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21.04.2021

Vielfalt im Viertel. Nachbarschaftsrunde im Gasteig Sendling

Vielfalt im Viertel. Nachbarschaftsrunde im Gasteig Sendling Ein Besuch in der Halle C. Diese Collage entstand im Rahmen eines fotografischen Langzeitprojekts der Münchner Volkshochschule zum Gasteig-Umzug. © Helmuth Wegmeth

Wir starten unseren Besuch bei künftigen Nachbar*innen in einem alten Industriegebäude, in dem sich einst eine Ankerwickelei befand. Komplexe Spulen für Maschinen wurden angefertigt und gewickelt – heute zieren ausgediente Exemplare die kahlen Flure. Über mehrere Etagen verteilen sich Ateliers, Büros, Proberäume, Werkstätten und Studios. Die erste Verabredung wartet im 3. Stock.

Fred Krueger arbeitet mehrschichtig mit Öl auf Holz.

Lässt viele Schichten wirken:
der Sendlinger Maler Fred Krueger


Fred Kruegers 20 qm »Kabäuschen« ist bis zur Decke gefüllt mit Farbtöpfen und Kunst-Objekten, die er im Laufe von etwa 15 Jahren an diesem Ort erschaffen hat. Kindermöbel, Schießscheiben und sogar Handgranaten finden bei ihm eine kreative Verwendung.

Ein Wort zum Ort?
Die anfänglich gefühlte Bedrohung durch den Gasteig-Einzug ist mittlerweile dem Gefühl eines zeitlich begrenzten Schutzschildes gewichen. Solche Ecken wie hier gibt es im zunehmend cleaner werdenden München immer seltener. Der mit dem  Gasteig-Einzug verbundene Aufwand lässt hoffen, dass unser Quartier längerfristig erhalten wird. Ich bin kein Ewiggestriger, es weht ein guter Wind.

Wie tickt die Nachbarschaft?
Ich bin 1,5 km Luftlinie von hier geboren und wie ein mittelalterlicher Mensch im näheren Umkreis geblieben. Der Genius loci dieses Quartiers ist einzigartig, weil das Areal natürlich gewachsen ist und die Leute hier so vielschichtig sind. Ich tausche mich gerne mit ihnen aus oder gebe mein Radl und  Auto in der  Werkstatt ab. So eng wie in einer WG ist es aber nicht, liegt  vielleicht auch an meiner Eigenbrötlerei, hier in der Abgeschiedenheit des Elfenbeinturms.

Seine Vision wird Wirklichkeit: Clemens Bachmann freut sich auf den Nachbarschafts-Mix.

Freut sich auf das Experiment mit dem  Gasteig:
Architekt Clemens Bachmann


Ausziehen, weil der Gasteig kommt? Nein, ein Miteinander von bisherigen Mieter*innen des Areals und Gasteig müsste doch machbar sein! Auf der Suche nach einer gemeinsamen Lösung hat sich das Team um Clemens Bachmann ein Wochenende lang zusammengesetzt und einfach mal drauflos visionäre Gedanken entwickelt. Für den Architekten rückblickend fast ein Wunder: Idee und Konzept fanden Anklang und werden nun in modifizierter Form direkt vor der Haustür umgesetzt.

Was treibt Sie an?
Es wäre zu schade, wenn so ein Areal kaputt geht, während man woanders versucht, einen ähnlichen Mix künstlich hochzuziehen. Der Reiz liegt gerade in der Kombination: Im Vergleich  zum großen Gasteig sind wir Mieter hier klein und heterogen, die Künstler, der Schreiner oder das Percussion-Duo unter uns, ein bisschen wie das Salz in der Suppe. Aber es gibt viele Schnittstellen und es werden Sachen entstehen, die wir jetzt noch gar nicht abschätzen können. Ich sehe das  Ganze als spannendes Experiment, das  überregional eine unglaubliche Strahlkraft haben wird, weil es aus sich selbst heraus entstanden ist.

Wie geht’s mit der Baustelle direkt vor der Haustür?
Super! Ich schau die ganze Zeit runter, es ist total spannend und wir haben einen guten Kontakt zum Bauleiter, der uns auch schon über die Baustelle geführt hat. Innen in der Philharmonie ist schon alles verkleidet, man riecht schon den Konzertsaal. Wo bald Kultur reinkommt, standen vor  etlichen Jahren riesige Öltanks. Und in der Halle E wurden früher große Trafos repariert; die  Bahngleise, über die sie transportiert wurden, bleiben bestehen. Diesen unglaublichen Wandel finde ich so toll, dass so ein Gelände in seiner Architektur überdauert, aber die Nutzung sich über die Jahre immer wieder ändert. Interessant ist auch, was hier nach dem Gasteig passieren wird. Das neue Kulturviertel sollte auch danach unbedingt bestehen bleiben.

Haben Sie einen Insider-Tipp?
Die Lage ist einfach toll, im Sommer gehen wir oft in der Mittagspause schnell zur  Isar, um zu baden. Der Flaucher-Biergarten ist nicht weit weg, von hier aus sind es nur etwa 10 Minuten zu Fuß. Jetzt kommt mit dem Gasteig noch Kultur und Gastronomie dazu, das wird wunderbar. Wir sind vor sechs Jahren als dankbare Mieter hier eingezogen und wollen noch ganz lange bleiben!

Fünf Minuten dauert ein Reifenwechsel bei Senjak.

Reifen sind Hightech! Der Reifenhändler Dominik Senjak

Mitten im Gasteig-Ausweichquartier betreibt Dominik Senjak Reifenhandel. In über 15 Jahren ist sein Betrieb vom Mini-Reifendienst zum umfangreichen Dienstleister mit Reifenhotel gewachsen. Damit der Gasteig ausreichend Fläche hat, wurden Einfahrt und Büro umgebaut, für eine kleine Kinderecke  mit Kinosesseln ist trotzdem Platz. Hier bekommen wir Automaten-Getränke, viel Zeit zum Reden und weitere Tipps.

Was ist denn Ihre Kunst?
Reifen  begreifen. Reifen sind Hightech, da steckt so viel drin!

Ihre Bühne?
Mein Team arbeitet hier in der Werkstatt auf zwei Ebenen, wo wir Reifen wechseln, wuchten oder waschen, in Spitzenzeiten stehen die Fahrzeuge Schlange. Im Reifenhotel sind Räder für circa 700 Kunden eingelagert.

Was erhoffen Sie sich vom Gasteig-Einzug? 
Mir ist es wichtig, dass der Platz in diesem genialen Areal für uns alle auch in Zukunft ausreichend sein wird. Meine Kunden kommen aus Gewohnheit spontan und ohne Termin, da muss es schnell gehen, Autos sollten nicht Schlange stehen müssen. Persönlich freue ich mich über die neuen Nachbarn, die kulturelle Erweiterung, das Zusammenleben unterschiedlicher Gewerke und den Mix, der hier stattfindet. Es waren sogar schon einige Leute hier, um zu schauen, ob sich die Werkstatt als Bühne eignet. Ja, warum nicht?

Ihre Zukunft als Gasteig-Nachbar?
Einige Leute vom Gasteig kenne ich schon, zufällig habe ich mal einen Musiker auf der Bühne als Kunden erkannt. Ich werde natürlich Stammgast sein, von meiner Werkstatt aus muss man praktisch nur zweimal umfallen bis man drin ist im neuen Konzertsaal.




Text/Interviews: Maria Zimmerer
Fotos: Benedikt Feiten

In dieser Folge treffen wir einige Künstler*innen der Ateliers vom Haus F.

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