Feministischer Wake-up-Call
Wie drei junge Frauen aus Norwegen die stark männlich geprägte Black-Metal-Szene mit ihrer Girlband aufmischen, zeigt der Film „Hex“ von Maja Holand. 2022 schließen drei Künstlerinnen einen Pakt: Innerhalb von drei Jahren wollen sie ein Musik- projekt auf die Beine stellen, sich als Frauen nichts mehr gefallen lassen und mithilfe der Magie der Musik die Hexen in sich selbst erwecken. Sie gründen die Band Witch Club Satan – ohne musikalische Vorkenntnisse und ohne Instrumente spielen zu können. Ihre Intention: einen feministischen Wake-up-Call zu starten und vermeintliche gesellschaftliche Normen infrage zu stellen.
Ihre wilden Performances mit markigem Geschrei, viel Blut, nackter Haut und aufrüttelnden Texten zeigen Wirkung: Nach einer Handvoll Auftritten spielt Witch Club Satan als Headliner-Band auf einem norwegischen Musikfestival. Die Doku verfolgt die Karriere der Musikerinnen, deren Lebensprojekt es geworden ist, andere Frauen zu empowern und ihre Stimmen gegen Diskriminierung und für die Freiheit zu erheben
Blind im Rampenlicht
Im Projektor ist auch das Porträt des musikalischen Duos „Amadou et Mariam“ zu sehen. Die Doku zeigt die außergewöhnliche Karriere eines blinden Paares aus Mali, das sämtliche Barrieren überwindet, um seinen Traum vom selbstbestimmten Musiker*innenleben zu verwirklichen. Amadou und Mariam lernen sich in den 1970er-Jahren am Blindeninstitut in Bamako kennen und beginnen, gemeinsam Musik zu machen. Diese spricht vielen aus dem Herzen und macht die beiden schon bald über Afrika hinaus bekannt.
Die Doku von Ryan Marley begleitet das Paar bei den Aufnahmen zu ihrem letzten gemeinsamen Album und zeigt anhand von Interviews, Archivbildern und Konzertaufnahmen mit Musikgrößen wie Manu Chao oder Coldplay die ganze Vielfalt ihres Schaffens. In Amadous und Mariams Liedern geht es oft um die dunklen Seiten von Ignoranz und ihre Herausforderungen als blinde Menschen. Aber auch um Hoffnung und Stärke, die aus dieser Erfahrung wächst.
Frei durch Musik
Mit dem Spannungsfeld zwischen Freiheit und Unterdrückung beschäftigt sich auch der Dokumentarfilm „Celtic Utopia“ von Dennis Harvey und Lars Lovén. Irische Musiker*innen zeigen darin, wie Musik die Widersprüche der Insel mit der Sehnsucht nach einem vereinten Irland verbindet. Die Geschichte des Landes ist geprägt von kolonialen Narben, religiösen Spannungen und kultureller Unterdrückung. „Die Gewinner schreiben Geschichte, die Verlierer die Songs“, bringt es eine junge Frau in der Doku auf den Punkt. Der poetische Film feierte seine Premiere beim Locarno Film Festival und besingt die raue Schönheit des Landes, die eine besondere Magie birgt.
Neue Musik
Eine Magie ganz anderer Art entfaltet die Klangwelt von „Ensemble Modern – Why we play“. Regisseur Thomas Schütte begibt sich damit auf eine audiovisuelle Reise in die Welt der Neuen Musik und stellt eines der weltweit besten internationalen Neue-Musik-Kollektive vor. 18 gleichberechtigte Musiker*innen spielen zusammen in einem Kammerorchester und erzeugen erstaunliche, teils gewöhnungsbedürftige und unglaubliche Klänge oder Geräusche. Musiker*innen übersetzen im Probenprozess, was Komponist*innen sich ausgedacht haben. Dabei wird das Klavier mitunter als Schlaginstrument mit Reissack, Klangschalen oder Schlägeln traktiert oder mit einem Bogen auf den Geigenseiten gekratzt. Auch diese Doku lässt spüren, wie Musik unterschiedlichste Menschen, Räume und Herkünfte miteinander verbindet.
Das DOK.fest München im Gasteig HP8
Text: Anna Steinbauer