassen gesellen sich nun auch Weingläser. Zwischen Betonwänden und Bücherregalen mischt sich das Publikum. Während manche flanieren und sich vor dem Konzert schnell den Lippenstift nachziehen, sitzen andere nach dem Lernen noch in Grüppchen zusammen. Vor einem der Eingänge steht ein Verkäufer des Straßenmagazins „BISS“.
Laura Petrone hat jetzt Feierabend – jedoch nicht, ohne verabschiedet zu werden. „Ci vediamo!“, ruft eine Gruppe junger Frauen ihr im Vorbeigehen zu: Wir sehen uns.
Essen & Trinken im Gasteig HP8
Text: Ella Rendtorff