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24.02.2017

»Vielleicht noch bunter!«

»Vielleicht noch bunter!«

Seit 1999 war Brigitte v. Welser Geschäftsführerin im Gasteig – Ende Februar verabschiedet sie sich in den wohlverdienten Un-Ruhestand

Bild zeigt altes Bild vom Gasteig-Spatenstich

Seit Januar 1999 war sie als »Erziehungsberechtigte« verantwortlich für alles, was innerhalb des Backsteinbaus passiert. Ende Februar geht Brigitte v. Welser in den Ruhestand, Nachfolger Max Wagner hat ihr bereits ein Jahr als stellvertretender Geschäftsführer bei der Arbeit über die Schultern geschaut. Kurz vor der Übergabe des Staffelstabes erzählt Brigitte v. Welser von alten Zeiten und berührenden Gasteig-Erlebnissen. Von ihrem ersten Gasteig-Moment hat sie aus dem privaten Fotoarchiv eine historische Aufnahme herausgekramt.

Brigitte v. Welser: Dieses Foto ist beim ersten Spatenstich im April 1978 entstanden: Damals war ich Leiterin der Städtischen Musikbibliothek, die ja in den Gasteig umziehen sollte, eingemeindet in die Zentralbibliothek. Zwischen vielen anderen städtischen Menschen stand ich ganz staatstragend auf dem gerodeten Gelände, das heute unser Celibidacheforum ist, und sah Herrn Oberbürgermeister Kronawitter zu, wie er mit einem Bagger ein bisschen Erde aufgekratzt hat. Alle sehen irgendwie miesepetrig und freudlos aus, so als ob sie Bammel vor diesem entstehenden Riesen-Kulturzentrum hätten. Der Bau war ja keineswegs unumstritten (…).

Bild zeigt Ausschnitt altes Bild vom Spatenstich mit Brigitte v. Welser

Apropos Bammel: Wie war denn 1999 Ihr erster Tag als Gasteig-Chefin?
Ich wachte auf, hatte Halsweh und dachte, auweia, wenn Du jetzt eine Grippe kriegst und schon in der ersten Woche zuhause bleiben musst, bist Du geliefert. Aber schon am ersten Tag war alles wahnsinnig spannend. Frau Aichele, die Chefsekretärin, war so fürsorglich, und alle, die ich aus unserer Belegschaft traf, signalisierten mir: Herzlich willkommen! Das machte mir Mut zum Aufbruch. Ich hatte mir einiges vorgenommen und musste schon manchmal mit dem Fuß aufstampfen, um Veränderungen anzustoßen.
 
Was hat Sie all die Jahre motiviert? Wie wollten Sie den Gasteig prägen?
Seit die Idee »Gasteig« Gestalt annahm, war ich schon interessiert und fasziniert. Als ich dann 1980 von meiner geliebten Städtischen Musikbibliothek ins Kulturreferat zu Jürgen Kolbe wechselte, war der Gasteig immer ein großes Thema. Endlich hatten wir die Plattform, auf der sich städtische Kultur- und Förderungspolitik richtig austoben konnte. Es war toll, dass ich da mittendrin steckte und später als Abteilungsleiterin für Musik, Theater und Tanz im Kulturreferat auch am intensivsten mit dem Gasteig-Programm zu tun hatte. Mir war immer wichtig, dass sich alle hier im Gasteig wohlfühlen, nicht nur weil sie selbst hier gut arbeiten können, sondern weil auch andere hochrangige Institute hier ansässig sind und das Miteinander einen großen Mehrwert darstellt. Als Gasteig München GmbH müssen wir alles tun, um das Haus als Ort der Begegnung, des Lernens und der Unterhaltung für alle zu einem positiven »Hotspot« Münchens zu machen.

Was hat Sie besonders viele Nerven gekostet?
Meine unermüdlichen Vorstöße in den Medien und bei sogenannten Meinungsbildnern, den Gasteig endlich als das anzuerkennen, was er ist: eine großartige nachhaltige Leistung im Sinne einer aufgeschlossenen, demokratischen Kulturpolitik, ein unkompliziert anzusteuernder Fixpunkt für alle. Ein Ort, der Bildung und Kultur in allen Facetten konzentriert, die eine Großstadt bieten kann. Und der einen großen Konzertsaal beinhaltet, der mit seiner Anmutung und Akustik von Anfang an schlechter geredet worden ist, als er in Wirklichkeit ist. Die ewige Floskel »Kulturbunker Gasteig« machte und macht mich rasend. Die Lebendigkeit des Areals wird jeden Tag aufs Neue bewiesen. Anstrengend war auch die Sorge darum, dass die Entscheidung für die anstehende Generalsanierung nicht rechtzeitig fallen könnte. Sie ist jetzt, nach acht Jahren Diskussion, vom Münchner Stadtrat gefällt worden. Das ist schön! Die Verwirklichung werde ich zwar nicht mehr verantworten, aber natürlich werde ich auch künftig mitfiebern.

Bild zeigt Schuhe auf rotem Teppich

Unter Ihrer Federführung hat sich der Gasteig auch optisch deutlich verändert. Warum liegt eigentlich überall roter Teppich?
Nicht etwa, weil Rot meine Lieblingsfarbe ist. Am liebsten wollte ich den Teppichboden ganz rausreißen und mit Holz arbeiten. Das ging aber wegen der Gesamtakustik nicht, da wir weitestgehend Betondecken haben, die null dämpfen. Deshalb muss zumindest der Boden dämpfend wirken. An Kork hat man sich damals nicht herangetraut wegen der Wahnsinns-Belastung, schließlich laufen hier jeden Tag über 6.000 Leute rum. Einfarbig ging auch nicht, sonst müsste man wegen der Flecken nur noch Putzkolonnen durchschicken. Also war klar, wir brauchten gemusterten Teppichboden. Dann fing im Rahmen verschiedener Umgestaltungsmaßnahmen ein Architekt an, den Backstein zu analysieren. Aus dem Grau-Rot-Anteil haben sich dann die zwei heutigen Muster ergeben, extra von einem deutschen Teppichdesigner für den Gasteig entworfen.

Bild zeigt illuminierten Gasteig

Welche Ereignisse bleiben für Sie unvergesslich?
Da gibt es viele: Zum Beispiel die Münchner Klaviersommer-Zeiten und insbesondere das letzte Konzert mit Miles Davis. Die Fusion des Richard-Strauss-Konservatoriums mit der Hochschule für Musik und Theater München und der Aufwind im Gasteig durch das Jazz-Institut, den Volksmusik-Schwerpunkt und das Kulturmanagement-Institut. Die Inbetriebnahme des Restaurants »gast« nach unserem ersten »Brush up«, der das Haus insgesamt heller und moderner gemacht hat. Damit gab es endlich eine schöne Terrasse, auf der auch die Nachbarschaft Haidhausens gerne verweilt. (…) Ich erinnere mich auch noch sehr gut an den Augenblick, an dem zum 20-jährigen Bestehen des Gasteig die teufelsrote Illuminierung des Gebäudes angeknipst wurde. Wir haben vom Speisesaal des Hotels gegenüber zugeschaut, wie symbolisch der Schalter gedrückt wurde. Das war ein echter »Wow«-Moment!

Wo sehen Sie den Gasteig in 30 Jahren?
Nach wie vor am Rosenheimer Berg, am gachen Steig mit einem zusätzlichen Restaurant, hoch droben, mit stolzem Blick auf unsere Stadt. Und mit zusätzlichen Rooftop-Nutzungen, die den Gasteig auch auf dem Dach rund um die Uhr offen halten. Ich glaube, dass er immer eine Riesenbedeutung für München haben wird als Lern-, Bildungs- und Unterhaltungsort für Jung und Alt. Ich stelle ihn mir vielleicht noch bunter vor, weil sich die Stadtgesellschaft verändert und wir viele fremde Kulturen mit einbeziehen können.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie sich ab sofort nicht mehr um den Gasteig kümmern müssen?
Dass ich mir meine Zeit freier einteilen kann. Ich habe genügend Bücher zuhause, die darauf warten, gelesen zu werden. Vor allem amerikanische Literatur im Original, vom 20. Jahrhundert bis jetzt, gefällt mir sehr gut. Und ich freue mich, dass ich mein Enkelkind etwas öfter sehen werde als bisher. Diesbezüglich werde ich bestimmt etwas mehr »verpflichtet«, weil ich dann ja den Gasteig nicht mehr als Ausrede habe (lacht).

Sie könnten den Gasteig dann ja mit Ihrem Enkelkind besuchen?!
Das versuche ich jetzt schon die ganze Zeit. Ich war mit ihr – sie ist noch keine vier Jahre alt – bei der Eiskönigin in der Philharmonie, zum ersten Mal in voller Länge. Sie wollte alles sehen, auch die bösen Stellen, und hat gesagt: Da gehen wir wieder hin, aber dann verkleidet! Denn zu ihrem Leidwesen hatte sie ihr Eisköniginnen-Kostüm nicht an, andere Besucher hingegen schon. Ich sehe schon, sie ist die geborene Veranstaltungsbesucherin!



Interview: Maria Zimmerer
Titelfoto und Foto 3: Gasteig München GmbH / Andreas Merz
Foto der Gasteig-Illuminierung des Künstlers Götz Lemberg: Gasteig München GmbH / Matthias Schönhofer
Porträt Brigitte v. Welser: Volker Derlath

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