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Absolut hören

Halb Veranlagung, halb Training: Jannis Rieke hat ein absolutes Gehör. Durch sein präzises Tonhöhengedächtnis kann er auf Anhieb ein A singen und sich neue Stücke durch das bloße Anschauen der Noten aneignen. Der Musiker ist Bratschist bei den Münchner Philharmonikern und unterrichtet an der Hochschule für Musik und Theater München. Warum er bei der Bratsche gelandet ist und wie ihn seine musikalische Gabe beeinflusst, erzählt er im Interview.

Probensituation: Jannis Rieke blickt auf den Notenständer und lächelt, seine Bratsche hat er angesetzt.
Jannis Rieke wollte ursprünglich Sport studieren, kam dann aber zum Masterstudium an der Hochschule für Musik und Theater nach München. Copyright: Co Merz

Jannis, du hast ein absolutes Gehör – was bedeutet das genau?

Meine Eltern haben das bei mir schon relativ früh bemerkt. Wenn mein Vater, der Pianist ist, mir etwas auf dem Klavier vorgespielt hat, habe ich automatisch die richtigen Töne nachgespielt – auch ohne auf die Noten zu schauen.

Kannst du wirklich auf Anhieb ein A singen?

Ja: (singt ein A, zur Überprüfung fehlt der Autorin die Stimmgabel)

Und wie klingt dieser Tisch? (Autorin klopft auf den Tisch)

Das ist ein G. Wenn ich darauf achte, hat alles für mich eine Tonhöhe. Auch wenn jemand zum Beispiel gegen eine Scheibe klopft.

Bist du besonders empfindlich bei Lärm?

Nein. Nur im Musikbereich, wenn das Spielen nicht stabil in der Tonart ist. Ich bin vielleicht sensibler, wenn ich nichtprofessionelle Ensembles oder Chöre höre, die in der Tonlage tiefer werden. Es ist nicht angenehm für mich, wenn etwas zwischen zwei Tonarten schwebt.

Ist das absolute Gehör für dich Fluch oder Segen?

Segen! Weil es mir viel Zeit erspart. Stücke auswendig zu lernen, ist für mich kein Problem, ich brauche noch nicht mal mein Instrument dazu. Es reicht, wenn ich mir die Noten anschaue. Ich kann mir Stücke leicht mental aneignen und brauche sehr wenig Zeit, um sie dann physisch auf dem Instrument zu üben.

Zwei Personen mit einer Bratsche und einem Cello beim Auftritt.
Copyright: Tobias Hase
Eine Gruppe von Streicher*innen beim Konzert.
Jannis Rieke (links) an der Solo-Bratsche mit seinen Philharmoniker-Kolleg*innen. Copyright: Tobias Hase

Dann kannst du auch perfekt vom Blatt spielen?

(lacht) Kommt drauf an, in welchem Tempo. Aber ja, an sich ist bei mir das Vorhören durch das Anschauen der Noten schon da. Bei großen Sprüngen zum Beispiel denke ich nicht groß darüber nach, was ich tue, für mich ist es klar, zu welchem Ton ich gehe. Weil du mich nach dem Fluch gefragt hast: Bei der Barockmusik gibt es die Besonderheit, dass die Instrumente heute anders gestimmt sind, als die Originalnoten es vorgeben. Alles klingt heutzutage einen Halbton höher als ursprünglich notiert. Da müsste ich immer tiefer spielen, als mein Gehör sich die Noten vorstellt. Daher habe ich solche Stücke für mich ausgeschlossen.

Wie ist das beim Zusammenspiel im Orchester? Bringen dich Nuancen raus?

In einem Orchester mit hundert Leuten mischt sich der Gesamtklang am Ende meistens. Und bei einem Spitzenorchester wie den Münchner Philharmonikern gehört es schon dazu, dass die Intonation sehr gut funktioniert. Wenn man in einem Kammermusikensemble spielt, hat jede*r einen Bereich, in dem er*sie gut ist. Bei mir ist es das genaue Hören der Tonabstände, bei anderen vielleicht mehr die musikalische Phrasierung. Was die Intonierung angeht, bin ich sehr empfindlich. Es triggert mich schon, wenn ich merke, dass Personen, mit denen ich zusammenspiele, nicht dasselbe Gespür haben wie ich.

„Es gibt sicherlich auch Menschen mit absolutem Gehör, die nichts mit Musik am Hut haben. Und es deshalb vielleicht auch gar nichtwissen.“

Forscher*innen gehen davon aus, dass das absolute Gehör zum Teil aus Veranlagung und zum Teil durch Training zustande kommt …

Es ist die Mischung. Es gibt ja auch noch das relative Gehör: Menschen mit dieser Fähigkeit können auch Noten erkennen, aber sie brauchen eine Anfangsnote als Ausgangspunkt. Das kann man gut trainieren. Ich denke, dass es insgesamt schon deutlich mehr Leute gibt, die diese Veranlagung haben. Sie wird aber nicht ausgebildet, wenn man keine Musik macht.

Wie könnte es einem im Alltag auffallen, wenn man kein*e Musiker*in ist?

Wenn man zum Beispiel Poplieder, die man aus dem Radio kennt, aus dem Kopf nachsingt. Man könnte sich aufnehmen und dann feststellen, ob man in der gleichen Tonart singt wie die Künstler*innen.

Spielt das Hören bei dir eine größere Rolle als andere Sinneswahrnehmungen?

Natürlich ist das Hören bei mir intensiver ausgeprägt als anderes. Mein Alltag war immer stärker durch akustische Reize geprägt. Mir visuell Dinge vorzustellen, ist nicht meine Stärke.

Porträt von Jannis Rieke vor einer Backsteinwand mit einer Bratsche in der Hand.
Jannis Rieke wurde 1993 in Bremen geboren und stammt aus einer Musiker*innenfamilie. Copyright: Tobias Hase

Stand es für dich früh fest, dass du Musiker werden willst?

Bis ich 19 Jahre alt war, wollte ich auf keinen Fall Musiker werden. Ich habe früh mit Geige angefangen, und das hat mir auch immer Spaß gemacht, aber ich wollte eigentlich Sport studieren. Als ich mir auf einem Orchesterprojekt im Sprunggelenk drei Bänder gerissen hatte und klar war, dass ich die Sportaufnahmeprüfung nicht machen kann, habe ich erst mal Geige studiert, um das Jahr zu überbrücken. Durch den Kontakt und das Zusammenspiel mit anderen Musiker* innen bekam ich so richtig Lust, den Beruf zu ergreifen. Mit dem Wechsel zur Bratsche habe ich die Faszination für dieses Instrument entdeckt.

Was macht die Bratsche so besonders?

Die Klangfarbe. Als ich auf die Bratsche umgestiegen bin, habe ich eine völlig andere Art des Musikmachens für mich gefunden. Da spielt mein absolutes Gehör vielleicht auch eine Rolle: Das Mittelstimmenspiel bei den Bratschen lag mir mehr als die hohen Geigenstimmen, man ist eher das verbindende Element und muss sich einfügen. Vielleicht ist genau das mein Talent. Ich spiele auch viel lieber Kammermusik, als dass ich als Solist auf der Bühne stehe.

Die Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie

Text: