Zum Hauptinhalt springen

Backstage: Die Geigerin Clarissa Bevilacqua

Clarissa Bevilacqua war erst neun Jahre alt, als sie in Chicago ihr Debüt vor 10.000 Leuten gab. Die Geigerin ist 2001 in Italien geboren, in den USA aufgewachsen und gerade dabei, die großen Bühnen der Welt zu erobern. Beim Gasteig-Interview steht sie zum ersten Mal in der Isarphilharmonie und ist beeindruckt vom Saal. Welches Ritual sie vor ihrem Auftritt pflegt und warum sie ihre Geige als männlich bezeichnet, verrät sie im Interview.

Portrait von Clarissa Bevilacqua. Sie trägt ein rotes Gewand und sitzt auf einem schwarzen Sessel. Neben ihr lehnt ihre Geige.
Copyright: Davide Cerati

Clarissa, wie geht es dir damit, vor Tausenden Menschen Geige zu spielen?

Für mich ist das ein Gefühl, das ich mein ganzes Leben lang gesucht habe – dieses Adrenalin, dieses Gefühl, wirklich lebendig zu sein. Ich bin kein Adrenalinjunkie im eigentlichen Sinn, aber wenn es um Live-Auftritte geht, dann bin ich das zu hundert Prozent. Ich bin fast süchtig danach, und je mehr Menschen im Publikum sind, desto unglaublicher wird es. Freddie Mercury hat sinngemäß einmal gesagt: „Wenn du weißt, dass du die Aufmerksamkeit des Publikums hast, kannst du keine Fehler mehr machen.“ Das habe ich schon ein paar Mal in meinem Leben gespürt – und genau dann wird mir klar, dass all die harte Arbeit sich wirklich lohnt.

Würdest du dich auf der Bühne eher als Nervenbündel oder Rampensau bezeichnen?

Hoffentlich eher keins von beidem. Ich bin immer ein bisschen aufgeregt im positiven Sinne, weil ich natürlich einen guten Auftritt hinlegen möchte. Jede Konzerthalle ist anders, oft sind wir Künstler*innen müde oder auch voller Adrenalin. All das hat darauf Einfluss, wie es mir geht. Im Allgemeinen würde ich mich auf der Bühne nicht als jemanden bezeichnen, der sich in den Vordergrund stellt. Ich erlebe es vielmehr als einen sehr intimen Moment zwischen mir, dem Publikum und dem Orchester. Es fühlt sich einfach wie zu Hause an.

Hast du ein besonderes Ritual bevor du auf die Bühne gehst?

Ja, habe ich tatsächlich. Ich nehme mir ein paar Stunden vor dem Auftritt Zeit, um mein Make-up zu machen. Das mag vielleicht albern wirken, aber es beruhigt meine Nerven und hilft mir, mich auf die kleinen Details zu konzentrieren: einfach zu atmen und diesen Prozess des Sich-fertig-Machens für das Konzert zu genießen. Wenn ich vor einem Konzert nervös bin, zittern meine Hände ein bisschen. Aber sobald ich mit dem Make-up anfange, ist alles gut.

Portrait der Geigerin Clarissa Bevilacqua
Copyright: Davide Cerati

Was sollte im Backstage-Bereich nie fehlen?

Ein Steamer für meine Kleider! Ich reise viel, und in meiner Tasche ist immer eine Menge Zeug, da werden meine Kleider schon mal ein bisschen zerknittert. Deshalb freue ich mich wirklich, wenn es hinter der Bühne einen Steamer gibt.

Und auf der Bühne: Mit wem würdest du gerne mal auftreten und warum?

Es gibt so viele Menschen, zu denen ich aufschaue. Ich hatte schon die Gelegenheit, mit einigen meiner größten Idole zu spielen. Aber was ich mir wirklich wünschen würde, wäre, einmal mit meiner Mentorin Antje Weithaas zu musizieren – sie ist eine unglaubliche Kammermusikerin.

Welche Rolle spielt die Geige in deinem Leben?

Ich bin ein Einzelkind, deshalb sehe ich meine Geige definitiv als eine Art Lebensbegleitung und Konstante in meinem Leben. Sie ist einfach das Größte für mich. Wir sind sehr eng miteinander verbunden und üben jeden Tag zusammen. Meine aktuelle Geige ist wunderschön gemasert, sie wurde erst vor Kurzem für mich gebaut und fertiggestellt. Ich fühle mich sehr privilegiert, sie spielen zu dürfen. Ich würde sagen, unsere Beziehung wächst zusammen: Ich entwickle mich als Geigerin, und sie – oder besser gesagt, er – wächst als Geige. Wir entdecken gemeinsam wunderschöne Konzertsäle und Stücke.

Warum sagst du „er“, ist deine Geige männlich?
(lacht) „Er“ hat auf seine Weise einen besonders klaren Klang. Ich habe schon andere Geigen gespielt und bei ihnen oft eher feminine Aspekte gespürt: sehr hohe Töne, sehr schöne, klare Klänge. Meine aktuelle Geige fühlt sich ein bisschen lässiger und zurückhaltender an, daher empfinde ich sie eher als „er“.

Text: