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15.06.2016

»Schreiben im Lesesaal, Denken auf den Treppen«

»Schreiben im Lesesaal, Denken auf den Treppen«

Im orangen Gasteig-Winkel: Regisseurin Anca M. Lăzărescu (37) hat im Gasteig ein Drehbuch geschrieben. Jetzt feiert ihr Film beim Filmfest München Weltpremiere.

Bild zeigt Autorin in der Bibliothek

»Drehbuchschreiben ist wie Gymnastik in einer Telefonzelle. Man muss sich immer wieder von vielen Einschränkungen freimachen. Der Gasteig hat mich in dieser lebenswichtigen Phase jeden Tag begleitet!«

Lange ist die Regisseurin und Autorin Anca Miruna Lăzărescu regelmäßig mit der S-Bahn von Dachau zum Rosenheimer Platz gefahren und dem Alltag entflohen. Weit weg von Ablenkungen wie Kühlschrank und Wäsche zuhause hat die zweifache Mutter verschiedene Münchner Büchereien ausprobiert und schließlich den idealen Platz zum Drehbuchschreiben im Lesesaal der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig gefunden. Ihr Lieblingsplatz: ein heller Tisch am Fenster neben einem freundlichen grünen Bäumchen im 2. Stock. Wehe, dieser Platz und mögliche Alternativen waren bereits belegt, dann war die Laune mies und der Tag ebenso.

Zum Glück kamen derartige Platzprobleme eher selten vor. »Der Gasteig war für mich alles in einem: Aufenthalts- und Rückzugsraum, ein Ort, an dem Enthusiasmus und Verzweiflung oft nahe beieinander lagen. Hier bekam ich die nötige Ruhe zum Schreiben, rückenfreundliche Stühle, schnellen Zugang zu umfangreichem Recherchematerial und, ganz wichtig, einmal am Tag ein gutes Mittagessen!« Da sich in der Stadtbibliothek noch etliche andere Autoren und Drehbuchschreiber tummeln, verabredete sich die ehemalige Studentin der Hochschule für Fernsehen und Film München sogar immer wieder mit ehemaligen Kommilitonen zur Mittagspause im Restaurant »gast«.

Ausgerüstet mit der existentiellen Flasche Wasser, Laptop, Notizbuch und Silikon-Ohrstöpseln konnte Anca M. Lăzărescu viele Wochen konzentriert im Lesesaal arbeiten, die Filmfiguren in ihrem Kopf sprechen lassen oder auch einfach nur aus dem Fenster gucken, meditieren und andere Leidensgenossen beobachten. »Es gab öfters Punkte, an denen ich nicht weiterkam, aber vor wichtigen Abgabeterminen unbedingt Entscheidungen treffen musste. Dann bin ich im Gasteig solange Treppen rauf und runter gelaufen, bis ich mich festgelegt hatte. Oder ich habe Todesanzeigen, Wetterberichte und Stellenangebote von 1968 gelesen, um neue Impulse zu erhalten.«

Bild zeigt Autorin in der Bibliothek

In dieser Zeit – im Sommer 1968 – spielt Lăzărescus Langfilmdebüt »Die Reise mit Vater«. Eine Familie reist mit dem Auto aus Rumänien in die DDR, wo der Vater heimlich operiert werden soll. Kaum angekommen, rollen jedoch sowjetische Panzer ein, die Grenzen werden dicht gemacht und damit sterben sämtliche Hoffnungen auf eine Operation. Nach Tagen großer Ungewissheit dann die Nachricht, dass eine Rückreise nach Rumänien über den Osten ausgeschlossen sei. Stattdessen erhält die Familie ein 48-Stunden-Visum für den Transit über die BRD und damit die Chance, zu entscheiden, ob sie im Westen bleibt oder in die Heimat Rumänien zurückkehrt. Lăzărescu: »Natürlich bringt so ein erster Langfilm einen Riesendruck mit sich, noch dazu weil er historisch ist und auf der Geschichte meines Vaters beruht«.

Bild zeigt Ausschnitt aus Drehbuch

Die Erwartungen sind hoch, wenn Lăzărescu ihren Film jetzt Ende Juni auf dem Filmfest München vorstellt. Allein ihr Kurzfilm »Silent River« wurde weltweit mit mehr als 80 Preisen ausgezeichnet. Und schon zu Beginn ihrer Karriere hat sie als Filmstudentin einiges im Gasteig erlebt: »Damals, Anfang 2000, lief im Gasteig parallel zum Internationalen Filmfest auch das Studentenfilmfestival. Ich erinnere mich an wundervolle Begegnungen mit Studenten aus der ganzen Welt. Ein israelischer Student wurde vorab als Hauptpreisträger gehandelt, ging aber bei der Preisverleihung leer aus.

Heimlich haben wir uns damals nach der Zeremonie in die Philharmonie geschlichen, wo er dann seine vorbereitete Rede doch noch halten konnte. Und ich war die einzige im Publikum. Der Gasteig wird mich auf jeden Fall wiedersehen, wenn ich am nächsten eigenen Film schreibe!«

Wir drücken Anca Miruna Lăzărescu die Daumen für eine erfolgreiche Premiere von »Die Reise mit Vater« beim Internationalen Filmfest München 2016. Die Weltpremiere ihres Spielfilmedebüts findet am Sonntag, 26. Juni, statt.

Weitere Infos unter www.filmfest-muenchen.de
(Direkt zum Film: www.filmfest-muenchen.de/de/programm/filme/film/?id=5077)



Text: Maria Zimmerer
Fotos: Andreas Merz / Gasteig München GmbH

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