Die Piano-Revolution: Sofiane Pamart
Der Pianist Sofiane Pamart bricht mit gängigen Vorstellungen. Er gehört zu den zehn meistgehörten Klassikinterpreten, arbeitet mit Rappern zusammen und präsentiert sich in Haute Couture. Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris spielte er John Lennons „Imagine“, während sein Klavier kontrolliert in Brand gesetzt wurde. Seine Musik ist eine ungewöhnliche Mischung aus Klassik mit Pop-Elementen. Wogegen rebelliert der selbst ernannte Piano King?
Sofiane Pamart, sind Sie ein Klassik-Rebell?
Für mich geht es nicht um Rebellion, sondern um Ehrlichkeit. Ich bin in Hellemmes, in der Nähe von Lille, aufgewachsen. Meine Welt drehte sich um Hip-Hop, traditionelle marokkanische Musik, alte französische Chansons und elektronische Musik. Wenn ich mich ans Klavier setzte, hatte ich all das dabei. Und so ist es heute immer noch. Ich habe nie beschlossen, anders zu sein als andere klassische Musiker*innen – ich habe nur nie versucht, es ihnen gleichzutun. Ich arbeite mit Künstler*innen zusammen, weil ich ihre Welten liebe. Ich vermische Genres, weil es zeigt, wer ich bin. Ich ziehe an, was ich anziehe, weil ich so bin. Das Klavier verlangt nicht, dass man sich einer Gruppe zuordnet – das tun die Menschen.
Was bedeutet für Sie Rebellion?
Neugierig zu bleiben, während ringsum alles die Wiederholung belohnt. Ich rebelliere gegen den Autopiloten. Gegen die Vorstellung, dass man etwas, nur weil es einmal funktioniert hat, immer wieder genauso macht. Jedes meiner Alben muss mir ein wenig Angst einjagen – damit ich über mich selbst hinauswachse.
Was bedeutet Ihnen Ihre Musik, und was möchten Sie damit ausdrücken?
Meine Musik ist ein handgeschriebenes Tagebuch. Jedes Stück bewahrt einen bestimmten Moment – eine Stadt, ein Gesicht, ein Gefühl. Ich möchte keine Botschaft vermitteln. Wenn jemand Stücke wie „Planet“, „Letter“ oder „Noche“ von mir hört, möchte ich, dass diese Person an einen inneren Ort gelangt, den sie vielleicht schon lange nicht mehr betreten hat.
Muss man als Künstler*in eine Marke sein und Erwartungen erfüllen?
Künstler*innen müssen klar sein. Klarheit entsteht dadurch, dass man weiß, wer man ist. Ich habe eine visuelle Welt, eine Art, meine Musik zu präsentieren, treffe Entscheidungen darüber, wie ich auftrete – aber nichts davon beginnt mit Marketing. Es beginnt mit Geschmack. Mit Instinkt. Marketing verstärkt diese Elemente. Ich denke gerne strategisch, weil es etwas viel Tieferes trägt, etwas, das mir sehr viel bedeutet.
„Man setzt sich, legt die Hände auf die Tasten – und plötzlich ist man konfrontiert mit Geduld, Disziplin, Emotion, Verletzlichkeit. Mit allem, was zählt, und dem wir sonst ausweichen.“
Sie sprechen von einer „Piano-Revolution“ und wollen Ihr Instrument neuen Schichten zugänglich machen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil mir das Klavier etwas beigebracht hat, das nichts mit Musik zu tun hat: auf mich selbst zu hören. Und das ist nicht nur Musiker*innen vorbehalten, sondern eine Lebenskompetenz. Wenn ich von Piano- Revolution spreche, meine ich Folgendes: Das Klavier ist ein Ausgangspunkt. Man setzt sich, legt die Hände auf die Tasten – und plötzlich ist man konfrontiert mit Geduld, Disziplin, Emotion, Verletzlichkeit. Mit allem, was zählt, und dem wir sonst ausweichen. Das möchte ich mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Nicht, um Pianist*innen zu akquirieren, sondern um Menschen zu ermutigen, sich selbst ein Stück besser zu verstehen. Musik zu hören, nach innen zu reisen, kann denselben Effekt haben: Es hilft dir, anders auf deine Umgebung zu blicken – und Schönheit in Dingen wahrzunehmen, an denen du früher einfach vorbeigegangen bist.
Text: Anna Steinbauer