Atemlos durch die Nacht: Die große Drag-Nacht im Gasteig HP8
München feiert die Drag-Kunst: Das Festival „go drag! munich 2026“ zeigt eine Welt voller Glitzer und Widerstand, in der Geschlechtergrenzen durchbrochen und auf den Kopf gestellt werden. Bei der großen „Gasteig-go-drag!-Nacht“ am 12.6. zeigt sich beim Impro-Comedy-Rollenspiel „Pen‘n’Perry“ und bei der „Powerhouse“-Show mit spektakulärem Drag-Wrestling aus Wien und einer finnischen Drag-King-Boyband, wer am meisten Ausdauer hat. Was Wrestling und Drag verbindet und woher all die Energie dafür kommt, verrät Drag-King Eric BigClit.
Glitzer und Schweiß
Der Glitzer der queeren Drag-Szene stößt beim „go drag! munich 2026“ im Gasteig HP8 auf den Schweiß des Kampfsports Wrestling – wie passt das zusammen? „Auf den ersten Blick prallen da zwei Welten aufeinander“, erklärt Eric BigClit, österreichische*r Performer*in, Entertainer*in, Aktivist*in. „Und doch ergibt das alles Sinn: Bei beidem geht es um Show, Rollenklischees, Körperlichkeit. Männlichkeit wird parodiert und dekonstruiert. Und Ziel ist dabei immer das Entertainment des Publikums.“
Wrestling ist inszenierter Kampf: Parts wie „Gut“ und „Böse“ sind genauso vorher festgelegt wie der ungefähre Ablauf und auch der Ausgang der „Story“. Alle Kämpfer*innen dürfen eigene Charaktere entwickeln – Superheld*innen oder fiese Schufte. Ziel ist aber nie, das Gegenüber ernsthaft zu verletzen. „Wrestling ist rough und schon auch mal schmerzhaft“, erklärt Eric BigClit, „aber man macht das einvernehmlich, respektvoll und – auch wenn es die Zuschauenden während des Kampfes nichtsehen sollen – eigentlich als Team.“
Dieses Teamgefühl sei eine große Bereicherung für Drag-Performer*innen, so Eric. „Als Drag-Künstler*in lebe ich andere Identitäten aus, übertreibe sie oder erfinde sie neu. Aber meist stehe ich dabei komplett allein auf der Bühne. Das kann sehr einsam sein. Beim Wrestling stemmen wir die Show gemeinsam.“ In der Halle E wird die Wrestling-Crew zudem von der finnischen Drag-King-Boyband Out of Sync begleitet, die mit nostalgischen Playback-Performances für Atempausen zwischen den Schaukämpfen sorgt.
Ausdauer und langer Atem
Die Ästhetik, die in der Drag-Szene dank aufwendiger Kostüme und künstlerischen Make-ups sehr oft im Fokus steht, wird im Ring buchstäblich verwischt: „Da stehst du ewig vor dem Spiegel und schminkst dich kunstvoll. Und dann kommt eine*r daher und haut dir beim Raufen in die Goschn, wie wir in Österreich sagen.“ Eric lacht. „Drag-Wrestling verweilt nicht beim Schönen, Oberflächlichen. Es geht eine Ebene tiefer – in die totale Körperlichkeit.“ Das ist anstrengend und benötigt eine Menge Ausdauer.
Richtiges Hinfallen, ohne sich zu verletzen, und effektive Abwehr funktionieren nur, wenn der Körper gut trainiert ist. „Das hilft mir auch im richtigen Leben“, stellt Eric fest. „Wenn ich aufgrund meiner Queerness angefeindet oder angegriffen werde, kann ich mich jetzt wehren. Das gibt mir Sicherheit.“
„Drag-Wrestling ist für mich auch eine Form von Selbstermächtigung. Wir schaffen uns eine bestimmte Form von ,Here I am' und gestalten diesen Kampf gegen Vorurteile und Klischees selbst.“
Einen langen Atem brauche man nämlich nicht nur beim Kampfsport, sondern auch im Alltag als Drag-Künstler*in. „Uns werden so viele Kategorien auferlegt: Geschlecht, Herkunft, Klasse, Körperform … Und wenn die Gesellschaft sagt: So was wie du hat keinen Platz bei uns, dann macht das was mit einem.“ Die Masse sei leicht zu instrumentalisieren, wenn es um Angstthemen gehe, weiß Eric als studierte*r Sozialarbeiter*in aus eigener, teils bitterer Erfahrung. „Man landet auf AfD-Plakaten oder wird bedroht, weil man als Drag-King Kinderlesungen gibt. Um so etwas auszuhalten, braucht man Ausdauer.“
Denn bei allen politischen Messages soll Drag-Wrestling vor allem Spaß machen und mitreißen. „Für das Publikum ist der Platz um den Ring ein Raum der Transformation: Alle dürfen ihre Emotionen rauslassen. Deswegen wird zu Beginn eines Battles erklärt, wie man korrekt schimpft. Ein Beispiel sei das Wort „Arschloch“: „Das geht immer, das ist nichts Persönliches, Beleidigendes. Auch alle Buhs sind erlaubt!“ Emotionale Bildung ohne Zeigefinger nennt Eric das. „Ich sage gerne: Wenn ihr eine Scheißwoche hattet, könnt ihr das hier rauslassen!“ Dieses aktive Mitmachen feiert das Publikum beim Wrestling besonders. „Gemeinsames Schreien, Anfeuern und Mitfiebern schweißt unglaublich zusammen. Je diverser das Publikum, desto mehr Brücken werden dabei gebaut.“ Die Künstler*innen im Ring zehren davon und tanken genau dadurch wieder auf.
Rollenspiel in Drag
Um Interaktion geht es auch bei einem besonderen Event, das die Nacht eröffnet. Bevor das „Powerhouse“ durch die Halle E tobt, lädt Drag-King Perry Stroika als Game-Master zu „Pen‘n’Perry“ mit einer Mischung aus Drag und interaktiver Improv-Comedy in den Projektor. Beim beliebten Pen-and-Paper-Rollenspiel „Dungeons and Dragons“ treten Drag-Artists als Player*innen auf, deren Schicksale vom Würfel und vom Publikum bestimmt werden. Die Gemeinschaft macht’s, so Eric BigClit: „Ich liebe diese Crowd-Work. Wenn der Raum tobt, dann kriegt man auch als Artist eine ganze Menge Energie zurück.“
Die große Drag-Nacht im Gasteig HP8
Text: Melanie Brandl