Wie wichtig ist für dich als Klarinettistin ein langer Atem?
Den brauche ich, um durchzuhalten! Und um den großen Bogen, der sich in so einem Musikerinnenleben spannt, aufrechtzuerhalten. Als Bläserin muss ich schauen, dass ich genug Luft habe. Da ist es von Vorteil, sich sportlich zu betätigen, um den Lungenmuskel zu trainieren. Das ist auch für den Adrenalinspiegel gut. Wenn man zum Beispiel vor einem Solo einen höheren Puls bekommt, kriegt man den auch ganz schnell wieder runter, wenn man ein bisschen trainiert ist. Man ist dann fokussierter und kann sich mehr auf die Luftführung konzentrieren.
Und wie trainierst du deine Lunge?
Zum einen durch Töne aushalten am Instrument oder auch mit Ausdauersport. Ich trainiere regelmäßig, meistens mit Musik auf den Ohren. Und dann natürlich lange Spaziergänge, auch mal Joggen im Freien. Ich wohne auf dem Land, da geht das einfacher.
Was für einen Einfluss hat denn der Atem auf das Spielen?
Ein stabiler Sitz ist schon mal sehr wichtig zum Spielen, sodass man sich richtig erdet auf seinem Stuhl. Dann versuche ich, ganz tief zu atmen. Das hat sogar ein bisschen was Meditatives: Man ist einfach ganz bei sich, atmet und schöpft den Lungenmuskel bis ins Kleinste aus und arbeitet gleichzeitig auch viel mit dem Zwerchfell. Luft ist alles. Mit der Luft steht und fällt das Spielen, wir sprechen, wir singen – das passiert alles mit Luft. Der Ton beginnt erst mal oben am Mundstück, und mit einem Blättchen verteilt er sich dann.
Im Gegensatz zu den Bläser*innen, müssen Streicher*innen keine Luft holen …
Ja, aber die beste Musik entsteht, wenn wir alle gemeinsam atmen, auch mit den Streicher*innen zusammen. Gute Dirigent*innen lassen uns die Zeit dafür oder geben den Impuls dazu, dass man eine kurze Zäsur miteinander macht.
Wie funktioniert das Atmen dann mit so vielen Menschen?
Das ist ein Mysterium. Es hängt auch damit zusammen, dass wir uns alle sehr gut kennen und uns aufeinander verlassen können. Die Dirigent*innen atmen dann mit uns, und es entsteht ein kollektives Spüren und Atmen – und das funktioniert! Ein Gleichklang, quasi wie ein gemeinsamer Herzschlag.
Wofür brauchst du denn sonst noch einen langen Atem in deinem Job?
Ich bin im Moment Orchestervorständin. Wir sind zu dritt und vom Orchester als Vertreter*innen gewählt. Wir sind viel im Dialog mit unserem Management und den Dirigent*innen und kümmern uns um Sorgen, Nöte und Probleme, die von den Kolleg*innen an uns herangetragen werden. Das bezieht sich hauptsächlich auf künstlerische Dinge – für Personalgeschichten haben wir einen Personalrat, mit dem wir auch eng zusammenarbeiten. Die Aufgabe macht sehr viel Spaß, kostet aber auch Kraft. Aber ich habe es bisher geschafft, die Bereiche gut zu trennen, wenn ich auf meinem Platz sitze und Klarinette spiele. Ich habe mir eine Grenze gesetzt: Etwa eine Stunde vor dem Konzert bin ich nicht mehr als Orchestervorstand ansprechbar, nur noch als Musikerin Alexandra.
Mozartkonzerte gelten für Bläser*innen als große Herausforderung. Du spielst im Juni als Solistin das einzige Klarinettenkonzert von Mozart. Wie wird das?
Üblicherweise gehört das Mozartkonzert zumindest in Teilen immer zur Anforderung bei Probespielen. Es als Ganzes spielen zu dürfen, ist immer eine Riesenfreude. Ich darf es mit Zubin Mehta spielen – eine der Kronen auf meiner Klarinettenlaufbahn, ich freue mich wahnsinnig darauf. Diese Musik ist unglaublich, Mozart hat es für seinen Freund, den Klarinettisten Anton Stadler, geschrieben. Deswegen ist es wirklich etwas ganz Besonderes. Es ist schlicht, das macht es aber nicht einfach zu spielen, und dann ist auch viel verrückt Mozart’sches mit drin, wie schnelle Läufe. Die Musik enthält alles, um zu zeigen, was eine Klarinette hergeben kann.
Alexandra Gruber in der Isarphilharmonie
Text: Anna Steinbauer