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Beleben statt betonieren: Pfarrer Rainer Maria Schießler über Rituale

Er arbeitete als Kellner auf dem Münchner Oktoberfest, hält Motorradgottesdienste und segnet als katholischer Pfarrer auch homosexuelle Paare. Rainer Maria Schießler scheut den Auftritt vor Publikum nicht – ob in der eigenen Kirche oder in der Isarphilharmonie, wo er am 14.12. aus der Weihnachtsgeschichte nach Ludwig Thoma liest. Im Gespräch erzählt er, welche Bedeutung Rituale für unsere Gemeinschaft haben, und verrät seinen intimsten Moment in der Heiligen Nacht.

Portrait von Pfarrer Schießler mit verschränkten Armen
Copyright: MünchenEvent

Rainer Maria Schießler, wo begegnen Ihnen Rituale im Alltag?

Es gibt eigentlich kein Lebewesen, das ohne Rituale lebt. Ich habe beispielsweise einen Hund, die Pia. Dass sie immer an denselben Plätzen ihr Geschäft verrichtet, ist ein Ritual. Oder ich gehe ins Fußballstadion, dort findet ein Ritual statt, das schon fast liturgieartigen Charakter hat: vom Warm-up über das äußere Erscheinungsbild mit den Trikots bis hin zu den Gesängen. Die sind ja nicht wild durcheinander, sondern das sind Gesänge, die die Mannschaft pushen und aufmuntern wollen oder die zum Trotz sind. Einmal Löwe, immer Löwe. Das sind alles Rituale.

Und wozu sind Rituale gut?

Ob im religiösen, alltäglichen oder säkularen Bereich: Rituale bestimmen uns Menschen. Rituale sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern sie wachsen – das ist die Verbindung zwischen Ritual und Tradition. Das heißt, Rituale können ein Verfallsdatum haben und werden entsprechend ihrer Tradition immer dahingehend überprüft, ob sie noch Lebenswirklichkeit besitzen. Dort, wo das nicht mehr der Fall ist, finden sie nicht mehr statt. Als katholischer Pfarrer bin ich bemüht, unsere Rituale immer wieder mit Leben zu füllen. Die Menschen müssen sie nachvollziehen können. Die Sakramentenspende ist beispielsweise solch ein Ritual. Wenn die betreffende Person, die das Sakrament empfängt oder spendet – zum Beispiel bei der Eheschließung –, nichts spürt, wenn da keine Empathie, kein Gefühl ist, dann ist es ein völlig überflüssiges Szenario.

„Rituale sind nicht eisern und nicht starr, sondern mannigfaltig in ihrer Erscheinungsweise. Rituale möchten beleben und nicht zubetonieren.“

Was für eine Bedeutung haben Rituale für eine Gemeinschaft?

Es gibt Dinge, die kann ich nicht allein tun, die möchte ich teilen. Ich kann zum Beispiel nicht allein feiern. Rituale leben davon, dass sie nur in Gemeinschaft ihre volle Wirkung entfalten. Ich kann auch nicht allein trauern. Ich kann traurig sein, aber in dem Moment, wo diese Trauer andere mitergreifen kann, wird die Trauer etwas Handfestes. Wieso gehen wir an Allerheiligen auf den Friedhof? Wir könnten es jeden Tag tun, wir tun es aber genau an diesem Tag, weil es ein Ritual geworden ist. Dass viele Menschen an Weihnachten in die Kirche kommen, heißt, dass ich diese Gemeinschaft miteinander leben will.

Also gibt es eine Sehnsucht nach Gemeinschaft?

Ich kann das schönste Konzert zu Hause mit bester Hi-Fi-Qualität aus der Stereoanlage anhören. Ich gehe aber in den Gasteig. Es gibt Filme, die kann ich nur im Kino anschauen, weil ich das Drumherum brauche, weil ich mit anderen lachen oder bestürzt sein will. Wieso sagt jede Schauspielerin, die Bühne ist eben was anderes als der Film? Auf der Bühne hast du nur einen Schuss frei.

Ein Weihnachtsbaum, davor stehen Menschen mit Instrumenten in bayerischer Tracht.
Musikalisch begleitet wird die Weihnachtsgeschichte durch den Werdenfelser Dreigsang und die Familienmusik Elisabeth Rehm. Copyright: Carpe Artem

Sie sind also ein Bühnenmensch?

Auf jeden Fall. Jeder Gottesdienst in der Kirche ist ein Live-Event. Er wendet etwas von innen nach außen. Wenn ein Gottesdienst keine gute Unterhaltung ist, werde ich nicht mehr hingehen. Dann frage ich mich, wieso verbringe ich meine Lebenszeit hier? Der Pfarrer muss die Welt nicht neu erschaffen, keine Saltos machen und keinen Striptease hinlegen. Ich muss nur merken: Der ist mit mir unterwegs, der sucht wie ich, der hat keine fertigen Antworten, der ringt um die Wahrheit.

Sie lesen am 14.12.25 die Weihnachtslegende nach Ludwig Thoma in der Isarphilharmonie. Wie kam es dazu?

Ich wurde schon mal gefragt, ob ich das machen will. Als ich mir dann vor drei Jahren den Fuß gebrochen habe und acht Wochen im Rollstuhl saß, habe ich Ludwig Thoma gelesen. Mich hat der Thoma in seiner Widersprüchlichkeit immer schon interessiert, einerseits die antisemitischen Hetzschriften und auf der anderen Seite dann diese „Heilige Nacht“, wo ich mir dachte, wie kommt der auf so was. Ich habe zugesagt und im letzten Jahr schon ein paar Mal gelesen. Da bin ich dermaßen auf den Geschmack gekommen, weil das mit meiner Arbeit zusammenhängt: Das ist für mich eine ganz spezielle Form der Verkündigung.

Heilige Nacht mit Pfarrer Rainer Maria Schießler

Eine Weihnachtslegende nach Ludwig Thoma

Was mögen Sie besonders an Ludwig Thomas Weihnachtserzählung?

Die Stelle, an der Josef völlig verzweifelt ist, als er wieder an der Tür abgewiesen wird – da könnte ich fast anfangen zu heulen. Da steht er vor seiner Maria, bekommt ganz feuchte Augen und schämt sich in Grund und Boden vor seiner Frau. Er sagt nur: „Maria, ich weiß mir nicht mehr zu helfen.“ Und sie, die kurz vor der Niederkunft steht, fängt ihn mit diesen wenigen Worten auf: „Geh’ Josef, so arg ist die Sache doch nicht.“ Dieser Satz, wo du merkst, der Ton macht die Musik. Dass dieser Josef schwach sein darf, dass er nicht der Manager ist, sondern der Gebeutelte und nicht immer alles im Griff hat – das ist für mich der intimste Moment in der „Heiligen Nacht“.

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