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28.10.2020

Menschlich und sehr poetisch – Joanne Leighton über »Türmer München«

Menschlich und sehr poetisch – Joanne Leighton über »Türmer München« WLDN/Joanne Leighton

Sie tanzt, choreografiert, schafft Neues und wandert – oft meilenweit, durch die Natur, zur Inspiration und ganz konkret: zu ihrer Türmer-Performance, wenn diese irgendwo neu startet. Joanne Leighton, Choreografin und Urheberin der Performance »Les Veilleurs« (fr. Originaltitel), bewegt sich mit ihrem Werk nun bald zehn Jahre durch europäische Städte. Für uns hat sie ihre Gedanken zu »Türmer München« in Worte gefasst.

Joanne Leighton bei La Strada Graz © Nikola Milatovic

Die Performance »Türmer München« von Joanne Leighton (WLDN) findet von 12.12.2020 bis 12.12.2021 auf dem Dach des Gasteig statt – zweimal am Tag, 365 Tage im Jahr, mit 730 Teilnehmenden. Diese werden jeweils für eine Stunde – hoch über der Philharmonie und ganz nach dem mittelalterlichen Vorbild – zum »Türmer« Münchens! Mehr Infos zu diesem Werk findet Ihr auf der Webseite von »Türmer München«!

Nach zehn Jahren »Türmer«: Welche Bedeutung hat Dein Werk für Dich, Joanne?
Ich fühle mich sehr bewegt und demütig, weil der ganze Arbeitsprozess etwas sehr Wichtiges für mich als Künstlerin ist. Ich bin jedes Mal sehr gerührt, wenn wir das Projekt starten: die Übergabe an das Team der jeweiligen Städte, zu sehen, wie es dort begriffen und weitergeführt wird, wie die Bürger/innen der Stadt ihren Platz in dem Projekt einnehmen. Und gerade in diesen Zeiten während der Corona-Beschränkungen bin ich sehr glücklich, die Performance weiterführen zu können. Die Beständigkeit des Werks fühlt sich relevant an mit Blick auf das, was wir gerade in der ganzen Welt erleben, es gibt ihm nochmal eine zusätzliche Bedeutung.

Hat sich das Projekt in diesen Jahren sehr verändert?
Es ist immer wieder neu, in jeder Stadt! »Türmer München« wurde nie zuvor gemacht – und zugleich machen wir das Projekt seit zehn Jahren. Die Autorschaft des Werks ist dabei immer die gleiche: Es geht immer um diese eine Stunde, zweimal am Tag, 365 Tage lang, zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang … das Herzstück war also immer sehr beständig. Was sich stark weiterentwickelt hat, ist aber zum Beispiel die Übergabe an das jeweilige Team und die Frage, wie wir das Projekt auch an Menschen herantragen, die keinen Zugang zu Kunst und Kultur haben. Diese Frage ist über die Jahre immer wichtiger geworden.

»Songlines« – Bühnen-Choreografie von Joanne Leighton © Laurent Philippe

Wie kam die Idee zur Türmer-Performance?
30 Jahre lang habe ich vor allem mit Tänzern auf der Bühne und für die Bühne gearbeitet. Vor rund zehn Jahren kam dann der Wunsch, die Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen und mit Bürger(inne)n zu arbeiten. Es war eine echte Entscheidung und ein sehr starker, wichtiger Moment in meiner Arbeit: Ich wollte Menschen involvieren, unabhängig davon, ob sie künstlerisch ausgebildet sind oder nicht, ihnen allen den gleichen Stellenwert geben. Und ich wollte wirklich ein Werk schaffen, dass nicht auf einer kleinen Bühne mit ein paar Metern Durchmesser stattfindet, sondern eines, das die ganze Stadt umfasst. Diese Idee der Gemeinschaft zieht sich durch mein Werk generell. Dabei will ich die Individualität jedes Einzelnen nicht abschaffen, sondern, dass wir alle in unserer Einzigartigkeit zusammenkommen. In diesem Projekt höre ich mich oft Sachen sagen, die ich auch zu meinen Tänzern auf der Bühne sage, auch dort geht es stark um die Präsenz jedes Einzelnen.

Präsenz und Wiederholung sind Kernpunkte der Performance, richtig?
Ja, ich liebe die Idee der Wiederholung: Der Rahmen ist der gleiche, zweimal am Tag für ein Jahr lang geschieht vermeintlich immer das gleiche, aber der Körper, die Person, die da oben auf dem Dach steht, ist jedes Mal eine andere. Es ist eine zarte, sanfte Präsenz des Körpers im öffentlichen Raum, sehr menschlich, aber zugleich sehr poetisch. Und die Präsenz war für mich immer schon wichtig: Ich bin eine Fußgängerin und liebe es, lange zu wandern und dann Ausschau zu halten. Diese sehr friedliche Erfahrung der Reflexion inmitten der Natur faszinierte mich schon immer. Und die Tatsache, dass das Reflektieren immer auch andere Menschen miteinschließt, auch wenn Du vermeintlich nur über Dein eigenes Leben nachdenkst. In dieser Performance schaust Du also über die Stadt, aber auch über die anderen Menschen, die in ihr leben. Aber was heißt es, andere Menschen, ihr Leben und ihre Geschichten wahrzunehmen? Andere Leben zu betrachten und auf andere achtzugeben, sich umeinander zu kümmern – im besten Sinne des Wortes? Auf solche Fragen möchte ich die Aufmerksamkeit lenken.

»Les Veilleurs d'Evreux«
© Frederic Grimaud

Was möchtest Du Münchens Türmern noch mit auf den Weg geben?
Wähle eine Zeit und ein Datum, die eine Bedeutung für Dich haben: Bist Du ein Morgen- oder eher ein Abendmensch? Willst Du Deinen Geburtstag, die Geburt eines Kindes oder Euer Hochzeitsdatum feiern? Denkst Du an den Moment, in dem Du zum ersten Mal in diese Stadt gezogen oder nach einer langen Reise wieder zurückgekehrt bist? Es sollte einen speziellen Grund für Deine Türmer-Stunde geben, das ist alles, was ich mir wünsche. Du brauchst keine Erfahrung in Kultur, Musik oder Tanz – es ist sehr einfach, und wir tun alles dafür, dass es für viele verschiedene Menschen möglich ist, mitzumachen. Denn wenn wir nur das Publikum erreichen, das ohnehin schon zu uns ins Theater kommt, dann haben wir etwas versäumt! Ich sehe den Türmer als Projekt, in dem jeder mitmachen kann und es keine Hierarchien gibt. Ich will nur, dass die Menschen authentisch sind, in dem wie sie sind, es gibt kein Kostüm, keine Künstlichkeit – Du kommst, wie Du bist und bist präsent, das ist alles.

Was sind die choreografischen Aspekte dieses Werks?
Das Stück an sich ist eine große Choreografie. Die Bewegung, die durch die Stadt geht, erschafft das Projekt zum einen im Laufe des Jahres, aber auch jedes Treffen der einzelnen Türmer mit ihren Begleitern und das Hochgehen aufs Dach ist wie eine Choreografie. Und dann ist da die Bewegung im Türmer selbst, dessen Silhouette man auf dem Dach sehen wird: Die Großartigkeit des Ausblicks, den er genießt, seine Gedanken und Gefühle, das ist nie etwas Statisches. Du kannst nie komplett still sein, Du hast immer Bewegung in Dir, in Deinem Körper. Du stehst da mit Deiner Stärke und Kraft und zugleich mit Deiner Zerbrechlichkeit, das ist das wichtige: Es geht nicht um die Stadt, sondern um die Menschen, die in ihr leben …

Hoch über der Philharmonie: Entwurf des Aussichtsraums © Benjamin Tovo

… und auf ihre Stadt blicken.
Ja, die Stadt ist wie eine Bühne und der Aussichtsraum des Türmers ist das Fenster zu dieser Bühne. Und dass der Gasteig selbst ein Theater, eine kulturelle Institution ist, unterstreicht die Tatsache, dass wir hier eine künstlerische Performance vor uns haben, auch wenn die Teilnehmer nicht »performen« müssen. Sie müssen nur die Präsenz halten, das ist aber im Grunde auch genau das, was Tänzer auf der Bühne machen. Wir haben also einen Performer und ein Publikum, nur, wir können nicht eindeutig sagen: Schaut der Türmer der Performance der Stadt zu oder die Stadt dem Türmer und seiner Performance, das geht alles zusammen und fließt ineinander über. Wenn ich auf der Bühne performe, sehe ich im Übrigen auch das Publikum, wir schauen uns gegenseitig an, es ist eine ganz direkte Verbindung.

Was ist Deine schönste Erinnerung aus der ganzen Türmer-Zeit bisher?
Es gibt so viele ... die Frau zum Beispiel, die bei ihrer Türmer-Stunde schwanger war und auf dem Austauschtreffen danach ihr Baby dabeihatte. Es war, als kannten wir das Baby schon, das Projekt hatte eine unsichtbare starke Verbindung zwischen uns hergestellt. Oder mein erster Türmer in Belfort, für den ich Begleiterin war: Am Ende seiner Stunde kam er aus dem Aussichtsraum, schaute hoch zu dem Fahnenmast, der dort in der Nähe stand und realisierte, dass der rhythmische Sound, den er die ganze Zeit gehört hatte, der des Metalls an dieser Stange war, was ihm eine sofortige Enttäuschung ins Gesicht zauberte: »Ich dachte, Du tanzt da draußen während meiner Sunde und das seien die Schnallen an Deinen Schuhen«, sagte er. Er wusste natürlich, dass ich Choreografin bin und diese Idee »Oh schön, Joanne macht ihren Tanz« und sein enttäuschtes Gesicht zugleich, das war irgendwie ein bezaubernder Moment. Oder das Pärchen: sie hielt morgens, er abends die Türmer-Stunde ab, sie hinterließ ihm eine kleine Notiz. Und der Passant in Belfort damals, der vorsichtshalber bei uns anrief, weil der Türmer fünf Minuten zu spät war (lacht) und wir wussten: da schaut jemand drauf. Es sind diese kleinen Geschichten, die mich am meisten berühren.

Was ist Deine Vision für den »Türmer« in der Zukunft?
Ich habe nie daran gearbeitet, das Werk weiter zu streuen, es kamen nur seit dem ersten Mal in Belfort immer wieder Anfragen aus unterschiedlichsten Städten auf uns zu. Solange dieses Interesse da ist, werden wir es auch weitermachen. Durch diesen jahrelangen Arbeitsprozess hat es immer mehr an Tiefe gewonnen, was natürlich schön ist. Aber der Kerngedanke ist eigentlich schon: Es ist eine Performance mit einem Anfang und einem Ende, es muss auch immer wieder aufhören. Eines der wichtigsten und vielleicht tiefgründigsten Dinge, die ich über eine meiner Performances einmal gehört habe, kam von einem Zuschauer in einem kleinen französischen Ort. Er sagte: »Ich habe Deine Performance angeschaut, habe sie mit Dir durchlebt, war sehr vereinnahmt davon und jetzt ist es vorbei. Aber in meinem Kopf geht es weiter und ich fühle es noch.« Das macht für mich Performance aus: Sie endet immer irgendwann, aber wenn sie Dich berührt hat, trägst Du etwas davon weiter in Dir – das ist der Grund, warum ich das mache.



Interview/Text: Judith Ludwig

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