Einmal mitten im Orchester sitzen, der Geigerin auf die Finger und dem Dirigenten über die Schulter schauen: Bei „MKO Inside“ sitzt das Publikum mit den Musiker*innen des Münchener Kammerorchesters auf der Bühne der Isarphilharmonie und taucht in ein ungewöhnliches Klangerlebnis ein. Klassik trifft hier auf Neue Musik, Offenheit und die Lust auf ungewöhnliche Formate.
„Wir haben in unseren Konzertreihen eine Spielwiese gefunden, auf der wir Dinge ausprobieren können, die vielleicht kein anderes Kammerorchester in dieser Bandbreite realisieren kann“, sagt Florian Ganslmeier, der das MKO seit zwei Jahrzehnten leitet. Wie die Welt hat sich das Orchester in 75 Jahren seines Bestehens verändert. Einst als traditionelles Kammerorchester gegründet, änderte sich das Profil Mitte der 1990er-Jahre maßgeblich, indem klassisches Repertoire zeitgenössischer Musik gegenübergestellt wurde. Ein Prinzip, das die Programme des MKO bis heute prägt: „Durch diese Auseinandersetzung wird das Klassische wachgehalten und weiterentwickelt“, so Ganslmeier. Besonders wichtig ist ihm, diesen Gedanken auch in die Musikvermittlung hineinzutragen: „Brücken bauen zu anderen Künsten und Räumen über alle Altersgruppen hinweg ist uns ein Kernanliegen.“
Das MKO besteht aus 28 festangestellten Musiker*innen (mit 15 Violinen, sechs Bratschen, fünf Violoncelli und zwei Kontrabässen) aus 16 verschiedenen Ländern. Das Orchester selbst befindet sich an der Schnittstelle zwischen subventionierter und freier Orchesterlandschaft. Diese Zwischenposition findet Ganslmeier grundsätzlich gut, da das Orchester seinen Musiker*innen eine Festanstellung bieten kann und zugleich die Verbindung zur freien Szene gepflegt wird. Um Kernrepertoires wie Beethoven aufführen zu können, werden nach Bedarf Bläser*innen dazu engagiert. Ein erfolgreiches Modell: Das Kammerorchester tourt weltweit und konnte in den vergangenen Jahren seine Abonnent*innenzahlen in München kontinuierlich steigern.
Ab der Saison 2022/23 wurde auf Anliegen des Orchesters selbst eine grundsätzliche Neuaufstellung gemeinsam mit dem Management beschlossen: Den Chefposten teilen sich drei Dirigenten als „Associated Conductors“ mit künstlerisch unterschiedlichen Profilen – Jörg Widmann, Enrico Onofri und Bas Wiegers. „Das verbindet zwei wichtige Punkte für uns: tiefes Eintauchen in bestimmte musikalische Bereiche und die langfristige Bindung, die eine gemeinsame Entwicklung ermöglicht“, so Ganslmeier. Ein Blick ins Programm verspricht Abwechslung und Vielfalt: Von Auftragskompositionen, immersiven Konzerten mit Videoprojektionen, Komponist*innenporträts in Werkraum-Atmosphäre bis hin zu Schulprojekten.
„Wir freuen uns sehr, als neuer Partner mit an Bord der Gasteig-Familie zu sein, um möglichst in allen Altersgruppen Menschen mit der gemeinsamen Kulturvermittlung gasteigXchange für Kultur zu begeistern.“
Größter Schmerzpunkt für das Orchester ist die Tatsache, dass es schon seit 14 Jahren keinen festen Probenraum hat. Das ist nicht nur eine immense Herausforderung für die Musiker*innen und macht die künstlerische Arbeit viel schwieriger, sondern bedeutet auch einen großen logistischen Aufwand, da Büro und Orchester voneinander getrennt sind. „Ein Orchester braucht wie jeder Kulturbetrieb eine Heimat“, sagt der MKO-Geschäftsführer. Und da kommt der generalsanierte Gasteig ins Spiel, auf dem alle Hoffnungen ruhen. Der „Neue Gasteig“ soll dem MKO als Teil der Gasteig-Familie zukünftig ein Zuhause geben. Das Motto für die Jubiläumssaison lautet „Wonderland“ – in Anspielung auf die Oper „Alice in Wonderland“ von Unsuk Chin.
Ganslmeier sieht das Thema auch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die Politisierung der Musik: „Die Musik braucht ihren Freiraum, um Menschen unmittelbar und auf einer tieferen Ebene zu erreichen – das ist ihre große Kraft. Die Musik muss vielleicht dieses Wonderland sein. Damit ist aber keine Weltflucht oder Ignoranz gegenüber den Ereignissen gemeint, die uns alle umgeben. Als Kulturbetrieb agieren wir ja nicht in einem luftleeren Raum.“ Deshalb ist es ihm auch beim offiziellen Jubiläumskonzert im Juni in der Isarphilharmonie so wichtig, neben Mendelssohns „Reformationssymphonie“ die große Leipziger „Friedenskantate“ von Jörg Widmann aufzuführen.
Münchener Kammerorchester im Gasteig HP8
Text: Anna Steinbauer