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01.12.2015

Isar-Fotograf auf Rädern – »ISAR SICHT« im Gasteig

Isar-Fotograf auf Rädern – »ISAR SICHT« im Gasteig

»Wenn am Abend in München die künstlichen Lichter angehen, erwacht die Stadt zu einem anderen Leben,« findet Fotograf Stephan Paul Stuemer. Dann schnappt er sich sein Fahrrad, seine kleine Digital-Kamera und fährt auf Motivsuche vom Flaucher bis zum Mittleren Ring.

Seit zwei Jahren dokumentiert Stuemer auf diese Weise die Umgebung der Isar. Leben und Aktionen am Fluss interessieren ihn genauso wie Brücken und Tunnel-Perspektiven. Für unser Gespräch und eine gemeinsame Fotosession sind wir mit Stuemer ausnahmsweise schon tagsüber an der Isar verabredet.

Bild zeigt Fahrrad Stuemer

Beruflich haben Sie sich auf Studiofotografie spezialisiert. Wie kommt’s, dass Sie im Gasteig 50 Fotografien von der Isar zeigen?
Durch das Fotografieren draußen kann ich zwischendurch aus dem Studio ausbrechen. Wenn ich zum Beispiel »tabletop« fotografiere, dann ist das sehr penible Feinarbeit, kreative Millimeterarbeit auf kleinem Raum. Um da nicht verrückt zu werden, flüchte ich gerne aus dem Studio, setze mich aufs Fahrrad und fotografiere an der frischen Luft. Fotos wie für die Ausstellung »ISAR SICHT« im Gasteig mache ich quasi in meiner Freizeit.

Ihre Ausrüstung ist überschaubar: ein Fahrrad, eine Schraubzwinge und eine kleine Digitalkamera. Warum so reduziert?
Als Fotograf arbeite ich ja meist mit High-End-Equipment. Mit diesem Projekt möchte ich der breiten Bevölkerung und ihrer Sichtweise näherkommen. Meine Kamera befestige ich einfach mit einer Schraubzwinge am Fahrrad und seinen Elementen: am Rahmen, den Reifen, am Sattel oder Lenker. Manchmal nehme ich auch unser Fahrrad mit dem Kindersitz, der ermöglicht mir wieder andere Kamera-Perspektiven. Ehrlich gesagt, bin ich auch unglaublich faul geworden, viel Zeug mit mir rumzuschleppen. Die kleine Kamera habe ich halt einfach dabei, mit dem Rad bin ich auch oft unterwegs, so kann ich immer spontan fotografieren. 

Warum finden Sie die Isar als Motiv so interessant?
Ich wohne direkt an der Isar. Hier hat man noch Platz in der Innenstadt, aber ich sehe einen Wandel: Einige Grundstücksbesitzer und Politiker wollen freie Flächen an der Isar für sich nutzbar machen. Zum Beispiel gab es in der Fraunhoferstraße eine kleine italienische Pizzeria. Man hat sie weggerissen und Häuser mit mehreren Stockwerken dort gebaut. Das ging so schnell. Solch einen Wandel zu dokumentieren, finde ich interessant, so werden automatisch Veränderungen in München gezeigt.

Bild zeigt nächtliches Selfie von Stuemer

Sie leben seit 20 Jahren in München. Was hat sich an der Isar verändert?
Früher sah es dort ganz anders aus, die Isar war einbetoniert, von der Ästhethik her war das nicht schön. Man saß auf den Betonmauern, hat dort ein Bier getrunken, konnte aber damals nicht in der Isar baden. Es war viel ruhiger, nicht so belebt wie jetzt nach der Renaturierung. Damals war der Isarradweg ein normaler festgetretener Feldweg, heute ist er asphaltiert, was ich für völligen Irrsinn halte. Oft kommt es dort zu komplizierten und gefährlichen Situationen zwischen Fußgängern und Radfahrern. Heute rede ich darüber, normalerweise werden solche Themen und Kuriositäten an der Isar von mir still dokumentiert. Statements überlasse ich meinen Fotos.

Was haben Sie beim Fotografieren über München und seinen Fluss gelernt?
Ich bekomme unheimlich viel Geschichte dadurch mit. Spannend finde ich zum Beispiel den Isartalbahnhof in Thalkirchen: Der Bauherr wollte den Bahnhof wegreißen, durfte das aber aus Denkmalschutzgründen nicht. Jahrelang waren die Wartungshallen zerfallen, zwischenzeitlich gab es eine große überdachte Minigolfanlage darin, dann haben sich Künstler eingerichtet, denen wieder gekündigt wurde. Jetzt ist der Isartalbahnhof fast vollständig neu saniert. Stellt sich die Frage, was jetzt dort passiert. Ist es besser als vorher? Oft kann man es nicht so einfach sagen.

Bild zeigt Stuemer beim fotografieren

Haben Sie keine Angst, dass Sie mit dem Fahrrad zu schnell an möglichen Motiven vorbei flitzen?
Ich würde zu Fuß vielleicht mehr Details sehen, aber weniger von der Stadt. Wenn ich was Wichtiges sehe, radle ich da auch nochmal hin. Das Fahrrad ist schon auch Mittel zum Selektieren. Mein Tempo kann ich jederzeit anpassen, aber natürlich gibt es Dinge, an denen man schnell vorbeifährt.

Wo gefällt es Ihnen an der Isar am besten?
Am Flaucher ist es unglaublich schön und ruhig, man ist direkt am Wasser. Durch das Rumradeln abends habe ich noch andere schöne Ecken entdeckt. Es gibt Lebenspunkte an der Isar, die mir ein gewisses Gefühl von Heimat geben wie der kleine Kiosk »Isarwahn«. Die Betreiber bewirtschaften ihn schon seit Jahren und kämpfen mit immer neueren Auflagen. Dort verweile ich gerne, es braucht nicht immer die fette Gastro mit Bierbänken und Kastanienbäumen. Zu später Stunde, wenn der Verkehr nachgelassen hat, ist es auch auf der Praterinsel super. Da ist man mitten in der Stadt und es ist totenstill. Das ist irre! Und wenn es viel schneit wie letzten Winter, ist alles noch gedämpfter und ruhiger. Richtig schön!

Stephan Paul Stuemer möchte alle dazu motivieren, die eigene Stadt zu dokumentieren. Schließlich kann jeder den Wandel vor seinem eigenen Fenster beobachten. Hinschauen – abdrücken – neu schauen. So einfach geht’s!

Die Ausstellung »ISAR SICHT« ist von Freitag, 18. Dezember 2015, bis Donnerstag, 21. Januar 2016 im der Glashalle im Gasteig zu sehen. Täglich von 8 bis 23 Uhr. Eintritt frei.



Interview: Maria Zimmerer
Fotos bei Tag: Andreas Merz; Fotos bei Nacht: Stephan Paul Stuemer

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