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10.11.2016

»Wie wäre mein Leben wohl ohne Gasteig gelaufen?«

»Wie wäre mein Leben wohl ohne Gasteig gelaufen?«

Er hat hier mit Foto und Film experimentiert und in der Bibliothek fürs Abi gelernt, draußen seinen ersten Kuss bekommen und drinnen seinen zweiten Echo. Er hat die Jugendkonzerte in der Philharmonie moderiert und jetzt wird er bei MPHIL 360° als Sprecher bei »Peter und der Wolf« auftreten. Mehr Gasteig geht nicht! Malte Arkona im backstage-Gespräch:

 

Valery Gergiev möchte mit dem breit aufgestellten Festival MPHIL 360° alle Münchnerinnen und Münchner erreichen. Jeder soll die Chance bekommen, die Münchner Philharmoniker live zu erleben. Eine gute Idee oder?
Malte Arkona: Natürlich, sogar eine sehr gute. Das breitgefächerte Angebot ist beeindruckend. Nur wenn man die Gelegenheit hat, nah an die musikalische "Flammenspitze" zu kommen, wird man heiß auf Klassik und brennt für diese Musik. Warum sollten nur Gebäude barrierefrei sein und nicht auch die kulturellen Veranstaltungen in ihnen?

In zwei Aufführungen von Sergej Prokofjevs »Peter und der Wolf« unter der Leitung von Valery Gergiev wirst du als Sprecher mitwirken. Wie bereitest du dich darauf vor?
Ich kenne das Stück - wie die meisten - schon sehr lange. Als Kind habe ich der Platte mit Karlheinz Böhm gelauscht, inzwischen natürlich den Klassiker »Peter und der Wolf« mit einigen Ensembles und Orchestern selbst aufgeführt. Besonders spannend ist immer die erste gemeinsame Probe, in der man sich kennenlernt, die Tempi und die musikalische Sprache hört und seine eigenen Intentionen mit ihnen verbindet. Manchmal fallen mir dann andere Stimmfarben ein, als ich ursprünglich vorhatte.

Viele Besucher interessieren sich für das Problem des Lampenfiebers. Du hast jede Menge Liveauftritte auf der Bühne und im Fernsehen. Wie gehst du damit um?
Ich liebe das Kribbeln vor einem Auftritt, denn das belebt den Körper und macht die ganze Sache erst interessant. Alle Synapsen sind dann "auf Sendung". Falls die Aufregung mal stört, atme ich dreimal langsam ein und doppelt so lange aus. Der Herzschlag wird dann spürbar ruhiger.

Du bist viel unterwegs in ganz Deutschland. Es heißt ja immer, das Klassik-Publikum ist zu alt. Stimmt das denn wirklich?
Glücklicherweise erlebe ich das Gegenteil. Zum Einen bin ich froh über viele treue Klassik-Abonnenten, die dafür sorgen, dass Vieles überhaupt erst stattfinden kann. Es gibt seit gut 15 Jahren allerdings auch eine Riesenbewegung, die Klassik für nachwachsende Ohren erlebbar macht. Zum »hohen Ross« der Klassik wird quasi die Trittleiter geliefert, damit möglichst alle Platz nehmen können. Auch wenn einige Stücke überirdisch klingen, hat die niemand aus dem Himmel geschüttelt, sondern auch klassische Musik wurde von Menschen für Menschen geschrieben. Das »Unangenehme« ist für Einige vielleicht, dass man sich durch klassische Musik mit sich selbst beschäftigen muss. Das kann ungeduldig machen...Kinder sind da Erwachsenen gute Vorbilder im festen Willen, sich selbst weiter zu entwickeln.

Sind junge Menschen ein kritischeres Publikum?
Man bekommt die Kritik auf jeden Fall direkt und deutlich mit. Aufmerksamkeit bekommt man nur, wenn man etwas bietet. Ältere - mich eingeschlossen - setzen auch an langweiligen Stellen einer Veranstaltung ein diplomatisches Gesicht auf und denken hinter dieser »Maske« an etwas ganz anderes. Kinder kramen bei der Gelegenheit eben im Rucksack oder erzählen dem Nachbarn die neuesten Stories. Die faszinierten Gesichter von 1500 Kindern sind allerdings auch das größte Lob!

Was antwortest du jungen Leuten, die sagen, Klassik sei langweilig?
Junge Leute haben mir das witzigerweise noch nie gesagt. Eher erwachsene Fernsehkollegen, die dann aber oftmals noch nie in einem tollen Konzert waren. Falls das aber ein Kind zu mir sagen würde, ginge ich der »Langeweile« nach. Was genau ist langweilig? Die Länge der Stücke? Das Stillsitzen? Das Ruhigsein? Und schon kämen wir der Sache näher, denn all das macht ja Sinn und hat eine lange Geschichte. Heute isst man nicht mehr in der Oper, auf Sofas sitzend, rennt rein und raus und hört die »sinfonia« (die Mutter aller Klingelzeichen) irgendwo draußen, als Zeichen, dass die Bühnenhandlung beginnt. Man klatscht nichtmal mehr zwischen den Sätzen eines Klavierkonzertes, ganz im Gegensatz zu früher. Zu jeder Musik gibt es Interessantes, das so manchen Klassikknoten platzen lassen kann. Im Idealfall lässt man sich ohne Vorkenntnisse erstmal entspannt auf die Musik ein, dann kommt das Interesse womöglich von selbst.

Über viele Jahre hast du die Jugendkonzerte der Münchner Philharmoniker moderiert. Was war dein Eindruck, als du zum ersten Mal auf der Bühne der Philharmonie gestanden hast?
»Wow, ist das hier riesig!« Und dann fiel mir ein: »Huch, da sitzen ja wirklich die Münchner Philharmoniker...!« Das war schon eine große Ehre, mit einem solchen Orchester gemeinsam Konzerte zu gestalten.

Gibt es ein Erlebnis hier im Gasteig, an welches du besonders gern zurückdenkst?
Ich habe früher Stunden, Tage, Wochen in der Kinder- und Jugendbibliothek verbracht, denn ich bin in Haidhausen aufgewachsen und hatte noch eine der letzten Kindheiten, die gänzlich offline verliefen. Im Gasteig habe ich mein erstes Jugendfilmprojekt mitgemacht und Kurse, wie man Fotos entwickelt, saß in der Philharmonie in Konzerten von Brahms' »Deutschem Requiem« bis »Emerson, Lake und Palmer«. Ich habe unweit des Gasteig meinen ersten Kuss bekommen und innen meinen zweiten »Echo Klassik«. Morgens ging mein Schulweg am Gasteig entlang und aufs Abi habe ich dort auch gebüffelt. Wie wäre mein Leben wohl ohne Gasteig gelaufen??

Kannst du dich noch an das erste Klassik-Konzert erinnern, welches du besucht hast?
In der Philharmonie war das »Ein Deutsches Requiem« von Brahms mit den Münchner Philharmonikern unter Celibidache. Im Allgemeinen war das vermutlich etwas Weihnachtliches...

Hast du einen Tipp für alle, die »Peter und der Wolf« toll finden und bei der Klassik dran bleiben wollen. Welche Stücke sollten sie hören?
Das ist ja sehr individuell. Wer Klassik und Geschichten mag, kann neben dem zweiten Klassiker "Karneval der Tiere" auch »Alice im Wunderland« (von Henrik Albrecht oder auch Martin Bärenz) oder »Die verlorene Melodie« (Andreas N. Tarkmann) hören. Es gibt aber auch tolle Versionen von »Peter Pan«, »Max und Moritz« oder Tarkmanns »Na warte, sagte Schwarte«. Man könnte auch von Instrumenten ausgehen. Wer Klavier besonders mag, kann ja mal ein Klavierkonzert besuchen. Auf jeden Fall so viele Live-Konzerte wie möglich. Das ist so ein besonderes Ereignis in dieser Youtube-Welt, dass da wahrhaftig 30 oder 80 Leute sitzen und für DICH Musik machen. Es gibt zahlreiche interaktive Konzerte und Angebote für verschiedenste »Zielgruppen«, teilweise sogar »Schwangeren- und Krabbelkonzerte«...

Und verrätst du uns noch deine persönliche Lieblingsmusik?
Da bin ich eher ruhiger unterwegs, als Ausgleich zur täglichen Reiserei und Dreherei. Sting, Eric Clapton, Gary Moore und weitere »Rock-Opas« schallen gern mal durch meinen Kopfhörer.

Im Rahmen des Festivals MPHIL 360° finden am 12. November 2016 um 11.00 Uhr und um 12.30 Uhr zwei Familienkonzerte in der Philharmonie im Gasteig mit »Peter und der Wolf« von Sergej Prokofjew statt. Für beide Konzerte sind noch Restkarten erhältlich.

Das komplette Festivalprogramm gibt es auf der Homepage der Münchner Philharmoniker.


Interview: Ingolf Müller
Fotos: wildundleise.de, Andrea Huber

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