Dreiviertelblut und die Münchner Symphoniker: Ein watteweiches Raumschiff
Gemeinsame musikalische Pfade: Die bayerische Band Dreiviertelblut und die Münchner Symphoniker verbindet seit zehn Jahren eine Freundschaft und gute Zusammenarbeit. Wenn die 60 Musiker*innen gemeinsam auf der Bühne spielen, entstehen magische Momente. Über dieses besondere Projekt und ihre bevorstehende Reise zum Mond in der Isar philharmonie berichten Komponist und Musiker Gerd Baumann und Jakob Haas, Cellist bei den Symphonikern.
Die eigene Musik in Worte zu fassen, ist schwierig. Besonders wenn man sie wie Gerd Baumann selbst komponiert hat. Der renommierte Musiker und Filmmusik-Komponist beschreibt deshalb lieber, wie es war, als seine legendäre bayerische Band Dreiviertelblut das erste Mal mit den Münchner Symphonikern zusammenspielte. Das war vor zehn Jahren im Prinzregententheater, das Konzert markiert den Anfang einer lang jährigen Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Orchester.
2016 ließen sich die beiden Formationen auf ein gemeinsames Abenteuer ein und schufen einen Abend, der allen Beteiligten unvergessen blieb und auf einem Album verewigt wurde. Er hätte nervös die Bühne betreten und sei total über rascht über das gewesen, was dort passierte, erzählt Baumann: „Es war, als würde man ein watteweiches Raumschiff besteigen. Wir sind da durchgetragen worden, genauso berührt wie das Publikum von der zauber haften und wunderschönen Energie, die entfesselt wurde.“
Musikalische Welten verschmelzen
Auch wenn man den Zauber des Anfangs nicht wiederholen kann, beginnt er doch mit jedem Konzert wieder von Neuem. In den vergangenen Jahren gab es mehrere gemeinsame Auftritte, unter anderem auf dem Königsplatz und in der Isarphilharmonie zur Fußball-EM vor zwei Jahren, sowie einen Dokumentarfilm. Was passiert, wenn die unterschiedlichen musikalischen Welten aufeinandertreffen? „Wir sind zwei Klangkörper, die bestenfalls ver- schmelzen und zusammen Musik machen“, so Baumann. Die Zusammenarbeit sei von der damaligen Intendantin der Symphoniker Annette Josef initiiert worden und dann „ganz organisch gewachsen“, erzählt der Komponist, der vorher schon öfter für diverse Filmmusiken mit dem Orchester zu tun hatte. Von Anfang an spannte Baumann, der auch Komposition für Film und Medien an der Münchner Musik hochschule lehrt, seine Studierenden und Ab solventen für die Orchesterarrangements ein.
Von Beginn des Projektes an dabei war auch Jakob Haas, Orchestervorstand und Cellist der Münchner Symphoniker. Diese sind bekannt für ihre Kollaborationen mit unter schiedlichsten Künstler*innen und Genres, doch auch Haas betont die große Wertschätzung, die das Crossover-Projekt bei den Kolleg*innen genießt. Die Konzerte mit Dreiviertelblut hätten eine stimmige und inspirierende Form, wie er findet: „Es kommt vor, dass man als Orchester nur der Steigbügelhalter der Solokünstler*innen ist – bei diesem Projekt ist das nicht der Fall. Hier sind wir eine große Band aus 60 Musiker*innen. Das Orchester ist nicht Erfüllungsgehilfe, sondern künstlerischer Bestandteil des Projekts.“ Auch Baumann schätzt bei den Symphonikern die freundschaftliche und kreative Atmosphäre. Früher mit Olivier Tardy, jetzt mit Gregor Mayrhofer als Dirigent, der als Komponist und künstlerischer Leiter des Hidalgo-Festivals selbst ein musikalischer Grenzgänger ist.
„In Zeiten wie diesen, in denen der Weltuntergang sich so nahe anfühlt, ist das Album ein Appell gegen das Kopf-in-den-Sand- Stecken.“
Den Kopf raus aus dem Sand
Am 9. Juni treten die Münchner Symphoniker und Dreiviertelblut in der Isarphilharmonie auf. Zu erleben sind neue Orchesterarrange ments der aktuellen Dreiviertelblut-Platte „Prost Ewigkeit“ und beliebte Klassiker der Band. Zum gewohnt düster-sarkastischen Ton mischen sich neuerdings hellere, optimistischere Klänge und Texte. „Das Album ist ein Protest, der darin liegt, Gutes zu schaffen, Gutes zu denken und in die Zukunft zu projizieren, weil alles andere Resignation gleichkäme“, sagt Baumann über seine neuen Songs, die in Zusammenarbeit mit dem Sänger Sebastian Horn entstehen. „Manchmal bleibt einem aber auch nichts anderes übrig, als in eine Art Sarkasmus zu flüchten.“ Oder auf den Mond, wie es der gleichnamige Song „Aufn Mond“ vorschlägt. Darin wird aufgerufen, die Koffer zu packen und die Erde zu verlassen, weil es dort zu viele durchgeknallte Menschen gibt.
Realitätsflucht durch Musik? „Zumindest in eine andere Realität, in die Welt der Musik, in der ich mich gerne aufhalte“, so der Komponist, der sein erstes Streichquartett im ehemaligen Konservatorium im Haidhauser Gasteig schrieb und sich nun auf die tolle Akustik in der Isarphilharmonie freut. Cellist Haas tritt zum ersten Mal auch als Veranstalter des Konzerts auf und betont den Farbreichtum des Programms: „Ich freue mich auf den Zauber, der entsteht, wenn wir uns auf eine musikalisch so abwechslungsreiche und spannende Reise begeben.“
10 Jahre Dreiviertelblut und Münchner Symphoniker
JubiläumskonzertText: Anna Steinbauer